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Braune Bands und Bomben Ohne Rechtsrock hätte es den NSU nicht gegeben

Ein Netzwerk rechtsradikaler Musikfans hat die NSU-Terroristen von Anfang an gestützt. Musik war für Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt der Einstieg - und er könnte es heute für eine neue Generation wieder sein.

Von: Thies Marsen

Stand: 06.04.2016 | Archiv

Der Rechtsrock und der NSU | Bild: BR

Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe steigen Anfang der 90er-Jahre in die Neonaziszene ein - und schon bei diesem Einstieg spielt die Musik eine entscheidende Rolle, sagt die Fachjournalistin Andrea Röpke:

"Sie haben natürlich mit Konzerten angefangen, mit Saufgelagen, haben sich dann nicht nur als Besucher zu den Konzerten begeben, sondern haben angefangen, mit den Tonträgern zu handeln."

Andrea Röpke

Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe finden über die Musik schnell Anschluss an den harten Kern der Bewegung: Das internationale Musiknetzwerk "Blood and Honour", gegründet in den 80er-Jahren in England - von Ian Stewart Donaldson, Sänger der ersten Neonazi-Rockband überhaupt: Skrewdriver.

Donaldson ist bis heute ein Idol der Neonazis weltweit. Mit "Blood and Honour" schafft er es, die altbackene Szene zu modernisieren, sagt der Rechtsrock-Experte Michael Weiß.

"Der neue Ansatz war, dass sie gesagt haben, wir müssen das zum Geschäftsfeld entwickeln, wir müssen die Kultur professionell aufarbeiten und einsetzen. Zum einen, um Leute zu politisieren und zum anderen, um auch die Kassen unserer Organisation, unserer Strukturen zu füllen."

Michael Weiß

Und es bleibt nicht bei Propaganda. Über das Musiknetzwerk werden schon bald konkrete Anleitungen für den bewaffneten Kampf verbreitet - etwa das Kampfhandbuch "Field Manual". Darin wird unter anderem gefordert, sich in einzelnen, unabhängigen Zellen zu organisieren, die nach dem Konzept des "führerlosen Widerstands" agieren - liest sich wie eine Blaupause für den NSU. Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe erhalten ihren ersten Sprengstoff denn auch von "Blood and Honour". Und als sie kurz darauf in Chemnitz untertauchen, werden sie dort von Aktivisten des Netzwerks unterstützt - mit Wohnungen, Geld, Pässen - vermutlich auch mit Waffen.

"Das sind die Strukturen, auf die sie zurückgreifen konnten, in der Phase vor ihrem und nach ihrem Untertauchen. Das waren die Leute, über die man wiederum an Leute herangekommen ist, die einem Sprengstoff geliefert haben. Schon 1997 haben sie Sprengstoff gekriegt - über so eine kleine Ameisenstraße, und das waren alles 'Blood and Honour'-Leute, die da involviert waren. Ohne 'Blood and Honour' hätte es den NSU so nicht gegeben."

Michael Weiß

Der Nationalsozialistische Untergrund war also eng mit Rechtsrock verwoben. Und heute wird der NSU ganz offen von Rechtsrockbands gefeiert: So singt die Band "Überzeugungstäter" bei einem Festival im mittelfränkischen Scheinfeld 2013 vor über 1.000 Besuchern lauthals: "Beate Zschäpe, du bist die Schönste hier im Land."

Im Gegensatz zu den 90er-Jahren, als Mundlos, Zschäpe und Böhnhardt in die Neonaziszene einstiegen, ist Rechtsrock heute dank Internet viel leichter zu haben - und viel differenzierter. Zwar dominiert immer noch der klassische Oi-Punk, aber längst gibt es auch braunen H8Core, Dark Wave, Industrial, Neo Folk, Metal - sogar HipHop. Nur der Hass, der über die Musik verbreitet wird, ist immer noch derselbe.


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