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10 Gebote im Plattenladen Und er sah, dass es Vinyl war

Im Plattenladen gelten eigene Gesetze. Und die können ziemlich einschüchtern. Wer sich an diese 10 Grundregeln hält, kann aber ganz entspannt in den Vinyl-Mikrokosmos eintauchen und eine himmlische Erfahrung machen.

Von: David Würtemberger

Stand: 19.10.2015 | Archiv

Gebote im Plattenladen | Bild: BR

Die Geschichte vom ersten Besuch im Plattenladen klingt oft mehr nach mittelschwerem Trauma als nach Erleuchtung. Dabei sind viele Plattenläden wunderschöne, inspirierende Orte, die den musikalischen Horizont viel mehr erweitern können, als jeder noch so gehypte Musikblog. Und wer diese zehn Gebote befolgt, muss auch keine Angst mehr vor dem angsteinflößendem Personal haben.

I - Du sollst das Personal ehren!

Ein "Servus" sollte eigentlich jeder rausbringen können - egal wie respekteinflößend das Personal zu sein scheint. Es hat aber vor allem auch Vorteile, sich mit den Verkäufern gut zu stellen: Wenig Menschen können dir bessere Musiktipps geben als sie. Im Ernst, spring über deinen Schatten, frag die grimmig schauenden, immer beschäftigten Leute hinter dem Tresen, ob sie einen Tipp für dich haben. Und plötzlich geht die Sonne auf und du hast eine neue Lieblingsband.

II - Du sollst die Platten behandeln wie deines Nächsten Eigentum!

Ist es nämlich auch. Und zwar genau so lange, bis du deine Kohle über den Tresen schiebst und dafür die Platte mit Kassenbon bekommst. Stell dir vor, jemand leiht sich dein brandneues Smartphone, schleift es über einen Kiesweg, wäscht es danach in einem Teich ab und hält es dir wieder hin. So fühlt es sich für Verkäufer an, wenn du ihre Schätzchen nicht sorgfältig behandelst.

III - Du sollst den Plattenspieler mit Sorgfalt behandeln!

Meistens stehen im Plattenladen keine klapprigen Gurken rum, sondern eine Legende namens 1210. Der Technics-Plattenspieler wird seit einigen Jahren nicht mehr hergestellt, also den Tonarm nicht mit einem Hubschrauber verwechseln. Übrigens: Die runden Matten, wahlweise aus Gummi, Filz oder Kork, sind kein Staubschutz. Slipmats schützen die Platten vor Kratzern. Fang also nicht an, Slipmats abzunehmen und Platten auf den nackten Metallteller zu klatschen - außer du hattest immer schon mal Bock auf Hausverbot.

IV - Du sollst nicht scratchen!

Hängt mit dem zweiten Gebot zusammen. Sobald du die Platte zu Hause hast, kannst du deinem Turntableism-Hobby nachgehen und so viel scratchen, dass die Nadel durch die Platte schaut. Das Problem im Plattenladen: Die Platte, die du da durchnudelst und am Ende wieder ins Regal stellst, soll noch verkauft werden. Also lass es. Wahrscheinlich kannst du im Laden mit deinen mickrigen Skills sowieso niemand beeindrucken. Außer du heißt zufällig Kid Koala.

V - Du sollst nicht diggen deines nächsten Crate!


Manche Menschen flippen schneller, manche langsamer. Eh klar. Aber nichts nervt mehr, als den feuchten Atem eines Turboflippers im Nacken zu spüren, der gerade nichts sehnlicher begrabschen will als exakt deine Platten. Gleich auf Platz zwei: Schnarchzapfen, die sogar für jede White Label einen minutenlangen Kniefall machen.

VI - Du sollst nicht in die Rillen patschen!

Ganz einfach: Im Laden fasst man Platten am Rand an. Die Definition von Rand: Die Stelle der Platte, an der keine Rillen im Vinyl sind - und auch kein Cover draufklebt. Wenn man das befolgt, kann man auch die Samthandschuhe zu Hause lassen und zaubert den Verkäufern ein zufriedenes Lächeln aufs Gesicht. Naja, vielleicht auch nicht... Jedenfalls schreien sie einen nicht hysterisch an.

VII - Du sollst Discogs-Preislisten zu Hause lassen!

Ja, schön, deine limitierte Bilderbuch-EP wird auf Discogs.com für 400 Euro angeboten. Das interessiert im Plattenladen aber niemanden, denn wir sprechen hier von Händlern, die trotz aller Liebe zur Musik wirtschaftlich arbeiten müssen. Also sei nicht geknickt, wenn du für die hüllenlose Boney-M-Platte deiner Mutter keinen Cent siehst - echt schwarzes Gold ist eben selten. Sonst wäre es ja kein Gold.

VIII - Du sollst nicht stehlen!

Im unabhängigen Plattenladen zu stehlen, ist ungefähr so, wie wenn du der 80-jährigen Verkäuferin aus dem Tante-Emma-Laden deiner Kindheit selbstgebackene Nussecken klaust und danach noch in den Eingang kackst. Leider kommt es trotzdem immer wieder vor, was darin resultiert, dass man als Newbie gern mal das berechtigte Gefühl hat, unter ständiger Beobachtung zu stehen.

IX - Du sollst dich über die Regeln im Shop informieren!



Jeder Plattenladen hat seine eigenen Regeln. Bei Optimal Records in München zum Beispiel stehen die Abhörexemplare direkt in den Regalen, bei anderen Läden musst du sie am Tresen erfragen. Wenn du dir nicht sicher bist, wie es in deinem Laden läuft, frag einfach nach. Verkäufer sind froh um jeden Kunden, der sich informiert, statt eingeschweißte Hüllen aufzureißen.

X - Du sollst dir Zeit nehmen!

Wenn du nicht nur für deinen Vater die neue U2 abholen willst, plane für einen Besuch im Plattenladen mehr als 15 Minuten ein. Du wirst den Zauber sonst einfach nicht verstehen. Schau dich um, flippe durch die Regale, schmökere in der Bücherabteilung, hol dir ein Getränk, lass dir vom Personal Platten empfehlen - in den meisten Plattenläden findest du viel mehr als nur PVC.

Bonusgebot: Egal wie viel Respekt du hast und wie eingeschüchtert du von den wandelnden Musiklexika bist, die Verkäufer sind keine bösen Übernerds. Auch wenn man es befürchtet, eigentlich passiert es so gut wie nie, dass man für Unwissen dumm angemacht wird. Falls aber doch, lass dir das Erlebnis nicht kaputt machen. Entweder hat der Verkäufer einen schlechten Tag oder du solltest unbedingt einen anderen Laden aufsuchen.


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Christian, Dienstag, 21.April 2015, 19:52 Uhr

2. 10 Gebote

Wenn ihr nur noch die 10 Gebote auflisten könntet die besagen wie sich der Plattenladenbesitzer gegenüber seinen Kunden verhalten muss.....

Herbie Hammock, Sonntag, 19.April 2015, 13:46 Uhr

1.

Sau geiler artikel !
One love.

#vinylistdasgoldman!