Bahnfahren mit Handicap "Es ist frustrierend, die Bahn zu nehmen"

Kay Macquarrie sitzt im Rollstuhl und hat eine Petition für mehr Barrierefreiheit beim Bahnfahren gestartet. Warum? Weil es Zeit wird, sagt er.

Von: Conny Neumeyer

Stand: 02.12.2019

Kay Macquarrie, Gründer der Petition für mehr Barrierefreiheit beim Bahnfahren | Bild: Kay Macquarrie

Wer im Rollstuhl sitzt und mit dem Zug fahren möchte, dem macht es die Bahn nicht gerade leicht. Denn für den Ein- und Ausstieg muss man vor jeder Fahrt über die Mobilitätsservice-Zentrale Hilfe beantragen. Also Bahnpersonal, das zum Beispiel eine Hebebühne auf den Bahnsteigen organisiert. Das Problem? Das Formular ist ellenlang und muss für jede Fahrt aufs Neue ausgefüllt werden. Damit ist es aber noch lange nicht geschafft: Wenn man die Bürokratie hinter sich gebracht hat, kann die Antwort der Bahn am Ende nämlich trotzdem lauten: "Die ursprünglich geplante Bahnfahrt ist leider nicht machbar." Gründe dafür können zum Beispiel zu wenig Personal vor Ort oder keine verfügbare Hebebühne sein. Viele Menschen mit Behinderung müssen dann umdisponieren oder können Termine nicht wahrnehmen. So auch Kay Macquarrie. Der 44-Jährige pendelt seit etwa 20 Jahren regelmäßig mit dem Zug. Nach zwei Jahrzehnten Mobilitätszentralenwahnsinn reicht es ihm. Deswegen hat er eine Petition für mehr Barrierefreiheit beim Bahnfahren gestartet.

Tweet-Vorschau - es werden keine Daten von Twitter geladen.

Raul Krauthausen 28.11.2019 | 16:54 Uhr Sätze die nur Rollstuhlfahrende lesen müssen: »Die ursprünglich geplante Bahnfahrt am 20.12.2019 (Berlin - Hannover) ist leider nicht machbar, da die Bahn an diesem Tag aufgrund des hohen Reiseaufkommens den Mobiliätsservice nicht bestätigen konnte.« Ich kotze, @DB_Bahn!

Puls: Warum hast du die Petition ins Leben gerufen?

Kay Macquarrie: Ich bin seit 20 Jahren im Rollstuhl unterwegs, nutze seitdem auch die Bahn und führe ein Pendlerleben. Ich arbeite in Berlin und wohne in Bonn. Da hab mir jetzt so langsam gedacht, es muss sich etwas ändern. So kann es nicht weitergehen. Und da gibt natürlich auch noch die UN-Menschenrechtskonvention Geleit, die sagt: Transportmittel sollen auch für Menschen mit Behinderung und Mobilitätseinschränkung ohne fremde Hilfe nutzbar sein.

Wie läuft das ab, wenn du eine Fahrt anmelden möchtest?

Dann wende mich an die Mobilitätsservicezentrale der Bahn. Manche melden ihre Fahrt telefonisch an, ich mache es lieber digital. Und wenn ich das über den so üblichen Weg über die Bahn mache, muss ich knapp 80 Formularfelder für eine Fahrt von Kiel nach Berlin ausfüllen. Nur für diese eine Reise. Mittlerweile gibt es ein neues Formular, es ist also schon etwas einfacher geworden, aber man muss seine Daten für jede Reise immer wieder von neuem eingeben. Und das dauert jedes Mal eine Dreiviertelstunde.

Hilfeleistung als Service

Hilfeleistung als Service (HaSe) ist ein Online-Tool, das beim Ausfüllen des Mobilitätsantrags bei der Bahn hilft. Aus fast 80 Klicks macht die Website so nur noch wenige. Pendler können ihre regelmäßigen Fahrten außerdem abspeichern und immer wieder abrufen, anstatt die Daten immer wieder aufs Neue eingeben zu müssen.

Aber nur der Antrag selbst garantiert den Service ja nicht. Ist es schon vorgekommen, dass du Termine nicht wahrnehmen konntest, weil keine Hilfe verfügbar war?

Die Gefahr schwingt mit. Mich hat die Bahn ehrlich gesagt zur Flexibilität erzogen. Ich nutze einen manuellen Rollstuhl und der ist relativ leicht. Wenn der Service nicht verfügbar ist, dann wende mich an Fremde oder Mitreisende und frage sie, ob sie mir rein- und raushelfen können. Das ist recht umständlich und auch schwer und mit gewissen Gefahren versehen. Aber ich will mich nicht durch die Barrieren in der Bahn in meinen Aktivitäten einschränken lassen. Ich schlage mich irgendwie durch, aber es gibt auch Leute, die dadurch vom Bahnfahren abgehalten werden.

Eine Kollegin von mir aus Augsburg ist im E-Rolli unterwegs. Und wenn sie so eine Ablehnung bekommt, kann sie nicht mal eben jemanden fragen, ob man ihr helfen kann. Sie muss demnächst beruflich nach Berlin, der Mobilitätsservice ist für die Fahrt nicht verfügbar. Ihre Lösung ist, dass sie einen Start-Bahnhof nutzt, der 50 Kilometer entfernt ist, und für den sie die ganze Anmeldung noch mal gemacht hat. Dafür hat sie dann die Zusage erhalten. Ihr Mann fährt sie also in die nächste Stadt, damit sie ihren Termin in Berlin wahrnehmen kann. Es ist unglaublich kompliziert und diskriminierend. Und durch diese Diskriminierung ist es frustrierend, die Bahn überhaupt zu nehmen.

Wie sind die Reaktionen der Leute, die du um Hilfe bittest?

Die Bahnmitarbeiter, die danebenstehen, sind oft überrascht, dass es auch auf anderen Wegen in den Zug hineingeht. Manchmal muss man sich einfach durchsetzen, insbesondere wenn kein barrierefreier Waggon dabei ist. Dann wollen einen die Mitarbeiter manchmal erst gar nicht einladen, weil sie sagen: "In dem Zug gibt’s kein barrierefreies Klo, das ist nicht gut für Sie. Deswegen bleiben Sie am besten gleich draußen." Ich fahr aber auch mit den nicht-barrierefreien Zügen. Ich schau dann, was ich so zu mir nehme und dass ich möglichst wenig trinke. Damit man am nächsten Bahnhof nicht wieder aussteigen muss, um auf die Toilette zu gehen.

Damit das ein Ende hat, hast du eine Petition gestartet. Was möchtest du erreichen?

Mein Ziel ist, das Bahnfahren einfach und vor allem für Leute ohne Mobilitätseinschränkungen sichtbar zu machen, dass so wie es gerade läuft, kein nachhaltiges Prinzip ist. Ich kann nicht einfach mal so die Bahn nehmen, wie jeder andere auch, weil das mit großer Voranmeldung verbunden ist. Aber auch ich möchte spontan reisen. Einfach zum Bahnhof gehen, Zug aussuchen, rein und dann ans Ziel kommen. Das ist aber nicht möglich. Nur dann, wenn Bahnmitarbeiter da sind, kann ich die Bahn nutzen und wenn die nach Hause gehen, muss ich auch zu Hause sein. Ich wünsche mir insbesondere, wenn ich eine Fahrt anmelde, dass die dann auch durchgeführt wird. Und nicht gesagt wird: Es ist kein Personal vorhanden, wir machen's nicht.

Welche Reaktionen hast du bisher auf deine Petition bekommen?

Die Resonanz ist wirklich überwältigend, weil es so unglaublich viele Menschen sind, die mir Unterstützung zusagen und die sich fragen: Ja klar, warum ist das denn nicht schon lange so? Wieso gehen wir überhaupt noch über Treppen in die Züge?

Was glaubst du, wie oft werden Anträge für den Service abgelehnt?

Die Bahn hat ja so ihre eigenen Statistiken, die sie pflegt. Dort heißt es, dass 99 Prozent aller Hilfsanfragen geleistet werden. Im Jahr sind das insgesamt 850.000 Stück, dazu können auch Eltern mit Kinderwagen oder ältere Leute mit schweren Koffern zählen. Aber wenn man dieses eine Prozent mal hochrechnet, das nicht geleistet werden kann, dann entsprechen selbst diesem einen Prozent 8.500 Menschen, die ihre Reise nicht antreten konnten. Bei mir kommt es so ungefähr bei jeder dritten Anmeldung vor, dass es nicht klappt. Oft ist der Grund, dass das barrierefreie WC im Zug defekt ist.

Wie lange läuft deine Petition noch?

Die Petition läuft und man kann jederzeit unterschreiben. Jetzt sind wir gerade bei 90.000 Stimmen, das Ziel sind 900.000. Dann sind wir genau bei 10 Prozent aller Menschen, die in Deutschland eine Behinderung haben. Das sind knapp 10 Millionen Menschen und wenn ich davon 10 Prozent bekomme, bin ich zufrieden. Beendet ist die Petition dann, wenn die Bahn das Bahnfahren einfach macht. Und zwar auch das digitale. Also wenn es um die Hilfsanmeldung geht und der Gedanke von Inklusion von Anfang an mitgedacht wird. Aber das ist, denke ich, noch ein langer Weg.

Sendung: PULS am 03.12.2019 - ab 15.00 Uhr