Fake Views bei Instagram Wie Rap-Kids die Videos ihrer Stars manipulieren

Brado 428, Sero El Mero, Fero 47: Ende Februar gehen plötzlich Instagram-Videos bis dahin unbekannter Deutschrapper durch die Decke. Die spannende Story einer massiven Manipulation.

Von: Falk Schacht

Stand: 21.03.2019 | Archiv

Instagram Anzeige mit 7 Millionen Views | Bild: BR

Brado 428 kennt Ende Februar eigentlich noch kein Mensch. Trotzdem knallen bei dem Rapper zu diesem Zeitpunkt die Views eines Instagram-Videos durch die Decke. Innerhalb von zwei Stunden schauen sich 7,2 Millionen Leute an, wie er eine Minute lang in seine Handykamera rappt. Kurz darauf läuft die Maschine an: Der Hype um die Millionen Views katapultiert seinen Namen auf die einschlägigen Rap-News-Seiten, er ist plötzlich überall. Der Erfolg ist beeindruckend, aber weil Brado 428 nur rund 200.000 Follower auf Insta hat, stellt sich sofort die Frage, wie das möglich ist. Wurde hier vielleicht sogar manipuliert?

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brado_428 26.02.2019 | 19:00 Uhr Aber Brrado weiß, du wurdest oft nassssss..QDH wird groß mein Bruder @mero_428 !!🔥#Quatre #Deux #Huit

Aber Brrado weiß, du wurdest oft nassssss..QDH wird groß mein Bruder @mero_428 !!🔥#Quatre #Deux #Huit | Bild: brado_428 (via Instagram)

Danach explodieren auch bei einer Reihe von Newcomer-Rappern der neuesten Generation wie Sero El Mero und Fero 47 die Instagram-Video-Views und überschreiten locker die Millionengrenze. Unter anderem wird ein Handy-Freestyle-Video von Fero 47 über Nacht auf 5,3 Millionen Views gepusht.

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fero47 13.02.2019 | 20:52 Uhr

 | Bild: fero47 (via Instagram)

Der Verdacht, dass es sich um massive Manipulationen handelt, erhärtet sich und die HipHop-Medien beginnen über einen mysteriösen "Klickkäufer" zu spekulieren, der versucht, den Rap-Newcomern zu schaden. Plötzlich beginnen aber auch bei schon länger etablierten Rappern wie KC Rebell, 18 Karat, King Khalil, Samra und vielen anderen die Klickzahlen ihrer Insta-Videos durchzudrehen.

Die Ratlosigkeit ist groß - wer steckt dahinter? Und was hat er vor? Die Rapper reagieren unterschiedlich: Während Capital Bra das Ganze "richtig Dreck" findet, bittet Eno die ominösen Klickkäufer, ihn in Ruhe zu lassen. Majoe hingegen fordert sie auf, ihre "Spendierhosen" zu zeigen und den Newcomern Gecko & F55 mindestens eine Million Views zu schenken. Und tatsächlich: Am nächsten Tag steht das entsprechende Insta-Video bei 1,1 Millionen Views. Das ist gleichzeitig der Beweis, dass die Behauptung stimmt: Wer auch immer dahintersteckt - sie können tatsächlich Views in Millionenhöhe katapultieren, bei jedem beliebigen Insta-Video.

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gecko_f55 03.03.2019 | 19:00 Uhr Das ist sowas wie ein Comeback🤙🏽 Duisburg steht wieder in Flammen 🔥 🔥🔥 #gecko #f55 #duisburg #90bpm

Das ist sowas wie ein Comeback🤙🏽 Duisburg steht wieder in Flammen 🔥 🔥🔥 #gecko #f55 #duisburg #90bpm | Bild: gecko_f55 (via Instagram)

Doch wo ist dabei eigentlich das Problem? Warum wehren sich die meisten Rapper dagegen? Ganz einfach: Die Klickzahlen sind ein Gradmesser für die Relevanz eines Künstlers. Sowohl Rapfans als auch die Medien nutzen Klickzahlen zur Orientierung. Wenn diese Orientierung manipuliert wird, um Fake-Hypes zu erzeugen, entsteht das Gefühl, betrogen worden zu sein. Das schadet am Ende dem Künstler aber auch den Medien. Es geht Vertrauen verloren, das nur schwer wieder zurückgewonnen werden kann. Stichwort: Realness.

Wer steckt hinter den Manipulationen?

In der Zwischenzeit outen sich drei Instagram-Accounts mit den Namen 333plus, sxhlex und sx3nasty, die behaupten: "Wir stecken hinter den Manipulationen." Doch was ist ihr Plan? In rund vier Wochen haben die drei Accounts geschätzt 20 bis 30 Millionen Instagram-Video-Views über der Deutschrapszene ausgeschüttet. Hätten sie diese Views gekauft, wäre das ziemlich teuer geworden: Der günstigste Anbieter, den man auf Google findet, will für eine Million Views 2.000 Euro, der teuerste 5.000 Euro. Wir sprechen also von einer Summe zwischen 40.000 und 100.000 Euro. Die Leute haben entweder eine sehr locker sitzende Kreditkarte oder ihnen stehen andere Möglichkeiten offen.  

Wir wollen Antworten. Und tatsächlich willigen sie nach einigem Hin und Her ein, uns per Instagram-Messenger Fragen zu beantworten.

Schnell stellt sich heraus: Wir haben es hier nicht mit schwerreichen Rapfans zu tun, sondern mit Teenagern, die sich mit Computern auskennen. Angefangen habe alles "ganz spontan", schreibt einer der 15- beziehungsweise 16-Jährigen. Einer von ihnen sei "auf die Idee gekommen" und habe "den anderen beiden gezeigt, wie das funktioniert." Daraufhin hätten sie begonnen, Rapper wie Samra, Mois und einige andere zu "botten", wie sie das Manipulieren nennen. Sie verstehen natürlich, dass einige Rapper irritiert reagierten aber finden auch, dass das alles "sehr hochgeschaukelt und übertrieben" wird, wenn man ihnen etwa "den Tod wünscht."

Dass sich ihre Aktivitäten auf Instagram beschränken, erklären sie damit, dass andere Plattformen schwieriger zu "botten" sind: "Bei Instagram ist es am einfachsten."
Hacker sind die drei übrigens nicht. Eher Skript-Kiddies. IT-Experten bestätigen uns, dass nicht viel Know-How dazugehört, die Videos zu manipulieren. Alles, was man benötigt, sind ein paar kleine Programme und Skripts, die man ganz easy im Netz findet.

Aber die Jungs haben noch etwas: Geschäftssinn. Sie wollen mit ihren Aktionen nämlich durchaus Geld verdienen. Deshalb haben sie Preislisten veröffentlicht. Ihre Preise sind im Vergleich Schnäppchen: Eine Million Views bieten sie für 25 Euro an. Angst vor dem Gesetz haben sie keine: "Nein, es ist nicht illegal", behaupten sie uns gegenüber. So einfach ist das allerdings nicht. Der bekannte Medienrechtsanwalt Christian Solmecke aus Köln schreibt uns dazu:

"Das Verkaufen von Views dürfte eine unlautere Wettbewerbshandlung darstellen, weil der Verkauf den Käufer dazu verleitet, seinen Vertrag mit dem Netzwerk zu brechen. Die eigenen Mitbewerber, zum Beispiel andere Agenturen, könnten die Jugendlichen möglicherweise ebenfalls abmahnen. […] Im Übrigen wäre auch denkbar, dass das soziale Netzwerk sich direkt an die Jugendlichen wendet, da sie in unerwünschter Weise die Funktionen der Plattform manipulieren, was einen rechtswidrigen Eingriff in eingerichteten und ausgeübten Gewerbebetrieb gemäß Paragraf 823 Abs. 1 BGB darstellen könnte."

Medienrechtsanwalt Christian Solmecke

Will sagen: Den Jungs könnten durchaus Abmahnungen drohen. Außerdem kann Instagram ihre Accounts schließen. Instagram zeigt sich auf Nachfrage dementsprechend auch nicht begeistert:

"Wir wissen, dass es bei einer kleinen Gruppe von Nutzern Probleme mit der Anzahl der Videoaufrufe gibt. Die Überprüfung läuft und unsere Teams arbeiten daran, diese schnellstmöglich zu beheben."

Statement von Instagram

Und Instagram macht scheinbar Ernst: Mittlerweile sind alle drei Accounts verschwunden.
Ob auch in Zukunft Videos von Rappern auf Instagram manipuliert werden, lässt sich momentan schwer voraussagen. Wir können nur hoffen, dass Rapper sich in ihrer Ehre gekränkt fühlen und sich als Ehrenmänner nur mit echten Klicks schmücken wollen. Gleichzeitig müssen die Plattformen darauf achten, dass sie nicht zu einfach zu manipulieren sind. Nur so kann das Vertrauen zurückkehren.

Sendung: Filter vom 21.03.2019 - ab 15 Uhr