Bayern 1 - Experten-Tipps


41

Plastik-Verpackungen bei Bio-Gurken Natural Branding statt Plastik?

Weltweit werden jährlich 240 Millionen Tonnen an Plastik produziert. Verpackungen machen davon etwa ein Drittel aus. Und trotzdem wird sogar Bio-Gemüse in Plastik eingepackt! Doch jetzt gibt es mit dem sogenannten Natural-Branding eine Alternative. Der Bayern 1-Umweltkommissar geht der Frage nach, warum ausgerechnet Bio-Gurken in Plastikfolie geschweißt werden und was der Laser dagegen tun könnte.

Von: Alexander Dallmus

Stand: 26.09.2017

Avocados und Süßkartoffeln mit einem Laseraufdruck Bio | Bild: REWE

Biogemüse in Plastik - kann das ökologisch sein?

Seit Jahren ist eines für umweltbewusste Verbraucher, die auch im Supermarkt nachhaltig einkaufen möchten, unverständlich und ärgerlich zugleich: Ausgerechnet Obst und Gemüse aus der nachhaltigen Landwirtschaft ist in Plastik eingeschweißt. Paprika, Äpfel, Bananen oder Zucchini, die das Bio-Siegel tragen, in Plastik gehüllt, während Produkte aus der konventionellen Landwirtschaft lose herumliegen. Ein glatter Widerspruch zum ökologischen Umweltgedanken.

Immer noch hält sich hartnäckig das Gerücht, der Einzelhandel möchte so verhindern, dass Kunden teure Bio-Produkte an der Kasse als billigere, konventionelle Agrarprodukte ausgeben. Richtig ist aber nur, dass der Handel eine klare Unterscheidbarkeit herstellen muss.

Seit Anfang 2017 gibt es beispielsweise beim Handelsriesen REWE erste vielversprechende Versuche – zumindest teilweise – die Flut der Plastikverpackung in der Bio-Frischeabteilung etwas einzudämmen.

Die EU-Verordnung und die Folgen

Ein verpflichtendes Element auf dem Etikett jedes Bio-Produktes ist die Angabe der Öko-Kontrollstelle, die das erzeugende bzw. verarbeitende  Unternehmen auf Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben für die Bio-Landwirtschaft und -Verarbeitung geprüft hat. Bei loser Ware steht diese Angabe in den Warenbegleitpapieren; der Kunde kann im Laden die Mitarbeiter des Handelsunternehmens danach fragen. Die Codes der Öko-Kontrollstellen sind in sämtlichen EU-Ländern nach einem einheitlichen Muster aufgebaut.

Für in Deutschland ansässige Kontrollstellen lautet die Angabe beispielsweise „DE-ÖKO-003“, wobei „DE“ für Deutschland steht, „ÖKO“ und „003“ für die jeweilige Kontrollstelle. Diese Nummer wird von den überwachenden Behörden an die jeweilige Kontrollstelle vergeben. Und um mal ganz bürokratisch zu werden: Die Artikel 23 bis 26 in der EU-Verordnung Nr. 834/2007 und Artikel 57 bis 62 in der EU-Verordnung Nr. 889/2008 geben die Regeln für die Kennzeichnung der Bio-Lebensmittel vor.

Warum wird ausgerechnet die Bio-Gurke in Plastik eingeschweißt?

Hier wird definiert, wie landwirtschaftliche Erzeugnisse und Lebensmittel, die als Öko-Produkte gekennzeichnet sind, erzeugt und hergestellt werden müssen. Somit soll eine klare Unterscheidbarkeit zu konventionell, also nicht biologisch hergestellten Lebensmitteln sicher gestellt werden. Damit die Verbraucher immer ganz genau wissen: Das ist ein Bio-Produkt und das nicht. Soweit so gut. Das ist ganz im Sinne der Verbraucher. Aber damit beginnt auch der Plastikwahnsinn im Supermarkt.

Der Einzelhandel möchte nämlich diese Unterscheidbarkeit in seinem Sortiment transparent machen und zugleich ausschließen, dass konventionell angebautes Gemüse aus Versehen beim Bio-Gemüse landet. Also schweißt der Handel loses Bio-Gemüse und -Obst in Plastik ein, um es klar von herkömmlich produziertem Gemüse zu unterscheiden und so eine sichere und unverwechselbare Trennung der Bioprodukte von konventionellen Produkten zu garantieren. Vielleicht macht ein Beispiel deutlich, warum das nötig ist: Ein Kunde greift im Markt zu einer konventionellen Gurke, entscheidet sich später aber für eine Bio-Gurke und legt die konventionelle Gurke zu den anderen Bio-Gurken. Dann hätten die folgenden Kunden keine Möglichkeit, zwischen konventionell und ökologisch zu unterscheiden. Das mag wie eine Kleinigkeit klingen, aber rein rechtlich ist es das nicht.

Warum aber dann ausgerechnet ein ökologisches Produkt aus der Frischeabteilung verschweißt wird, auch dafür gibt es eine ganz einfach Erklärung. Es werden schlichtweg immer noch mehr konventionell angebaute Gurken verkauft, als Bio-Gurken. Deshalb fällt insgesamt schließlich auch weniger Plastikmüll an, wenn nur die Bio-Gurken verschweißt werden. Das mag unbefriedigend sein, ist aber zumindest eine Erklärung für die Plastikverpackung.

Zahlreiche Versuche blieben erfolglos

Der Handel hat immer wieder versucht, gerade die Bio-Gurke anders zu kennzeichnen. Mit Banderolen oder Aufklebern beispielsweise. Aber gerade die Aufkleber riefen die Verbraucherschützer auf den Plan, weil so ein Aufkleber eben auch wieder Klebstoff an die Schale bringen kann, die mancher Kunde – gerade beim Bio-Gemüse dann mitverzehrt. Aufkleber sind außerdem oft farbig bedruckt. Dann ist zum Beispiel wieder die Frage: Kann von diesen Etiketten etwas auf die einzelnen Produkte etwas werden

Kann es gelingen, die Schale zu kennzeichnen, ohne dass die Frucht dabei beschädigt wird oder sich hinterher Schimmel bildet. Bei Gurken haben Kennzeichnungen, direkt auf der Gurkenschale, bislang zu Beeinträchtigungen des Produkts geführt.  Auch mit Banderolen hat der Handel bislang keine positiven Erfahrungen gemacht, da sie „den handelsüblichen Umgang mit der Ware durchlaufen (z.B. Einpacken in Transportkisten, Transportwege, Kommissionierung, Entnahme der Transportkisten, Auslage im Supermarktbereich, Kundenkontakt)“ und dabei leider schnell beschädigt werden. Auf dem Weg von der Plantage oder vom Feld in den Einkaufswagen. Insofern müssen Alternativen zur Plastikhülle sehr robust und widerstandsfähig gegen jede Art von Einflüssen (Feuchtigkeit, Abrieb etc.) sein und dürfen dabei die Ware selbst nicht verderben.

Also blieb die Plastikverpackung die praktikabelste und somit auch die gängigste Verpackung bei Obst und Gemüse. Was im Fall der Bio-Gurke auch daran liegt, dass sie oft in großen Haufen gelagert wird und dabei nicht verschmutzen soll. Außerdem behalten sie, mit einer Plastikfolie ummantelt, länger ihre grüne und für das Verbraucherauge frische Farbe.

 Mit dem Laser gegen Plastik

Seit dem Frühjahr 2017 versucht der REWE-Konzern mit einer neuen Methode Klarheit in der Obst- und Gemüseabteilung zu schaffen, dem so genannten „Natural Branding“. In einem Laserverfahren wird eine Kennzeichnung aufgebracht und der Kunde weiß, dass es sich um ein Bio-Produkt handelt. “Ein völlig neues Verfahren“, sagt Marco Sandner von der REWE-Group, „bei dem man mit einem Lichtstrahl sehr präzise Pigmente der oberen Schalenschicht abtragen kann, der Epidermis einer Frucht. Dadurch entsteht ein Kontrast und dadurch sind wir in der Lage direkt auf die Frucht ein Logo oder eine Kennzeichnung aufzutragen.“

Natural Branding

Erst waren es nur Süßkartoffeln und Avocados, mittlerweile werden auch Bio-Wassermelonen so gelasert. Alles – und darauf legt man bei REWE Wert – Produkte, bei denen die Schale nicht mitgegessen wird. In Zusammenarbeit mit einem Partner, der die Lebensmittel so kennzeichnet, werden für den Testbetrieb, über ein Logistikzentrum in Nordrhein-Westfalen, dort derzeit etwa 800 REWE- und Penny-Märkte mit den so „tätowierten“ Avocados, Süßkartoffeln und Wassermelonen beliefert.

Bei den Verbraucherschützern steht man diesem Vorstoß, Plastik zu vermeiden, zwar prinzipiell positiv gegenüber, ist aber auch skeptisch, da das Verfahren noch nicht hinreichend erprobt ist. „Das Verfahren ist zwar über die EU zugelassen, d.h. man hat da keine großen Bedenken geäußert, aber es gibt natürlich keine Erfahrungen und man muss jetzt abwarten, inwieweit die Lebensmittel tatsächlich einwandfrei sind. Es heißt, dass es nur die obere Schicht betrifft, also dass es wie ein Haut-Tattoo ist. Aber man kann nicht wirklich abschätzen, ob nicht doch die Schale größer beschädigt wird und dann ist es natürlich deutlich anfälliger als kompakte Ware“, sagt Daniela Krehl von der Verbraucherzentrale Bayern.

Tatsächlich stößt auch das „Natural Branding“ an Grenzen. Bei Zitrusfrüchten, wie Zitronen, muss ein Kontrastmittel eingesetzt werden, damit die Kennzeichnung besser zur Geltung kommt. Bananen eignen sich prinzipiell auch, aber ob sich die Technik auch auf Bio-Gurken übertragen lässt, die eine weitaus dünnere Schale haben, die dann möglicherweise auch mitgegessen wird, ist noch eine ganz andere Frage.

Bei der REWE-Group ist man mit dem Projekt bislang sehr zufrieden und die Kunden nehmen offenbar das „Natural-Branding“ positiv an. Qualität, Geschmack und Haltbarkeit würden nicht beeinflusst, betont Konzernsprecher Marco Sandner. Wann die Testphase allerdings beendet sein wird und ob das „Natural Branding“ von REWE dann auf ganz Deutschland ausgeweitet wird, darauf wollte man sich beim Konzern nicht festlegen.

Von der Ernte bis zum Supermarkt durchläuft eine Gurke viele Stationen.

Insofern haben es die Kunden immer noch selbst in der Hand, wenn sie sich über plastikverschweißtes Öko-Gemüse in Supermärkten ärgern: Es hat zwar nicht jeder den Bio-Bauern direkt um die Ecke, aber im Bio-Laden oder auf den Wochenmärkten gibt es in der Regel auch kein Obst und Gemüse in Plastik.

Abonnieren Sie den Umweltkommissar als Podcast - entweder hier in unserem Podcast Center oder direkt für iOs-Nutzer im iTunes-Store


41