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Albert M. Debrunner Biographie über Hermann Kesten

Nürnbergs bedeutendster Schriftsteller des 20. Jahrhunderts ist Hermann Kesten. Er spielte lange Zeit eine zentrale Rolle in der Literatur. Jetzt erinnert die erste Biographie "Zu Hause im 20. Jahrhundert" an den bedeutenden Autor.

Von: Dirk Kruse

Stand: 17.08.2017 | Archiv

Geboren wurde Hermann Kesten am 28. Januar 1900 in einer Kleinstadt in der heutigen Ukraine. Doch als Vierjähriger zogen seine jüdischen Eltern mit ihm nach Nürnberg. Kesten war seiner fränkischen Heimatstadt so verbunden, dass er sie jahrzehntelang als seine Geburtsstadt ausgab.

"Nürnberg ist die Stadt, in der ich ein Kind war, in der ich aufgewachsen bin, zur Schule ging und wo ich meine Frau kennenlernte. Und natürlich kam dann die Zeit ab 1933, wo Nürnberg die Stadt der Reichsparteitage wurde. Ich hatte schon 1923 in Nürnberg am Bahnhof Adolf Hitler mit seiner Reitpeitsche gesehen. Ich stand fast neben ihm. Dann kam der Krieg und es kam die Zerstörung der Stadt. Ich war 1949 zum ersten Mal wieder in Nürnberg und stand am Hauptmarkt und war entsetzt und betrübt, dass mein Nürnberg so in Trümmern lag."

Hermann Kesten

1927 lockte es den seit seiner Jugend schreibenden Hermann Kesten nach Berlin, wo er als Lektor arbeitete und Romane im Stil der Neuen Sachlichkeit schrieb. Für seinen Erstling "Josef sucht die Freiheit" wurde er sogar mit dem bedeutendsten Preis der Weimarer Republik, dem Kleist-Preis ausgezeichnet. Doch dann folgten die Flucht vor den Nazis und das harte Los des Exils in Holland, Frankreich und schließlich in den USA. Dort setzte Kesten alles daran, Autorenkollegen vor Krieg und Verfolgung zu retten. Ohne Kestens Einsatz hätten etwa Heinrich Mann, Alfred Polgar oder Carl Zuckmayer nicht überlebt. Stefan Zweig nannte Kesten deshalb den "Schutzheiligen aller über die Welt versprengten".

"Das ist ein Ehrentitel, der ihm gebührt. Denn Hermann Kesten hat sich für Hunderte von Menschen eingesetzt. Er hat ihnen die Flucht in die USA ermöglicht. Und zwar unter großem persönlichen, auch finanziellen Einsatz. Er hat die ganze Kärrnerarbeit geleistet im sogenannten Emergency Rescue Committee, in dem auch Thomas Mann Mitglied war. Er hat ganz vielen Menschen, u.a. Bertolt Brecht zur Flucht in die USA verholfen. Das ist heute kaum bekannt."

Albert M. Debrunner, Autor der ersten Hermann Kesten-Biographie

Der Autor der ersten Hermann Kesten-Biographie beschreibt dieses außergewöhnliche und exemplarische Schriftstellerleben äußerst kenntnisreichend, einfühlsam und spannend. Denn Kesten war einer der wenigen Exilautoren, die auch in der Bundesrepublik noch eine Rolle spielten, gelesen und gehört wurden. Kesten war Moralist und überwarf sich etwa mit der Gruppe 47, weil dort etliche Mitglieder nicht genügend Abstand zu Autoren wie Gottfried Benn oder Ernst Jünger hatten, die er wegen ihrer Nähe zu den Nazis verabscheute.

Aber von den linken 68ern wollte er sich auch nicht vereinnahmen lassen. Geschickt verhinderte er als P.E.N.-Präsident Anfang der 70er-Jahre die Spaltung der Autorenvereinigung. 1974 wurde Kesten dann mit dem bedeutendsten Literaturpreis der Bundesrepublik, dem Georg-Büchner-Preis geehrt. Und immer blieb Kesten ein Freund und Förderer seiner Schriftstellerkollegen.

"Kesten hat tatsächlich eine Rolle gespielt im Literaturbetrieb. Er war keine Randfigur. Und er war auch jemand, der gerne junge Autorinnen und Autoren gefördert hat. Er hat zum Beispiel Ingeborg Bachmann zu ihrer allerersten Lesung in Rom verholfen. Er hatte einen Termin in Rom für eine Lesung und hat dann den Veranstaltern spontan gesagt: Lasst doch diese junge Frau auch aus ihren Gedichten vorlesen. Das war der römische Einstieg für die Bachmann. Kesten hat da eine wichtige Rolle gespielt."

Albert M. Debrunner

Kesten war nach dem Krieg nicht nach Deutschland zurückgezogen. Er lebte als Weltenbummler zwischen Rom, New York und Basel.

"Meine Heimat ist die deutsche Sprache. Meine Heimat ist Europa. Und meine Heimat sind meine Freunde, meine Frau und die Frauen, die ich geliebt habe, meine Eltern. Und die Weltliteratur. Die ist meine wahre Heimat."

Hermann Kesten

Hermann Kestens einzige Nichte, Marian Houston, hat ihren Onkel, der einen ausgeprägten Familiensinn hatte, häufiger auf Reisen begleitet.

"Er hat immer gelesen. Alle Bücher. Aber er hatte auch Kunst sehr gerne. Und er ist immer ins Kaffeehaus gegangen. Und da hat er geschrieben."

Marian Houston

Hermann Kesten war ein Dichter im Café, ein Autor, der überall auf der Welt ein Stück Heimat im Kaffeehaus fand. Zu recht berühmt wurden seine Essaybände über Schriftsteller wie "Dichter im Café", "Meine Freunde die Poeten" oder "Lauter Literaten".

"Ich denke, seine Stärke ist eindeutig der Essay. Er hat ganz tolle Essays geschrieben. Das sind zeitgeschichtlich interessante Essays, aber es sind auch Essays, die über ihre Zeit hinaus von Bedeutung sind. Etwa was er über Heine schreibt ist ganz großartig. Überhaupt sind seine literaturgeschichtlichen Aufsätze sehr lesenswert. Aber auch für Leute, die sich für die Literatur der jungen Bundesrepublik interessieren, ist es spannend, was er über seine jungen Kolleginnen und Kollegen geschrieben hat. Das lohnt sich immer noch zu lesen. Das ist ganz spannend."

Albert M. Debrunner

Info & Bewertung

Wertung: 5 Frankenrechen von 5 | Bild: BR

Albert M. Debrunner: Zu Hause im 20. Jahrhundert. Hermann Kesten, Biographie mit zahlreichen Fotografien und Abbildungen, Wädenswil 2017, Nimbus Verlag, 412 Seiten, 28,00 Euro, ISBN 978-3-03850-032-2

Mit 96 Jahren starb Hermann Kesten in Basel. Da hatte er seinen Ruhm schon überlebt. Heute sind nicht mehr viele seiner Bücher lieferbar. Aber dank Albert M. Debrunners brillanter Biographie, die auch zahlreiche Abbildungen enthält und schön und edel mit Leineneinband gestaltet ist, wird dieser Jahrhundertautor dem Vergessen entrissen. Ein wichtiges Buch, das sich streckenweise wie ein Roman liest, und das vor allem Lust macht wieder Bücher von Hermann Kesten zu lesen.

Stichwort: Hermann Kesten

Hermann Kesten ist Nürnbergs bedeutendster Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Er lebte von 1900 bis 1996. Eine zentrale Rolle spielte er in der Literatur der Weimarer Republik, der Exilliteratur und der Literatur der jungen Bundesrepublik. Neben seinen 16 Romanen schrieb Kesten zahlreiche Essays, Erzählungen, Theaterstücke und Gedichte, und war ein bedeutender Herausgeber, Übersetzer und Lektor.

Der einst so berühmte Autor, dessen Bücher in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt wurden, mit einer Gesamtauflage von über zwei Millionen, ist fast in Vergessenheit geraten. Viele seiner Bücher sind vergriffen und nur noch antiquarisch erhältlich. Die erste Biographie über Hermann Kesten erinnert an den bedeutenden Autor. Sie heißt "Zu Hause im 20. Jahrhundert" und wurde von dem Schweizer Germanisten Albert M. Debrunner verfasst.

 


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