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Nürnberger Menschenrechtspreis 50.000 Fotos aus der Hölle

In Dienste des syrischen Militärs fotografierte er Folteropfer des Regimes. Dann schaffte er 50.000 Fotos davon außer Landes – als Dokumentation einer grausamen Tötungsmaschinerie. In Nürnberg erhält "Caesar" dafür den Internationalen Menschenrechtspreis.

Stand: 24.09.2017

Kein Name, kein Gesicht, kein persönliches Erscheinen – es war eine ungewöhnliche Preisverleihung am Sonntag im Nürnberger Opernhaus. Der Preisträger des Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreises 2017 ist Fotograf und nur unter seinem Decknamen "Caesar" bekannt. Mit seiner Familie lebt er versteckt an einem unbekannten Ort irgendwo in Nordeuropa. In seiner Heimat Syrien gilt er als Staatsfeind.

"Caesar" (rechts)

Denn "Caesar" hat das Regime bloßgestellt. Nach Ausbruch des Bürgerkrieges in seiner Heimat 2011 stand er in Diensten des syrischen Militärs. Im Auftrag des Regimes fotografierte und archivierte er die Leichen von zu Tode gefolterten Oppositionellen. Dabei sind zehntausende Fotos entstanden. Eine erbarmungslose Aufgabe, unter der "Caesar" massiv gelitten hat, heißt es in einer Mitteilung der Stadt Nürnberg.

Im August 2013 schließlich floh "Caesar" mit seiner Familie aus seinem Heimatland. Mit im Gepäck hatte er 50.000 Fotos, illegal kopiert und aus einem Militärkomplex geschmuggelt, die seine Arbeit und die Taten des syrischen Regimes dokumentieren. Im Januar 2014 veröffentlichten "Caesar" und seine Mitstreiter die Fotos im Internet.

Caesar-Ausstellung in Nürnberg: Im Eingangsbereich geht es um den Bürgerkrieg in Syrien, Caesars Fotos sind in einem separaten Raum zu sehen.

Drei ehemalige Chefankläger der internationalen Strafgerichte für die in Sierra Leone und dem ehemaligen Jugoslawien verübten Kriegsverbrechen haben die vorgelegten Fotos und Beweise untersucht. Sie seien "verlässlich waren und" könnten "in jedem Prozess verwendet werden", zeigten sich die Experten in ihrem 2014 veröffentlichten Bericht überzeugt. Der Leiter der Untersuchung, der britische Jurist und UN-Chefankläger , Desmond Lorenz de Silva, sah die Bilder als Bestätigung für Morde in "industriellem Ausmaß" an, verübt durch das syrische Regime.

Nach Ansicht der Nürnberger Jury wollte der Fotograf die Weltöffentlichkeit über die Verbrechen an den syrischen Gefangenen informieren, damit diese nicht ungestraft bleiben. Als Beleg der systematischen und massenhaften Ermordung von Gegnern des syrischen Regimes sind die grausamen Bilder wichtige Beweise für einen in Zukunft möglichen internationalen Strafprozess gegen die Verantwortlichen der in Syrien begangenen Taten. Neben "Caesar" selbst wird auch die Gruppe um den Fotografen mit dem Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreis ausgezeichnet.

"Mit der Entscheidung für Caesar knüpft die Jury an das Erbe von Nürnberg an: Schwere Menschenrechtsverletzungen dürfen nicht straffrei bleiben. Die Täter müssen sich vor Gericht verantworten."

Ulrich Maly (SPD), Oberbürgermeister von Nürnberg

Eine Reise nach Nürnberg zur Preisverleihung kam für "Caesar" aus Sicherheitsgründen nicht in Frage. An seiner statt hat die französische Journalistin Garance Le Caisne die Auszeichnung entgegengenommen. Ihr gelang es, den Fotografen im Untergrund ausfindig zu machen und sein Vertrauen zu gewinnen. Im Jahr 2015 veröffentlichte sie seine Geschichte in dem Buch "Codename Caesar: Im Herzen der syrischen Todesmaschinerie."

"Er hat am Anfang vielleicht gehofft, dass der Krieg dank seiner Beweise sofort beendet wird. Das ist leider nicht geschehen. Aber die Arbeit geht weiter. Es gibt wieder Hoffnung."

Garance Le Caisne über 'Caesar' in einem Interview mit boersenblatt.net

Die Statuette des Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreises

Die mit 15.000 Euro dotierte Auszeichnung gilt als Symbol dafür, dass von Nürnberg, der ehemaligen Stadt der nationalsozialistischen Reichsparteitage und der menschenverachtenden NS-Rassegesetze, "in Gegenwart und Zukunft nur noch Signale des Friedens und der Völkerverständigung ausgehen".

Rahmenprogramm zur Preisverleihung

In der Galerie Kreis direkt an der Straße der Menschenrechte in Nürnberg sind bis zum 3. Oktober etwa 100 von "Caesars" Fotos zu sehen. Sie sind so angeordnet, dass die Besucher selbst entscheiden können, wieviel Schrecken sie sich zumuten wollen. Die Ausstellung wurde vom KOMM-Bildungsbereich in Zusammenarbeit mit dem Menschenrechtsbüro erstellt.
Die Nürnberger Bürger feiern die Verleihung des Menschenrechtspreises am Sonntagmittag mit einer mehrere hundert Meter langen Friedenstafel in der Innenstadt (12.30 bis 16.00 Uhr). Die Teilnehmer bringen sich Speisen und Getränke selbst mit und können miteinander ins Gespräch kommen. Syrische Frauen geben dabei einen Kochkurs für Humus, traditionelles Kichererbsenmus.
Die Internationale Akademie Nürnberger Prinzipien begleitet die Preisverleihung mit mehreren Veranstaltungen. Unter anderem geht es dabei um die Frage, wie Flüchtlinge in Nürnberg dazu beitragen können, Beweise für Völkerrechtsverbrechen zu sichern oder welche Beweiskraft Fotos in internationalen Strafprozessen haben.
Der Arbeitskreis christlicher Kirchen lädt am Sonntagmorgen (9.30 Uhr, St. Klara-Kirche) zu einem Gottesdienst unter dem Motto "Dem Schrecken ein Gesicht geben".


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Kommentare

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Wolf, Samstag, 23.September, 18:55 Uhr

2. Warum ist das nicht auf der Startseite?

Einige Kommentatoren hier sollte man zwingen diese Fotos anzusehen....wie damals als die Amerikaner Deutsche zwangen KZ-lager zu besuchen, würde vielleicht ganz lehrreich sein für die vielen Assad und Putinversteher hier.....

Michael D., Samstag, 23.September, 11:25 Uhr

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Würde man wirklich einen Feind des Regimes die Vollmacht geben, diese Schreckensbilder zu machen? Wo ist die Garantie, dass er nicht selbst einer der Folterer war, oder zumindest ein Anhänger dieses Regimes? Ich hätte einfach kein Vertrauen in diese Behauptungen.