Petition gegen sexuelle Belästigung Diese Studentin will Catcalling in Deutschland verbieten

"Ey, geiler Arsch!" – obwohl sehr viele Frauen in Deutschland regelmäßig von solchen Kommentaren sexuell belästigt werden, sind diese rechtlich nicht verboten. Eine Petition will das jetzt ändern.

Von: Katharina Geschier

Stand: 04.09.2020 | Archiv

Antonia Quell | Bild: Antonia Quell

"Du hast nen geilen Arsch, du hast geile Titten… Ich glaube, auch wenn es traurig ist: Wir Frauen haben irgendwann gelernt, darüber hinwegzusehen und das Ganze zu überhören."

Erfahrungsbericht einer Frau in einer PULS-Umfrage

Obwohl der Begriff "Catcalling" hier noch nicht so bekannt ist wie zum Beispiel in den USA:  Erfahrungen damit machen auch Frauen in Deutschland leider regelmäßig. Das Urban Dictionary definiert Catcalling als sexuell aufgeladene Bemerkungen, die meist von Männern gegenüber Frauen ohne deren Zustimmung geäußert werden. Das kann zum Beispiel ein "Hey Süße, komm doch mal rüber!", ein "Geiler Arsch!" oder ein Hinterherpfeifen sein.

Sexuelle Belästigung ist strafbar – oder?

Sexuelle Belästigung ist seit einer Gesetzesänderung im Jahr 2017 als eigener Straftatbestand ins Gesetz aufgenommen worden. Dort heißt es:

"Wer eine andere Person in sexuell bestimmter Weise körperlich berührt und dadurch belästigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft, wenn nicht die Tat in anderen Vorschriften dieses Abschnitts mit schwererer Strafe bedroht ist."

Quelle: §184i StGb

Im Umkehrschluss heißt das aber auch: Sexuelle Belästigung ist momentan in der Regel nur dann strafbar, wenn der Täter das Opfer berührt hat. Bei Catcalling geht es also um sexuelle Belästigung, die laut Gesetz oft gar keine Straftat ist. In Deutschland gibt es inzwischen aber Menschen, die das ändern wollen.

Frauen berichten und wehren sich

Initiativen wie zum Beispiel @catcallsofmuc machen mit ihren Posts Geschichten von Opfern im öffentlichen Raum sichtbar, in dem Aktivist*innen mit Kreide die Erlebnisse anderer auf die Straße schreiben.

Als wir bei einer Umfrage nach euren Erfahrungen gefragt haben, gab es kaum eine Frau, die noch nicht von Fremden sexuell belästigt wurde:

"Männer gaffen und kommentieren meinen Po, es kam auch schon mal so was wie: Hey Schokolade, willst du dich nicht auf mich drauf setzen? So was ist ganz schlimm."

Junge Frau in PULS-Umfrage

"Einer kam zu mir und hat so getan als wäre ich ein Puff-Mädchen. Er meinte, er würde mir auch Geld geben und wir könnten ja einfach in die nächste Straße gehen."

Junge Frau in PULS-Umfrage

"Letztens kam ein Typ zu mir, hat so eine 'Vögel'-Bewegung gemacht und gesagt: Ich will dich gerne ficken. Dann hat er mir zugezwinkert und ist weitergegangen."

Junge Frau in PULS-Umfrage

Auch Antonia Quell hatte irgendwann genug davon, dass sie selbst und ihre Freund*innen dumme Sprüche einfach über sich ergehen lassen sollten. Sie ist zwanzig Jahre alt, studiert in Würzburg Medienmanagement und hat eine Petition gestartet, die vor allem auf Social Media viel Unterstützung erfahren hat. Bei der Unterschriftensammlung mit dem Titel: "Es ist 2020. Catcalling sollte strafbar sein." haben mittlerweile schon über 30.000 Menschen unterschrieben. 

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toniiqu 11.08.2020 | 21:00 Uhr Ich habe eine Petition gestartet und brauche eure Hilfe!🚨Gegen verbale sexuelle Belästigung kann man eh nichts mache? Doch, unterschreiben! (Pleeease). Und natürlich teilen, teilen, teeeeeilen!!📢 Let’s Gooooooo!

Ich habe eine Petition gestartet und brauche eure Hilfe!🚨Gegen verbale sexuelle Belästigung kann man eh nichts mache?  Doch, unterschreiben! (Pleeease). Und natürlich teilen, teilen, teeeeeilen!!📢 Let’s Gooooooo! | Bild: toniiqu (via Instagram)

Catcalling ist keine Ausnahme, sondern Alltag

Diese Anzahl an Unterschriften und auch unsere Umfrage deuten darauf hin, dass verbale sexuelle Belästigung keine Ausnahme, sondern Alltag in Deutschland ist. 2018 gaben in einer Befragung vom Ifop-Institut beinahe zwei Drittel der befragten Frauen an, schon einmal aufdringlich angesprochen oder verfolgt worden zu sein, mehr als jede Zweite musste sich bereits auf offener Straße sexistische Kommentare anhören, wurde beleidigt oder es wurden eindeutige, sexuelle Gesten vor ihnen gemacht. Und laut einer Studie der Cornell University sind 85% der Betroffenen noch nicht einmal 17 Jahre alt, wenn ihnen so etwas das erste Mal passiert.

Täter*innen machen andere Menschen durch Pfeifen, Anstarren und sexualisierende Kommentare zu Objekten und greifen in ihr sexuelles Selbstbestimmungsrecht ein, indem vor allem Frauen ungewollt direkt oder indirekt zum sexuellen Handlungen aufgefordert werden. Und nicht nur das: Wer Erfahrungen mit sexueller Belästigung machen musste, ist zudem anfälliger für Depressionen und hat häufiger mit einem niedrigen Selbstwertgefühl zu kämpfen.

Ein Verbot von Catcalling ist möglich

In Ländern wie Frankreich, Belgien, Portugal und den Niederlanden ist verbale sexuelle Belästigung schon erfolgreich als Straftat in den Gesetzestexten etabliert worden. In Frankreich wurden aufgrund des Gesetzes, das im August 2018 in Kraft trat, im ersten Jahr bereits 700 Männer verurteilt.

In Deutschland kann eine verbale sexuelle Belästigung meistens nur verfolgt werden, wenn es gleichzeitig auch eine Beleidigung darstellt. Dass das nicht ausreicht, findet auch Gerhard Grüner, Rechtsanwalt aus Wiesbaden:

"Wenn ein Mann zu einer Frau sagt: 'Du bist ja so hässlich, geh weg!', dann ist das eine Beleidigung. Wenn der aber sagt: 'Du bist so hübsch, komm mal her!', dann ist das aufgrund der fehlenden Regelung auch nicht strafbar, obwohl das sexuelle Selbstbestimmungsrecht der angesprochenen Personen ja offensichtlich und durchaus von dieser Aussage berührt ist."

Gerhard Grüner, Rechtsanwalt

Selbst Aussagen wie "Geiler Arsch!", die man auf der Straße hinterhergerufen bekommt, bleiben nach jetziger Gesetzeslage und Rechtsprechung ziemlich eindeutig unbestraft, so Grüner. "Ich glaube, dass die gegenwärtige Gesetzeslage nicht ausreichend ist. Wir reden da ja auch nicht über Einzelfälle."

Dabei sei auch für die deutsche Gesetzgebung eine Umsetzung von den Forderungen aus Antonias Petition möglich, meint Grüner:

"Das wäre ein verhältnismäßiges Gesetz, es wäre geeignet die sexuelle Selbstbestimmung der Betroffenen zu schützen und angesichts der erheblichen Zahl solcher Übergriffe ist es auch erforderlich, hier eine gesetzliche Regelung zu treffen."

Gerhard Grüner, Rechtsanwalt

"Sind jetzt etwa Komplimente verboten?" – Nein.

Als Frankreich 2018 das Gesetz verabschiedete, fürchteten Kritiker*innen die Abschaffung der "Kultur des französischen Lovers", wie es zum Beispiel in der Vogue hieß.

Die Gefahr, dass durch ihre Petition auch einfache Komplimente strafbar gemacht werden könnten, sieht Antonia allerdings nicht:

"Es ist in Ordnung, Fremden Komplimente zu machen, die man auch seiner Mutter machen könnte. Und ich glaube niemand würde zu seiner Mutter sagen: 'Ey, geiler Arsch.' Wenn man sich schon fragt, ob das jetzt unangebracht sein könnte, lässt man es am besten einfach."

Antonia Quell, Petition 'Es ist 2020. Catcalling sollte strafbar sein.'

Es braucht demnach noch eine klare Definition, was als "Catcalling" in dem angestrebten Verbot strafbar gemacht werden soll. Ansonsten kann eine Differenzierung schwer fallen, denn viele Frauen fühlen sich nicht nur von Kommentaren, sondern auch vom Hinterherpfeifen und vulgären Gesten belästigt. Auch ein Auto, das urplötzlich neben einem abbremst und auf einmal mit offenen Fenster nur noch Schrittgeschwindigkeit neben dem Bürgersteig herfährt, wird von vielen als Belästigung wahrgenommen. Ob alle diese Formen des Catcallings juristisch verboten werden können, ist fraglich. Aber auch Teilbereiche juristisch strafbar zu machen, kann dabei helfen, an der gesellschaftlichen Akzeptanz für solch ein Verhalten zu rütteln.

Sendung: PULS am 07.09.2020 - ab 15.00 Uhr