Sport - Fußball


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Fußball und Gewalt "Von den positiven Aktionen spricht keiner"

Das Fanprojekt München betreut Anhänger des FC Bayern München und TSV 1860 München. Die Initiative ist unabhängig von den beiden Fußballvereinen. Über die Arbeit des Fanprojektes gibt Mitarbeiter Thomas Emmes (zweiter von rechts) Auskunft.

Stand: 01.02.2010 | Archiv

Mitarbeiter des Fanprojekts München (v.l.): Lothar Langer, Andrea Sailer, Thomas Emmes, Günter Krause | Bild: Fanprojekt München

BR-online: Herr Emmes, worin besteht Ihre Arbeit?

Emmes: Das Fanprojekt München gibt es seit 1995, es hat derzeit vier Mitarbeiter. Wir richten uns nach dem 1992 verabschiedeten "Nationalen Konzept Sport und Sicherheit" (NKSS), indem wir präventiv und sozialpädagogisch arbeiten und zwischen der Fanszene, den Fußballklubs und der Polizei vermittelnd tätig sind. Den Fußballanhängern machen wir Angebote, zum Beispiel in Form von zwei Fanheimen. Die sind in der Obhut des Fanprojektes, werden aber von den Nutzern selbst verwaltet. Es funktioniert wie in einem Jugendzentrum, in diesem Fall für Fußballfans. Außerdem nutzen wir an Wochenenden den Münchner Streetwork-Bus. Der steht bereits einige Stunden vor Spielbeginn vor dem Stadion. Wir suchen damit den Dialog mit den Fans, gerade auch mit der Ultra-Szene. Es werden Informationen ausgetauscht und der Nachmittag im Stadion organisatorisch vorbereitet.

BR-online: Nimmt die Gewalt von Ultra-Gruppierungen auch Ihrer Meinung nach zu?

Emmes: Wir machen seit einigen Jahren die Beobachtung, dass sich gewisse Gruppen vom Fußball entfernen und sich mehr auf gegnerische Fans konzentrieren. Vor allem der Unmut gegen die Polizei steigt. Im Heimstadion ist es zwar ruhig, gerade in der Allianz Arena, doch im Rahmen von Auswärtsspielen gibt es immer wieder Vorkommnisse mit Gewalt. Bei der Anreise kreuzen sich häufig die Fanwege. Da ist unser Einfluss begrenzt.

BR-online: Wie groß ist der Anteil gewaltbereiter Fans in München?

Emmes: Genaue Zahlen kann ich Ihnen nicht sagen, aber es sind nur wenige. Doch wenn die Randale machen, bestimmt das das öffentliche Bild. Dann wird oft gleich die gesamte Fanszene zum Problem erklärt. Von ihren positiven Aktionen spricht dagegen keiner. Ein Großteil der Ultra-Szene des FC Bayern engagiert sich aktiv, nicht nur für den Fußball, sondern auch in sozialen Projekten. So gibt es von Bayern-Fans Initiativen gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie oder zum Beispiel ein Projekt zur Integration von Migranten.

BR-online: Aus welchen Schichten setzen sich die Münchner Ultras zusammen?

Emmes: Beim FC Bayern kommen die meisten aus der Mittelschicht, aus gutbürgerlichen Familien. Es sind viele Gymnasiasten und Studenten dabei. Man kann fast von einer intellektuellen Fanszene sprechen. Beim TSV 1860 München ist es etwas anders, dort wird immer noch das Image des Arbeitervereins gepflegt.

BR-online: Ist die Münchner Fanszene von Neonazis unterwandert?

Emmes: Beim FC Bayern gibt es keine aktiven Rechten, aber bei den Sechzigern ein kleines Grüppchen von 20 oder 30 Neonazis, die auch ins Stadion gehen. Widerstand gegen sie kommt sowohl vom Fanprojekt München als auch von der Initiative "Löwen-Fans gegen Rechts". Aber man kann nur eingeschränkt gegen sie vorgehen und nur dann, wenn sie sich etwas zu Schulden kommen lassen. Und die wissen genau, was sie dürfen und was nicht.

BR-online: Haben Sie Verständnis dafür, wenn Fans wütend auf die fortschreitende Kommerzialisierung im Fußball sind?

Emmes: Ja, zum Beispiel ist die Zerstückelung von Spieltagen zu Gunsten von TV-Sendern schon ein Problem. Für einen Schüler ist es fatal, wenn er am Sonntagabend zum Auswärtsspiel, sagen wir nach Hannover, fahren will und am Montagmorgen wieder in die Schule muss. Das Engagement von Fans gegen die Kommerzialisierung im Fußball unterstützen wir - zum Teil. Es ist eine Gratwanderung, denn ein Verein wie der FC Bayern, der immer ganz oben mitspielen will, muss teure Spieler kaufen und daher Kompromisse in Sachen Kommerz eingehen.

BR-online: Haben Sie genug Unterstützung vom Staat?

Emmes: Die Finanzierung des Fanprojektes München teilen sich die Verbände (DFB und DFL), der Freistaat Bayern und die Kommune zu je einem Drittel. Beim Kultusministerium hat es ein wenig gedauert, bis es seinen Verpflichtungen nachgekommen ist, aber im Dezember 2009 hat es mehr Geld zugesagt. Das sind keine großen Summen, aber es reicht, um eine Vollzeitstelle für eine junge Sozialpädagogin, die gerade von der Uni kommt, zu bezahlen. Das ist auch nötig, denn wir haben derzeit nur eineinhalb Mitarbeiter für die Betreuung der FC Bayern-Fanszene und können eine weitere Mitarbeiterin gut gebrauchen.

Die Fragen stellt Ernst Eisenbichler


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