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Twitteraktion #DerAndereOsten "Wir dürfen den Rechten nicht die Erzählung überlassen"

Der Osten wird seinen braunen Stempel nicht los. Die Twitter-Aktion #DerAndereOsten will das jetzt ändern, indem er die positiven Seiten Ostdeutschlands zeigt. Wir haben mit dem Erfinder des Hashtags gesprochen.

Von: Miriam Harner

Stand: 10.09.2018 | Archiv

Stefan Krabbes, Erfinder des Hashtags #DerAndereOsten | Bild: Stefan Krabbes

Der Osten Deutschlands hat ein Image-Problem: Spätestens seit den rechten Krawallen von Chemnitz verbinden viele mit den neuen Bundesländern nicht FKK, Senf-Eier oder günstigen Wohnraum, sondern Neonazis und rechte Hetzte. Der Blogger Stefan Krabbes aus Halle hat deswegen auf Twitter den Hashtag #DerAndereOsten gestartet.

PULS: Herr Krabbes, was wollen Sie mit dem Hashtag #DerAndereOsten erreichen?

Stefan Krabbes: #DerAndereOsten soll zeigen, dass der Osten nicht nur von Rechtsradikalen und Rechtsextrem beherrscht wird. Natürlich gibt es ein Problem mit Rechten, aber wir wollen ihnen nicht die gesellschaftliche Erzählung überlassen. Die brüllen zwar am lautesten, aber wir haben sehr sehr viele stille Helden in unserer Gesellschaft, die über ihr ehrenamtliches Engagement den Laden nachhaltig am Laufen halten, die im Fußballverein oder in der Kirche oder der Flüchtlingshilfe aktiv sind. Es gilt ihnen eine Stimme zu geben und ihre Geschichten zu hören. Momentan sind sie vielleicht noch zu leise. Dabei ist der Osten viel vielfältiger, als wir ihn uns allgemein vorstellen.

Sie selber sind Ostdeutscher. Ärgert Sie das braune Image Ostdeutschlands?

Mich ärgert es insofern, als dass wir es noch immer nicht hinkriegen, differenziert genug auf die Probleme zu schauen. Vielleicht haben wir noch immer einen Ost-West-Konflikt, der noch gar nicht näher besprochen worden ist. Ich weiß nicht, ob wir jemals viel Verständnis füreinander hatten. Um den Osten ein bisschen zu verstehen, muss man realisieren, dass zum Beispiel die Generation der Eltern der Wendekinder ihr Leben komplett in der DDR verbracht hat. Die sind dort geboren, haben ihre Erziehung dort mitbekommen. Die DDR war immer auf Kollektivbildung ausgerichtet. Zu viel Individualismus war nicht erwünscht. Der Staat war dort stärker und der "Wunsch“ nach der Gruppe immer etwas höher, als im Westen der Republik. Dort wurde eher auf das Individuum gesetzt und auf die Eigenverantwortung, dementsprechend hatte man weniger Erwartungshaltung an den Staat.

Außerdem muss man auf dem Schirm behalten, dass in der DDR der Sozialismus geherrscht hat. Mit der politischen Wiedervereinigung ist die Bevölkerung in ein komplett anderes System geraten - nämlich in die Marktwirtschaft und in die Demokratie. Ich glaube, dass man den Leuten mehr Hilfestellungen hätte geben müssen, sich in diesem neuen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem zu integrieren. Ich leite hieraus zwei unterschiedliche Mentalitäten ab, die man so im Alltag gar nicht reflektiert. Man sieht den Menschen und dann merkt man "Irgendwie ist er anders als ich." Aber man denkt nicht drüber nach, warum eigentlich.

Müssen sich deutsche Medien den Vorwurf gefallen lassen, nicht differenziert genug über Ostdeutschland zu berichten und alle gleich in den Neonazi-Topf zu werfen?

Ich tue mir mit dem Begriff "die" Medien schwer. Manche Medien berichten differenziert, manche Medien nicht. Journalisten, die auf "den" Osten draufhauen, tragen wahrscheinlich dazu bei, dass man sich mit den falschen Leuten solidarisiert, wenn man sich als Opfer dieses Bashings betrachtet. Wenn man behauptet, alle Ostdeutschen wären Nazis, fühlen sich manche Menschen auch in diese Ecke gedrängt, obwohl sie dort nicht hingehören.

Glauben Sie, dass sich durch die Twitter-Aktion etwas an der öffentlichen Wahrnehmung Ostdeutschlands ändern lässt?

Der Hashtag kann dazu beitragen, dass wir mal darüber reden, wie das Verhältnis zwischen Ost und West ist - und wie wir noch besser zusammenwachsen können. Eines müssen wir verhindern: Dass wir den Rechten die Deutungshoheit über den Osten überlassen.

Sendung: Filter, 10.09.2018 - ab 15.00 Uhr