Bayern 1 - Experten-Tipps


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Milch Kommt "Alpenmilch" wirklich aus den Alpen?

Glückliche Kühe, die auf sattgrünen Alpenwiesen friedlich grasen - so stellen wir uns das vor, wenn auf der Milchtüte "Alpenmilch" steht. Aber kommt die Milch wirklich aus den Alpen? Der Bayern 1-Umweltkommissar ermittelt.

Von: Alexander Dallmus

Stand: 17.07.2013

Illustration: Der Umweltkommissar trinkt Milch während die Biene mit dem Strohhalm aus dem Milchkarton saugt | Bild: BR

Verbraucher sind anfällig für jede Art von Marketingkonzepten, die ein gutes Gefühl beim Einkauf geben. Trotz aller Skepsis verlassen sie sich auf das, was auf den Verpackungen steht und angeboten wird. Eigentlich kein Problem, denn schließlich gibt es Gesetze, Bestimmungen und Tausende von Richtlinien, die den Herstellern vorgeben, was sie auf ihre Produkte schreiben dürfen und was nicht.

Allerdings gibt's eine ganze Reihe von Begriffen, die nicht genau eingegrenzt oder definiert sind. Das bietet den Herstellern Möglichkeiten der Auslegung. Es ist nicht wirklich Betrug, hier die Möglichkeiten auszuschöpfen. Hersteller haben ein Interesse daran, dass ihr Produkt bestmöglich angeboten, beworben und verkauft werden kann.

Alpen-Idylle

So stellen wir uns die "Produzenten" der Alpenmilch vor - Almidylle pur!

Wenn Schokoladenhersteller oder Molkereien mit "Alpenmilch" oder "aus gesunder Alpenmilch" werben, erscheint vor dem inneren Auge des Konsumenten sofort Alpenidylle pur: Kühe grasen auf grünen Berghängen und führen ein glückliches Leben auf der Alm. Doch dieses Bild entspricht in den meisten Fällen nicht der Wirklichkeit. Landwirtschaft ist in vielen Fällen Agrarindustrie und damit darauf bedacht, möglichst effizient zu produzieren. Das geht im Hochleistungsstall besser als auf der Almwiese.

Für Bio-Produkte gibt es ganz klare und festgeschriebene Rahmenbedingungen, die eingehalten werden müssen. Bei Bio-Milch darf zum Beispiel grundsätzlich keine Gentechnik zum Einsatz kommen. Für herkömmlich produzierte Milch gilt das zwar nicht, aber es gibt mit dem "Ohne-Gentechnik"-Siegel trotzdem eine Orientierungsmöglichkeit auf der Packung. Nicht alle Hersteller machen jedoch Gebrauch von diesem Logo, so dass der Verzicht auf gentechnisch veränderte Futtermittel anhand der Produktkennzeichnung nicht immer zu erkennen ist.

"Alpenmilch" ist kein geschützter Begriff

Ist in der "Alpenmilch" wirklich Milch aus den Alpen?

Anders ist es bei den Bezeichnungen "Alpenmilch" oder "Weidemilch". Hier gibt es keine genauen Vorgaben. Das muss der Verbraucher wissen, um klar unterscheiden zu können. Wenig verwunderlich: Eine Befragung der Uni Göttingen zeigt, dass 62 Prozent der Verbraucher davon ausgehen, dass deutsche Milch mit der Bezeichnung "Alpenmilch" aus den Alpen oder zumindest dem Alpenvorland kommt. Fast 70 Prozent sind sogar der Ansicht, dass Milch mit dieser Bezeichnung aus dieser Region kommen SOLLTE. Mehr als die Hälfte der Befragten geht außerdem davon aus, dass die verarbeitende Molkerei in der Alpenregion sitzt und dass die Kühe auch regelmäßig auf die Weide kommen.

Zahlen

Die Deutschen und die Milch verbindet eine echte Liebe. Im Schnitt  trinkt jeder etwa 67 Liter Milch im Jahr. Dazu kommen 18 Kilogramm Joghurt und sieben Kilogramm Sahne. Aufs Brot werden jährlich sechs Kilogramm Butter geschmiert, dazu gibt's 23 Kilogramm Käse - pro Kopf und Jahr.

In Deutschland gibt es knapp 90.000 Bauernhöfe und es werden über vier Millionen Kühe gehalten. Im Schnitt hat jeder Betrieb 48 Milchkühe. Allerdings sind die Schwankungen enorm. In den neuen Bundesländern gibt es vorwiegend Großbetriebe mit mehr als 300 Kühen, im Süden Deutschlands dagegen häufig Bauernhöfe mit weniger als 30 Tieren. Schwerpunkte der Milcherzeugung liegen traditionsgemäß in Bayern und Niedersachsen.

Durch Zucht und veränderte Fütterung ist übrigens die Milchleistung der Kühe in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Im Schnitt gibt heute eine Kuh rund 7.000 Liter Milch im Jahr. Das sind ungefähr 2.000 Liter mehr als noch vor 15 Jahren. Das sagt aber nichts über die Qualität der Milch aus. 

Alles eine Frage der Definition

Ohne die landwirtschaftliche Ausdehnung des Alpenraums zu kennen, nehmen Konsumenten an, dass "Alpenmilch" tatsächlich aus dieser Gegend stammt. Tatsächlich ist die Region der bayerischen Alpen eher klein. In einer Kartographierung des Bayerischen Landwirtschaftsministeriums ist die Bergregion der bayerischen Alpen relativ schmal. Das Münchner Umland gehört demnach schon nicht mehr zum voralpinen Hügelland. Trotzdem wird auch Milch aus dieser Region teilweise als "Alpenmilch" angeboten.

Das bayerische Landwirtschaftsministerium hat 2011 ausgerechnet, wie viel Milch aus den Bergregionen kommt: vier bis fünf Prozent. Je weiter der Begriff "Alpen" gefasst wird, desto höher der Anteil der Milch aus dieser Region: 17 bis 19 Prozent sind's, wenn das Alpenvorland hinzugerechnet wird und sogar 31 bis 34 Prozent, wenn die voralpine Hügellandschaft berücksichtigt wird. Es ist also eine Frage der Definition, was "Alpenmilch" tatsächlich ist.

"Alpenmilch" vs. "Bergbauern-Milch"

Bergbauer ist nach EU-Richtlinie, wer seinen Hof auf mindestens 800 Metern Meereshöhe ganzjährig bewirtschaftet.

Der Begriff "Alpenmilch" wird schon fast inflationär benutzt. Im Freistaat gibt's rund 10.000 landwirtschaftliche Betriebe im Berggebiet. Sie bewirtschaften 1.400 Almen und Alpen. Die EU hat jedoch klare Richtlinien, was den Begriff "Bergbauern-Milch" angeht. Schon deshalb, weil hier Fördermittel fließen. Bergbauer ist, wer nach EU-Richtlinien seinen Hof ab 800 Meter Meereshöhe ganzjährig bewirtschaftet. Die Weiden und Wiesen liegen entweder über 800 Meter oder in einer Höhe von 600 bis 800 Metern und weisen gleichzeitig eine Hangneigung von mindestens 18 Prozent auf.

Der Begriff "Alpenmilch" ist dagegen nicht geschützt und auch nicht klar umrissen. Hier haben die Molkereien eigene Vorgaben umrissen, die den Begriff "Alpenmilch" zum Teil deutlich aufweichen.Auch in Bayern wird mehr "Alpenmilch" verkauft, als es unter den strengeren EU-Richtlinien bezüglich der "Bergbauernmilch" möglich wäre. Denn das Verständnis des Ausbreitungsgebietes der Alpen ist bei den Herstellern dehnbar.

Außerdem sagt der Begriff nichts über die Fütterung der Milchkühe aus. Die Produktion kann auch im Flachland stattfinden, wenn man bestimmte Teile Bayerns noch als "Ausläufer der Alpen" versteht. "Alpenmilch" ist also kein echtes, durchgängiges Qualitätsmerkmal. Es ist vielmehr ein Begriff, den Marketingstrategen gerne verwenden, um deutlich zu machen, dass es sich um ein hochwertiges und gesundes Produkt handelt.

Schokolade mit Alpenmilch

Kommt die Milch für Alpenmilchschokolade aus den Bergen? Vielen Konsumenten bleibt das verborgen ...

Der Schokoladenhersteller "Milka" erklärte auf Bayern 1-Anfrage: "In den Verträgen mit den Molkereien, von denen wir unsere Milch beziehen, ist festgelegt, dass die Milch ausschließlich aus dem Alpenraum stammen muss. Die Milch kommt aus den Tälern und Hochtälern des Alpenraums sowie aus den Ausläufern der Alpen. Es handelt sich um die südlichsten Landkreise in Deutschland (an der österreichischen Grenze) sowie aus Österreich. Die Molkereien sind ebenfalls alle im Alpenraum ansässig." Andere Schokoladenhersteller sind nicht so auskunftsfreudig.

Das Futter ist entscheidend für die Qualität der Milch

Mittlerweile ist durch zahlreiche Studien belegt, dass die Fütterung maßgeblich ist für die Qualität der Milch. Milch von Kühen, die auf Bergweiden grasen, ist tatsächlich etwas Besonderes. Denn Kühe, die viel Gras und Kräuter fressen, geben Milch, die viel mehr ungesättigte Fettsäuren enthält. Und diese Fettsäuren sind extrem wichtig für unsere Ernährung und für unsere Gesundheit.

Moderne Milchproduktion hat wenig mit Alpenidylle zu tun.

Allerdings wird Kühen in vielen Betrieben neben herkömmlichem Futter wie frischem Gras, Heu und Silage (Grasschnitt, das durch Gärung haltbar gemacht wird) auch Kraftfutter verfüttert. Dieses Kraftfutter besteht überwiegend aus Getreide, Resten der Zucker- und Stärkeherstellung sowie Raps- und Sojaschrot. Wie Greenpeace in einer Studie 2012 belegt hat, bekommen Hochleistungstiere, die über 10.000 Liter Milch pro Jahr geben, oft mehr Kraftfutter als herkömmliches Futter.

Gras macht die Milch gesünder

Zu viel Kraftfutter ist aber weder für die Tiere noch für das Produkt Milch unbedingt sinnvoll. Ganz abgesehen von öfter auftretenden Krankheiten und den für die Umwelt problematischen Futtermitteln Soja und Mais. Es kann mittlerweile nachgewiesen werden, dass Grünfutter zu einem Anstieg des Gehalts an einfach und mehrfach ungesättigten Fettsäuren zu Lasten gesättigter Fettsäuren führt.

Mehr Gras als Futter ergibt gesündere Milch.

Mehr Gras bedeutet also einen höheren Anteil an ungesättigten Fettsäuren. Das verbessert zum Beispiel die Streichfähigkeit der Butter. Außerdem ist es auch für die Ernährung bedeutend. Vor allem der Gehalt an Omega-3-Fettsäuren und an Conjugierten Linolsäuren (CLAs) ist beim Verzicht auf Maisfutter und bei Verwendung von Grünfutter deutlich erhöht. Auch das Verhältnis von Omega-3- zu Omega-6-Fettsäuren wird durch gezielte Weidehaltung und Grünlandfutter günstig beeinflusst.

Auch Forschungsarbeiten in der Schweiz kamen zu einem ähnlichen Ergebnis. In größeren Höhen hat die Vegetation einen geringeren Nährwert als auf Tieflandweiden, die öfter gedüngt werden. Der Stoffwechsel der Kühe gleicht das positiv aus, indem die Fettsäure-Hydration gebremst wird. Außerdem ist die Pflanzenvielfalt auf den Almen generell größer. Die dort wachsenden Kräuter enthalten sekundäre Pflanzenstoffe wie Polyphenole und Terpenoide, die bakterielles Wachstum hemmen. Die Verbesserung der Fettsäurezusammensetzung graslandbasierter Milch gilt übrigens sowohl im Flachland wie auch in den Bergen. Und nicht nur Bio-Bauern, sondern auch traditionelle Grünlandwirte liefern demnach bessere Ware.

Was der Verbraucher machen kann

Hier lässt sich die Herkunft der Milch ablesen.

Nicht jeder hat die Möglichkeit, direkt beim Milchbauern einzukaufen. Orientierung gibt's jedoch auf der Milchverpackung. In dem ovalen Kreis mit den drei Code-Teilen kann der Ursprung der Milch abgelesen werden, zum Beispiel: DE = Deutschland BY = Bayern und beispielsweise 303 = Schwarzenfeld EG=Europäische Gemeinschaft.

Nicht alle Molkereien sind so transparent wie beispielsweise die Berchtesgadener Molkereiwerke, die außerdem genau ausweisen, von welchen Betrieben sie ihre Milch beziehen. Es gibt jedoch keine gesetzlichen Vorgaben, die alle Molkereien dazu verpflichten. Je nach Produkt gibt es Unterschiede, was die Herkunft der Milch angeht. Darauf muss die Molkerei aber selbst achten.

Heumilchkäse darf zum Beispiel nur aus Milch von Kühen, die mit Heu oder Weidegras gefüttert werden, hergestellt werden. Die Molkerei muss also sicherstellen, dass sie die Milch von den entsprechenden Milchbauern nicht mit der Milch von anderen Silage- und Kraftfutter verfütternden Milchbauern vermischt.

Wer es genau wissen will, muss bei der Molkerei anrufen und fragen, woher sie die Milch bezieht. Allgäuer Bergkäse oder Allgäuer Emmentaler dürfen beispielsweise nur aus Heumilch hergestellt werden. Ein entsprechendes Produkt-Siegel "geprüfte Qualität Bayern" wurde auf Initiative des Bayerischen Landwirtschaftsministeriums eingeführt. Damit wird die Herkunft der Produkte (zum Beispiel Käse aus den Ammertaler Alpen) transparent und auch gesichert.

Fazit

Der Gehalt an gesundheitlich wertvollen Fettsäuren sagt etwas über die Qualität der Milch aus. Dieser Omega-3-Gehalt schwankt aber erheblich, je nachdem, wie und wo Kuhmilch produziert worden ist. Grundsätzlich ist, laut Greenpeace, "der Gehalt an wertvollen Fettsäuren dort am höchsten, wo die Kühe einen hohen Anteil an Grünfutter erhalten sowie niedrige Kraftfuttermengen und geringe Anteile Maissilage".

Wer aber "Alpenmilch" kauft, bekommt nicht unbedingt Milch, die ...

  • aus dem geographischen Gebiet des Alpen-und Voralpenlandes stammt, sondern auch aus dem "Flachland" kommen kann.
  • einen qualitativen Unterschied zur Nicht-Alpenmilch aufweist.
  • von Kühen stammt, die ausschließlich auf der Weide grasen.
  • von Kühen stammt, die kein Silage-Futter oder Kraftfutter fressen.

Teurer darf Milch, die als "Alpenmilch" angepriesen wird, deshalb nicht zwangsläufig sein.


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