Bayern 1 - Experten-Tipps


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Verpackungen Warum werden Bio-Gurken in Plastik verpackt?

Mutter Natur hat viele Obst- und Gemüsesorten bereits verpackt. Zusätzliche Plastikverpackungen sind ärgerlich. Der Bayern 1-Umweltkommissar geht der Frage nach, warum ausgerechnet Bio-Gurken in Plastikfolie geschweißt werden.

Von: Alexander Dallmus

Stand: 25.07.2013

Illustration: Der Umweltkommissar hält eine eingeschweißte Biogurke in der Hand, die Biene versucht die Plastikfolie zu entfernen | Bild: BR/Susanne Baur

Weltweit werden jährlich 240 Millionen Tonnen an Plastik produziert. Verpackungen machen davon etwa ein Drittel aus. Plastikmüll und dessen weltweite Verteilung ist eines der drängendsten Umweltprobleme.

Auch wenn die Folgen der Plastikteppiche, zum Beispiel im Nordostpazifik oder auch im Atlantik, noch nicht ausreichend erforscht und belegt sind, ist doch aus vielen Studien bekannt, dass etwa Wale, Seehunde und Raubfische größere Plastikteile mit Beute verwechseln und herunterschlucken. Bei Seevögeln wurde ebenfalls schon diverser Plastikmüll im Magen gefunden.

Die Auswirkungen von Substanzen wie Weichmachern auf Meereslebewesen sind bisher auch nicht sehr gut erforscht. Bis auf wenige Bakterien gibt es keine Organismen, die Plastik zersetzen können - schon gar nicht in einem so großen Maßstab.

Bio-Gurke im Plastikkorsett

Warum wird ausgerechnet die Bio-Gurke in Plastik eingeschweißt?

Deshalb wirkt es geradezu grotesk, dass ausgerechnet Bio-Gemüse und -Obst im Supermarkt noch einmal extra in Plastik eingepackt ist. Paprika, Äpfel, Bananen oder Gurken, die das Bio-Siegel tragen, sind eingeschweißt, während Produkte aus der herkömmlichen Landwirtschaft unverpackt ausgelegt sind. An den langen Transportwegen kann es auch kaum liegen. Mittlerweile kommt auch Bio-Gemüse aus anderen Ländern nach Deutschland. Verbraucher wollen saisonunabhängig möglichst alle Obst- und Gemüsesorten kaufen. Mit der einheimischen Bio-Produktionsleistung ist das nicht machbar.

"Verbraucher wollen das ganze Jahr über alle Bio-Gemüse und -Obstsorten kaufen", beklagt die unterfränkische CSU-Europaabgeordnete Anja Weisgerber. Sie ist unter anderem für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz zuständig. "Dieses Konsumverhalten hat zur Folge, dass die Produkte oft von sehr weit her kommen. Und damit das Obst und das Gemüse auf den teilweise sehr langen Transportwegen nicht beschädigt wird und frisch bleibt, wird es vom Handel oft verpackt." 

Die Plastikverpackung soll also für einen gewissen Schutz beim Transport sorgen und auch die gewünschte Frische garantieren. Gerade bei der Gurke scheint das allerdings blanker Unfug, schließlich hat die Gurke mit ihrer Schale einen ganz natürlichen Schutz. Außerdem stellt sich die Frage, warum dann nicht konsequenterweise herkömmlich angebaute Gurken, also ohne Bio-Siegel, mit Plastik ummantelt werden? Die Lösung ist einfach - wenn auch nicht unbedingt sinnvoll im Sinne der Umwelt.

Die EU-Verordnung und die Folgen

Ein verpflichtendes Element auf dem Etikett jedes Bio-Produktes ist die Angabe der Öko-Kontrollstelle, die das erzeugende bzw. verarbeitende Unternehmen auf Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben für die Bio-Landwirtschaft und -Verarbeitung geprüft hat. Bei loser Ware steht diese Angabe in den Warenbegleitpapieren. Der Kunde kann im Laden die Mitarbeiter danach fragen.

Die Codes der Öko-Kontrollstellen in sämtlichen EU-Ländern sind nach einem einheitlichen Muster aufgebaut. Für in Deutschland ansässige Kontrollstellen lautet die Angabe beispielsweise "DE-ÖKO-003". "DE" steht für Deutschland, "ÖKO" (bzw. in anderen Ländern eine Abkürzung mit entsprechender Bedeutung) zeigt den Hinweis auf die Herkunft der Produktes aus der Öko-Landwirtschaft an und "003" ist zum Beispiel die Zahl der Kontrollstelle. Diese Nummer wird von den überwachenden Behörden an die jeweilige Kontrollstelle vergeben.

Um ganz bürokratisch zu werden: Die Artikel 23 bis 26 in der EU-Verordnung Nr. 834/2007 und Artikel 57 bis 62 in der EU-Verordnung Nr. 889/2008 geben die Regeln für die Kennzeichnung der Bio-Lebensmittel vor. Hier wird definiert, wie landwirtschaftliche Erzeugnisse und Lebensmittel, die als Öko-Produkte gekennzeichnet sind, erzeugt und hergestellt werden müssen. Somit soll eine klare Unterscheidbarkeit zu konventionell, also nicht biologisch hergestellten Lebensmitteln, sichergestellt werden. Das ist ganz im Sinne der Verbraucher. Aber damit beginnt auch der Plastikwahnsinn im Supermarkt.

Bio oder Nicht-Bio? Der Gurke selbst sieht man das nicht an.

Der Einzelhandel möchte diese Unterscheidbarkeit in seinem Sortiment transparent machen und ausschließen, dass konventionell angebautes Gemüse aus Versehen beim Bio-Gemüse landet. Also hat der Handel beschlossen, loses Bio-Gemüse in Plastik einzuschweißen, um es klar von herkömmlich produziertem Gemüse zu unterscheiden.

"Hauptsächlich werden Bioprodukte bei uns verpackt, um den Kunden eine sichere und unverwechselbare Trennung dieser Produkte von konventionellen Produkten zu garantieren. Vielleicht macht ein Beispiel deutlich, warum das nötig ist: Ein Kunde greift im Markt zu einer konventionellen Gurke, entscheidet sich später aber für eine Bio-Gurke und legt die konventionelle Gurke zu den anderen Bio-Gurken. Dann hätten die folgenden Kunden keine Möglichkeit, zwischen konventionell und bio zu unterscheiden. Auch an der Kasse könnte es ohne separate Kennzeichnung zu Komplikationen kommen."

So argumentiert der Handelskonzern REWE

Auf Bio-Wochenmärkten oder im reinen Bio-Supermarkt muss Bioware deshalb auch nicht extra verpackt werden. Hier gibt's nur Bioprodukte - Verwechslung ausgeschlossen. Auch für Mitarbeiter. 

Soweit also die erste und naheliegenden Erklärung. Allerdings erscheint es aus Umweltsicht völlig unlogisch, ausgerechnet die Produkte, die doch Umwelt, Ressourcen und Mensch schonen sollen, in Plastik zu hüllen und so tonnenweise für lästigen Plastikmüll zu sorgen. Auch hier gibt es eine ganz einfach Erklärung: Es werden schlichtweg immer noch mehr herkömmlich angebaute Gurken verkauft als Bio-Gurken. Deshalb fällt insgesamt weniger Plastikmüll an, wenn nur die Bio-Gurken verschweißt werden. Das mag unbefriedigend sein, ist aber zumindest eine Erklärung für die Plastikverpackung.

Alternativen der Kennzeichnung

Der Handel hat auch immer wieder versucht, die Bio-Gurke anders zu kennzeichnen als ausgerechnet mit einer Plastikverpackung. Mit Banderolen oder Aufklebern beispielsweise. "Jede Methode hat auch wieder ihre Nachteile", sagt Carsten Veller von "Naturland", dem Verband für ökologischen Landbau e.V. in Gräfelfing, "So ein Aufkleber hat Klebstoff drin, ist farbig bedruckt. Dann ist zum Beispiel wieder die Frage, ob von diesen Etiketten etwas auf die Produkte übertragen wird".

Bei Bio-Bananen ist es beispielsweise mittlerweile möglich, mit einer Laser ein Biozeichen auf die Schale zu brennen, ohne dass die Frucht dabei beschädigt wird oder sich hinterher Schimmel bildet. Bei Gurken geht das leider nicht, auch andere Kennzeichnungen direkt auf der Gurkenschale haben zu Beeinträchtigungen des Produkts geführt. 

Von der Ernte bis zum Supermarkt durchläuft eine Gurke viele Stationen.

REWE hat zum Beispiel mit Banderolen keine positiven Erfahrungen gemacht, da sie "den handelsüblichen Umgang mit der Ware durchlaufen" - also Einpacken in Transportkisten, Transportwege, Kommissionierung, Entnahme der Transportkisten, Auslage im Supermarktbereich und Kundenkontakt. Dabei würden sie leider schnell beschädigt werden. "Man muss sich bewusst machen", heißt es bei REWE weiter, "auf dem Weg vom Feld in den Einkaufswagen durchläuft das Obst und Gemüse mehrere Stationen. Insofern müssen Alternativen zur Plastikhülle sehr robust und widerstandsfähig gegen jede Art von Einflüssen wie Feuchtigkeit, Abrieb etc. sein und dürfen dabei die Ware selbst nicht negativ beeinflussen."

Also bleibt die Plastikverpackung die praktikabelste und somit auch die gängigste Verpackung bei Obst und Gemüse. Was im Fall der Bio-Gurke auch daran liegt, dass sie oft in großen Haufen gelagert werden und dabei nicht verschmutzen sollen. Außerdem behalten sie mit einer Plastikfolie ummantelt länger ihre grüne Farbe. Für das Verbraucherauge ein Zeichen von Frische.   

Fazit

Im Bio-Laden oder auf dem Wochenmarkt gibt's Bio-Gurken ohne Verpackung.

Es gibt die EU-Verordnung, dass der Verbraucher Bio-Produkte klar von konventionellen Produkten unterscheiden können muss. Der Handel reagiert darauf mit Plastikverpackungen. Zum einen, um das Obst und Gemüse zu schützen. Zum anderen, um die Bio-Produkte auf den ersten Blick von herkömmlich hergestellten Produkten unterscheidbar zu machen. Das ist insbesondere bei loser Ware wichtig. Gerade bei der Bio-Gurke haben sich verschiedene Alternativen, wie Banderolen oder Aufkleber nicht durchgesetzt. Deshalb wird es wohl bis auf weiteres bei der in Plastik verschweißten Bio-Gurke bleiben.

Deshalb sind wieder mal die Verbraucher gefragt, um dem Plastik-Irrsinn ein Ende zu bereiten. Dort, wo es nur Biogemüse gibt, sind auch keine extra Verpackungen notwendig.

"Sie könnten auch regionale und saisonale Produkte stärker verwenden, stärker kaufen. Diese werden übrigens auch sehr oft in Bio-Qualität angeboten. Das trägt dann auch dazu bei, dass Obst und Gemüse nicht über Tausende von Kilometern transportiert werden muss."

Anja Weisgerber, unterfränkische CSU-Europaabgeordnete, unter anderem zuständig für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz

Nicht jeder hat den Bauern direkt um die Ecke, um dort einzukaufen. Aber im Bio-Laden oder auf den Wochenmärkten gibt es in der Regel auch kein plastikverschweißtes Obst und Gemüse.


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