Bayern 1 - Experten-Tipps


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Papier versus Papier Wie sinnvoll und gut ist Recyclingpapier?

Die Welt ist hochtechnisiert - doch ohne Papier geht es nicht. Hier ein Ausdruck, dort eine Notiz und eine Grußkarte aus Papier ist nach wie vor: persönlicher. Nur muss es immer "frisches" Papier sein?

Von: Alexander Dallmus

Stand: 30.10.2013

Illustration: Die Biene liest auf einem Stapel neuem Papier sitzend ein Buch, der Umweltkommissar trägt einen Stapel Altpapier | Bild: BR/Susanne Baur

"Think before you print"

Für jedes Kilo Frischfaserpapier werden in der Produktion 2,3 Kilogramm Holz benötigt. "Fast jeder zweite industriell gefällte Baum weltweit wird zu Papier verarbeitet", kritisiert die Umweltorganisation WWF. Ob Zellstoffe oder Papier, Deutschland ist nach den USA der größte Importeur und weltweit der viertgrößte Papierproduzent. Allerdings wird hierzulande so viel Altpapier gesammelt, wie sonst nirgends auf der Welt.

Der nächste Stapel Kopierpapier verleitet oft dazu, auch unwichtige Dokumente "einfach" auszudrucken.

Etliche Unternehmen und Kommunen appellieren deshalb im Kampf gegen die Papierverschwendung an das Gewissen. Jeder kennt die Hinweise, die meist so oder so ähnlich lauten: "Bevor Sie diese E-Mail ausdrucken, prüfen Sie, ob dies wirklich nötig ist. Umweltschutz geht uns alle an!" Gebracht haben die Aufrufe bislang wenig. Im Schnitt hat jeder Deutsche, nach Angaben des Verbandes Deutscher Papierfabriken, im letzten Jahr 244 Kilo Papier verbraucht und damit wieder deutlich mehr als im EU-Durchschnitt. Der Höchststand von 253 Kilo im Jahr 2007 ist zwar nicht mehr erreicht worden – das liegt aber nur am Rückgang der Print-Produkte wie Zeitungen und Werbeblättern.

Dabei ist die Technik für das papierlose Büro seit Jahren vorhanden. Intelligente Dokumentenverwaltung könnte die Ablage von Papier in den meisten Fällen überflüssig machen. In der Zahl von 244 Kilo Papier sind zwar alle Papierarten vom Schuhkarton bis zum Toilettenpapier enthalten – das Drucker- und Kopierpapier macht aber einen deutlichen Teil der Summe aus.

Laut einer repräsentativen Studie von TNS Emnid, die aktuell von Greenpeace in Auftrag gegeben wurde, achten 43 Prozent der Deutschen nach eigenen Angaben bereits beim Kauf von Toilettenpapier auf Recycling-Material. Nur zehn Prozent der Verbraucher entscheiden sich bewusst für Toilettenpapier aus frischen Fasern. Kaufkriterien sind vor allem die Anzahl der Lagen und der Preis. Ob recyceltes Papier besser für die Umwelt ist, steht erst an dritter Stelle. Der Anteil von Recyclingfasern bei Hygienepapieren lag 2012 nur noch bei 51 Prozent.

Recyclingpapier im Aufwind

Der Qualitätsunterschied zwischen frischem und Recyclingpapier ist in den vergangenen Jahren deutlich geringer geworden.

Immerhin: Umweltfreundliches Papier ist auf dem Vormarsch. Immer mehr Städte und Gemeinden entscheiden sich dafür. In Deutschland haben bislang 15 Städte komplett auf Recyclingpapier umgestellt. Die durchschnittliche Recyclingpapierquote der Großstädte lag 2012 erstmals über 80 Prozent, neun Prozent mehr als im Vorjahr. Als "recyclingpapierfreundlichste Stadt Deutschlands" ist kürzlich Halle an der Saale ausgezeichnet worden. Die Stadt verwendet wie Nürnberg in Verwaltung und Schulen zum Beispiel ausschließlich Papier mit dem Blauen Umweltengel.

Zahlen und Fakten zu Frischfaserpapier

Der Rohstoff für Frischfaserpapier wird aus Holz gewonnen, genauer aus Holz- oder Zellstoff. Vor allem der Zellstoff wird in Deutschland weitgehend importiert (80 Prozent) und der hierfür verwendete Rohstoff "Holz" stammt oftmals aus Urwaldgebieten.

"Zellstoff wird in Plantagen hergestellt, meist aus Eukalyptus hergestellt, und um diese Plantagen anlegen zu können, wird Tropenwald gerodet. Da heißt je mehr Zellstoff wir hier verbrauchen, desto mehr Plantagen gibt es und desto eher verschwindet der Regenwald, zum Beispiel in Brasilien."

Volkhard Wille, Tropenwaldstiftung 'Oro Verde'

Aber auch die nordischen Urwälder in Russland, Schweden oder Kanada sind betroffen. Meist ist der industrielle Holzeinschlag für die Gefährdung der globale Urwälder verantwortlich. In Nordamerika zu 80 Prozent, in Russland sogar bis zu 85 Prozent. Klimaveränderung und Bodenerosionen sind darauf zu einem nicht unerheblichen Teil zurückzuführen. Jahr für Jahr verschwinden 12 bis 15 Millionen Hektar Wald - das entspricht einer Fläche dreimal so groß wie die Schweiz. Hochgerechnet verschwindet alle zwei Sekunden Urwald in der Größe eines Fußballfeldes!

Die Mengen an Papier sind immens, auch wenn frisch hergestelltes Papier etwas weniger produziert wird.

Allerdings gibt es sehr wohl Papier, welches aus ökologischer Waldnutzung stammt. Auch für dieses Papier gibt es verschiedene Zertifizierungen, wobei das Siegel des Forest Stewardship Council (FSC) als einziges glaubwürdig für eine ökologische Waldnutzung gilt. Allerdings sind mittlerweile gleich drei Siegel des FSC im Umlauf, die sich ähneln, aber sich nicht auf den Herstellungsprozess oder den Gesundheitsschutz beziehen. Waldschutz wird nur bei den Zertifikaten FSC-100% und FSC-Recycled gewährleistet.

Auch im Herstellungsprozess beanspruchen Frischfasern sowohl die Umwelt als auch die Ressourcen wesentlich intensiver. So werden die Frischfasern aus dem Holzverbund meist mittels Chemikalien herausgelöst, das bedeutet es kommen saure oder alkalische Schwefelsalzsäuren zum Einsatz. In Europa wird zur Bleiche, mit der Verunreinigungen entfernt werden, hauptsächlich chlorarme Bleiche verwendet, aber auch diese Chemikalien sind sehr schädlich und umweltbelastend. Deshalb täuscht der Zusatz "chlorfrei" darüber hinweg, dass eben nur kein "elementares Chlor" verwendet wird.

Trotzdem ist der Energie- und Wasserverbrauch bei der Herstellung von Papier aus Frischfasern enorm. Selbst wenn für die Zellstoffherstellung der Wasserkreislauf geschlossen wird, kann der Verbrauch lediglich auf 20 Kubikmeter Wasser pro Tonne Papier gesenkt werden.

Zahlen und Fakten zu Recyclingpapier

Der Altpapiereinsatz liegt in Deutschland immer noch bei insgesamt 72 Prozent, wobei Zeitungen meist zu 100 Prozent aus Altpapier gewonnen werden, Druck- oder Büropapier aber noch nicht mal zu einem Drittel (31 Prozent). Der Vorteil von Papierfasern liegt darin, dass sie bis zu sieben Mal wiederverwendet werden können. Deshalb ist Altpapier auch der Rohstoff aus dem Recyclingpapier gewonnen wird. Es ist kein frisches Holz notwendig. Da das Altpapier in Deutschland gesammelt wird, sind auch die Transportwege deutlich kürzer.

Ein Blick in den Papierkorb eines Büros dürfte täglich diesem Foto ähneln. Da lässt sich sicher Papier einsparen.

Die Sekundärfasern des Altpapiers können zudem durch Auflösen in Wasser und Trocknen gewonnen werden. Gebleicht wird hier vorrangig mit Wasserstoffperoxidin, um ein Vergilben der Fasern zu vermeiden. Es steht aber außer Frage, dass ein völliger Verzicht auf das Bleichen besser ist für die Umwelt. Je nachdem, für was recyceltes Papier später eingesetzt werden soll, kann es unter Umständen trotzdem massiv behandelt werden. Zum Beispiel wenn es im graphischen Bereich eingesetzt werden soll. Da hier nur hochwertige Papiere verwendet werden können, müssen Druckfarben beispielsweise im so genannten "Deinking"-Verfahren entfernt werden. Deshalb sind hier auch unter anderem Natronlaugen oder Tenside im Einsatz, die die Druckfarben von den Fasern lösen sollen. Dennoch ist gerade ausgewiesenes Umweltpapier nicht mit Chemikalien behandelt.

"Recyclingpapier spart gegenüber Frischfaserpapier bis zu 60 Prozent der Energie, bis zu 70 Prozent Wasser sowie CO2-Emissionen und Abfall."

Präsident des Umweltbundesamtes Jochen Flasbarth

In den vergangenen Jahren hat sich zudem die Qualität des Recyclingpapiers ständig verbessert, so dass selbst Stadtarchive mittlerweile recyceltes Papier verwenden und Urkunden ausgestellt werden können. Prinzipiell sind alle Büroanwendungen inzwischen mit Recyclingpapier möglich. Zahlreiche Untersuchungen der Stiftung Warentest haben auch immer wieder ergeben, dass Recyclingpapier weder für vermehrten Papierstau in Kopierern, noch für eine höhere Staubentwicklung verantwortlich ist - auch wenn sich diese Gerüchte nach wie vor hartnäckig halten. 

Im Nachhaltigkeitsvergleich

Je nach Papierqualität und Herstellungsart, ist der Verbrauch an Rohstoffen und Energie bei der Herstellung von Frischfaserpapier um ein Vielfaches höher als bei der Herstellung von Recyclingpapier. Das Institut für Energie- und Umweltforschung (IFEU) Heidelberg hat hinsichtlich des ökologischen Vergleichs von Büropapieren in Abhängigkeit vom Faserrohstoff bereits 2006 festgestellt, dass der Energiebedarf bei der Zellstoffherstellung aus Holz deutlich höher ist, als bei der Altpapieraufbereitung. Recyclingpapier schneidet demnach auch beim Bedarf fossiler Ressourcen, beim Treibhauseffekt und der Versauerung im Vergleich deutlich besser ab, heißt es in der Studie. 

Weiter sind entscheidend:

  • Der erheblich höhere Wasserverbrauch
  • Die langen Transportwege durch den Import von Holz
  • Der erhöhte Einsatz von Schwefel bei der Ablauge

Um die Einsparung der Ressourcen bei der Herstellung von Recyclingpapier, im Vergleich zu Papier aus Frischfasern zu verdeutlichen, hat das IFEU Heidelberg errechnet, dass bereits die Produktion von 500 Blatt Recyclingpapier, im Vergleich zu 500 Blatt Frischfaserpapier, so viel Energie spart, dass eine 100-Watt-Glühlampe 44 Stunden brennen könnte. "Wenn ich eine Tonne Recyclingpapier kaufe, anstatt Frischfaserpapier", sagt Martina Krüger vom IFEU, "spare ich beispielsweise 1,6 Tonnen Holz in der Trockenmasse ein."

Eine Flut von Siegeln

Das bekannteste und verlässlichste Siegel auf dem Papiermarkt: der "Blaue Engel".

Mittlerweile sind viele Papiere zertifiziert und es gibt eine Flut von Siegeln und Kennzeichnungen, die allerdings nicht immer sehr strengen Kriterien folgen. Das bekannteste deutsche Umweltzeichen für Papier ist sicher der "Blaue Engel" und wird auch von den meisten Umweltschutzorganisationen und Verbraucherorganisationen anerkannt. Bei Papier, das den "Blauen Engel" trägt und entsprechend gekennzeichnet ist, müssen die Papierfasern zu 100 Prozent aus Altpapier kommen. Als Farbmittel sind keine Azofarbstoffe sowie Bestandteile mit Quecksilber, Blei oder andere schädlichen chemischen Verbindungen zugelassen. Zudem sind optische Aufheller nicht zugelassen. Ebenfalls sehr streng sind die firmeneigenen Siegel "ÖKOPA" und "ÖKOPAplus" sowie das Label vom Verbund selbstverwalteter Betriebe für Umweltschutz Papier "vup".

Das offizielle Zeichen der EU, die "Europäische Blume", stellt bereits wesentlich niedrigere Anforderungen an Recyclingpapier. Das Zertifikat ist bislang nur auf Toilettenpapier- oder Küchenpapierpackungen zu finden. Angeblich müssen hierfür zwar auch niedrige Schadstoffemissionen und eine nachhaltige Forstwirtschaft garantiert werden, allerdings sind die Kriterien nicht genau festgelegt und es mangelt offenbar an Kontrollen. 

Die Siegel "Aqua Pro Natura" und "Weltpark Tropenwald" werden vom Verband der Lernmittelhersteller vergeben. Dass hier damit geworben wird, dass kein Holz aus den Tropen verwendet wird, bedeutet aber leider nicht, dass kein Holz beispielsweise aus den nordischen Urwäldern zu Papier verarbeitet wird. Dass Papier heutzutage "chlorfrei" gebleicht wird, ist zudem Standard und nicht unbedingt Ausdruck nachhaltiger Herstellung. Auch das Label "100% Altpapier" gibt keine Auskunft über die Chemikalien, die bei der Produktion verwendet werden.   

Fazit

Für die Verwendung von Papier gilt prinzipiell: Alles, was nicht gedruckt wird, wird gespart. Dabei ist es zunächst egal, ob es sich um Recyclingpapier oder Frischfaserpapier handelt. In Sachen Papier steht aber fest, dass Altpapier die bessere Alternative ist. Das beginnt beim Rohstoff Holz, der in den meisten Fällen nicht aus der heimischen, ökologischen Forstwirtschaft stammt und damit bereits einen langen Transportweg hinter sich hat, der sich sehr negativ auf die Ökobilanz auswirkt. Auch wenn die Zell- oder Holzstoffe nicht direkt von Tropenhölzern gewonnen werden, stammen diese doch zumeist von Plantagen, für die Tropenwald gerodet werden musste, oder aus nordischen Urwäldern, die gleichermaßen erhaltenswert sind. Die Herstellung von Recyclingpapier belastet die Umwelt in jeder Hinsicht weniger und die Qualität von Recyclingpapier ist - bis auf sehr, sehr wenige Ausnahmen - der Qualität von Frischfaserpapier absolut ebenbürtig.


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