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Plötzlich IS-Anhänger Tun wir zu wenig gegen Radikalisierung?

Ein deutscher Student, der als IS-Kämpfer in den Krieg zieht – klingt absurd, Experten wissen aber: Das ist Realität. Doch was kann man tun, wenn ein Freund in die Radikalität driftet?

Von: Marlene Fercher

Stand: 23.11.2017 | Archiv

Filmplakat zu Film "Brüder" von  Züli Aladağ  | Bild: SWR

Partys, Drogen, Studium – für Jan ergibt das alles keinen Sinn mehr. Sein Alltag ergibt keinen Sinn. Die Gesellschaft ergibt keinen Sinn. Was sein Mitbewohner Tariq erleben muss, ergibt keinen Sinn. Tariqs Familie ist in Syrien eingeschlossen. Seine traumatisierte Schwester Samia hat es nach Deutschland geschafft, doch ihr droht die Abschiebung nach Bulgarien. Jan will ihr helfen – und scheitert. Sinnlos.

Doch irgendwann lernt Jan Abadin, einen bosnischen Salafisten, und dessen Freunde kennen. Es dauert eine Weile – aber dann ergibt plötzlich ALLES Sinn. Jan findet Bestätigung, Ruhe, Orientierung, eine Gemeinschaft. Er glaubt, die Salafisten könnten Tariq helfen, seine Familie zu retten. Und er findet dank ihnen das vermeintliche Ziel, für das es sich zu leben lohnt – und, wenn es sein muss, auch zu sterben. Der deutsche Informatikstudent Jan zieht für den IS als Soldat in den syrischen Krieg.

Jan ist die Hauptfigur in Züli Aladağs ARD-Zweiteiler "Brüder", eine fiktive Geschichte – und gleichzeitig komplett real. Denn Geschichten wie die von Jan hat Thomas Mücke schon viele gehört.

"Wenn ich da einen im Büro habe, der 17 Jahre alt und vier Monate im Kampfgebiet beim sogenannten IS war, links die Mutter, rechts der Vater und beide fragen ihn die ganze Zeit: Warum hast du das gemacht? Dann schaut der beschämten zu Boden, weil er die Frage schlichtweg nicht beantworten kann."

Thomas Mücke, Violence Prevention Network

Thomas Mücke arbeitet seit 25 Jahren in der Extremismusprävention und ist Mitbegründer des Vereins Violence Prevention Network. Wie konnte es nur so weit kommen, und wie hätten wir es verhindern können? Die zentrale Frage seiner Arbeit beschäftigt Eltern, Freunde und natürlich auch die Politik.

"Wir haben Fehler gemacht in der Vergangenheit, dass wir das Problem zu spät gesehen haben, zu spät agiert haben."

Thomas Mücke, Violence Prevention Network

Wenn der Freund plötzlich in den Krieg zieht

Erschreckend viele junge Deutsche haben sich in den letzten Jahren radikalisiert, um die 1000 von ihnen sind seit 2012 in Kampfgebiete ausgereist, nach Syrien zum Beispiel. Um darauf zu reagieren, muss man erstmal verstehen warum, sie sich zu radikalen islamistischen Kreisen hingezogen fühlen. Einfache Antworten gibt’s hier leider nicht. Bei dem einem ist es ein langsamer Prozess, der andere ist schon nach vier Wochen bereit in den Krieg zu ziehen.

"Jeder hat mal eine Krise. Die extremistische Szene versteht es, die Bruchlinien einer Person sehr schnell zu erkennen und anzusprechen. Es geht um's Gefühl der Gemeinschaft und ich glaube, was man bei allen sagen kann: Es ist die Suche nach Anerkennung."

Thomas Mücke, Violence Prevention Network

"Bruchlinie" – das kann eine Trennung sein, Probleme bei der Arbeit oder in der Schule, aber auch einfach allgemeine Überforderung oder Orientierungslosigkeit. Phasen, in die jeder rutschen kann.

Miteinander reden – über andere Themen

Aber was kann ich tun, wenn mein Freund, den ich schon ewig kenne, plötzlich mittendrin steckt, in der radikalen Szene? Wie halte ich jemanden auf, der überzeugt ist, genau das Richtige zu tun? Florian Endres leitet die Beratungsstelle Radikalisierung der Bundesregierung und bekommt diese Frage täglich mehrmals gestellt. Sein erster Rat: Den Freund nicht aufgeben! Nicht an endlosen Grundsatzdikussionen verzweifeln, sondern einen Weg finden, wie man trotzdem noch miteinander reden kann.

"Es ist wichtig, gerade diese Debatten über den wahren Islam und über Religion erstmal zurückfahren."

Florian Endres, Beratungsstelle Radikalisierung

Die Situation abkühlen lassen. Über andere Themen wieder einen Zugang zueinander finden. Dem Freund zeigen, dass du selbst auch nicht die Wahrheit gepachtet hast und dir seine Sichtweisen anhörst. Welche Fragen – abgesehen von Religion – beschäftigen ihn gerade. Dort ansetzen und zeigen, dass er akzeptiert und wichtig ist. Und vor allem: auch bei Differenzen den Gesprächsfaden nicht abreißen lassen. Was so banal klingt, kann laut Endres, gerade in einer frühen Phase einer Radikalisierung wirklich helfen.

Auf Kommunikation setzt auch die Bundesregierung. Und auf Aufklärung. Seit 2012 gibt es verstärkt Präventionsarbeit an Schulen und Jugendämtern und eben auch Hotlines, an die sich besorgte Eltern und Freunde wenden können. Aber jeder Fall von Radikalisierung ist anders. Damit die Beratung eine Chance hat, braucht man Zeit – und Geld. Ein echtes Problem, denn die Beratungsstellen arbeiten meistens auf Basis von Ein-Jahres-Verträgen, die dauerhafte Finanzierung ist nicht abgesichert.

"Man kann die meisten Menschen wieder herausführen aus der Szene, wenn aber keiner mit ihnen spricht,  dann überlassen wir sie den Extremisten und dann wird der Radikalisierungsprozess zunehmen."

Thomas Mücke, , Violence Prevention Network

Einmal radikal, immer radikal?

Es kann einem so erscheinen, als könnte man nichts dagegen tun, wenn sich jemand wirklich radikalisieren will. Also könne man mit Leuten gar nicht mehr reden, die sich in ihre Auslegung des Korans so verrannt haben und das als einzig gültige Wahrheit ansehen. Aber es gibt die Auswege. Prävention und Aufklärung können etwas bewirken. Selbst wer schon tief in der radikalen Szene stecke, könne noch erreicht werden, sagt Thomas Mücke, seine Erfahrung bestätige ihn. Doch dafür braucht es Zeit und es braucht eine langfristige Finanzierung. Deradikalisierung muss immer ein Thema sein und zwar ein wichtiges. Und nicht eines, nachdem man erst dann wieder fragt, wenn es einen Anschlag gab oder von jemandem berichtet wird, der nach Syrien ausgereist ist. Wir müssen vorher darüber reden, die Politik muss vorher aktiv werden, denn sonst ist es zu spät.

Ihr habt Fragen, oder sorgt euch, dass sich jemand von euren Freunden oder Verwandten radikalisieren könnte? Hier findet ihr die Hotline der Beratungsstelle Radikalisierung der Bundesregierung.

Den Film "Brüder" könnt ihr euch bis zum 22.12.2017 in der ARD Mediathek ansehen.

In der PULS Preview haben wir ihn einigen glücklichen Kinofans schon vor der offiziellen Fernsehpremiere gezeigt und im Anschluss mit Extremismus-Experten und dem Regisseur Züli Aladağ diskutiert.

Sendung: Filter vom 22.11.2017 – ab 15 Uhr