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Stress So haben Oma und Opa die Nerven bewahrt

Hatten unsere Großeltern weniger Stress als wir heute? Oder sind sie einfach besser mit dem Druck umgegangen? Die Antwort überrascht und zeigt uns, wie wir widerstandsfähiger gegen Stress werden können.

Stand: 18.05.2017

Älteres Paar in der Küche | Bild: colourbox.com

Wir finden nachts keine Ruhe oder leiden permanent unter Stress: Drei von vier Arbeitnehmern in Bayern schlafen schlecht. Die Krankenkasse DAK hat das untersucht. Die Zahl der schlechten Schläfer ist enorm gestiegen. 77 Prozent klagen heute über schlechten Schlaf, vor sieben Jahren waren es 50 Prozent. Und 86 Prozent der Deutschen leidet am Arbeitsplatz unter Stressfaktoren. Dauernder Termindruck, schlechtes Arbeitsklima und die ständige Erreichbarkeit nach Feierabend stressen uns. Das bringt uns um den Schlaf und unsere Gesundheit.

Der gefühlte Stress ist unser Problem

Das Erstaunliche: Wir haben nicht so viel mehr Stress als unsere Eltern oder Großeltern. Das sagt Prof. Gregor Hasler, Stressforscher von der Uni Bern. Zumindest, was die existentiellen Bedürfnisse angeht. Wir haben mehr Freizeit denn je, die Herzinfarktrate sinkt, wir leben immer länger. Doch wir können nicht sehen, wie gut es uns geht:

"Die Mehrheit der Menschen in westlichen Ländern ist davon überzeugt, dass die Welt immer gefährlicher wird. Dies stimmt aber nicht mit den Fakten überein."

Prof. Gregor Hasler, Stressforscher und Autor des Buchs 'Resilienz: Der Wir-Faktor'

Die Erwartungshaltung der Umwelt an uns ist heute ein neuer Stressfaktor, so der Forscher: "Wir sollen dauernd gut gelaunt, erfinderisch, optimistisch, motiviert und entscheidungsfreudig sein."

Unser Problem ist der gefühlte Stress. Und das hat damit zu tun, dass viele Menschen einsam sind, sich nicht sozial integriert und unterstützt fühlen. Das war bei unseren Großeltern noch anders. In der Großstadt zum Beispiel sind heute Begegnungen in der Nachbarschaft immer seltener. Und ein schlechtes Klima unter Arbeitskollegen kann jeden Arbeitstag zur Qual machen.

Wir sollten daher bewusst das Immunsystem unserer Seele - Wissenschaftler nennen das Resilienz - stärken. Gregor Hasler hat herausgefunden, dass man das in jedem Lebensalter lernen kann. Dabei geht es um eine andere Haltung zum Leben und den häufigen Austausch mit anderen.

In der Gegenwart leben

Studien beweisen, dass Menschen, die im Hier und Jetzt leben, häufiger positive Gefühle haben. Den Augenblick zu genießen, lässt sich üben. Dazu sagt Hasler: "Die Gegenwart ist fast immer sicher und weniger problematisch als man erwartet." Und weniger stressig, als sich immer wieder mit der Vergangenheit oder ständig mit der Zukunft zu beschäftigen.

Wir brauchen die Beziehung zu anderen

Bergwanderungen in der Gruppe oder Begegnungen im Verein oder Tanzkurs: Reale Beziehungen stärken uns, virtuelle via Facebook oder Whatsapp nicht. Der Mensch ist ein soziales Wesen und braucht die persönlichen Erlebnisse in der Kleingruppe. Deswegen ist es wichtig, dass man am Arbeitsplatz ein gutes Klima im Team pflegt.

Soziale Medien - weniger ist mehr

Facebook und Co. fressen unsere Freizeit. Das ist selbstgemachter Stress, mit dem sich unsere Großeltern nicht rumplagen mussten. Wenn wir heute ständig Instagram-Momente fotografieren und auf Facebook posten, sind wir in der Gegenwart nicht richtig da. Das nimmt uns nicht nur Lebensqualität, sondern die soziale Medien gaukeln uns echte Nähe oft nur vor. Wer beim Treffen mit Freunden immer wieder auf sein Smartphone starrt, ist nicht wirklich da und gefährdet sogar die echte Beziehung. Einfach mal abzuschalten können wir lernen.

Keine Vergleiche mit anderen

Der Kampf um den sozialen Status zermürbt uns. Wer aufhört, sich täglich mit anderen zu vergleichen, lebt entspannter. Wem es egal ist, dass der Arbeitskollege das neuere Auto fährt, kann sich für den Kollegen sogar freuen. Das Arbeitsklima verbessert sich auch, wenn man sich ständige Bewertungen abgewöhnt.

Dem Stress einen Sinn geben

Wenn wir es schaffen, dem Stress einen Sinn zu geben, dann lässt er sich leichter verarbeiten. Empfinden wir unsere Arbeit im Team oder unser Engagement im Verein als wirksam und wichtig, so macht uns Druck weniger aus.

Am Arbeitsplatz: Eigene Entscheidungen machen zufriedener

Können wir an unserem Arbeitsplatz selbständig Entscheidungen treffen und haben vielfältige Aufgaben, die sich bewältigen lassen, sind wir zufriedener. Können wir das nicht, leiden wir unter Stress. Das hat eine aktuelle Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin ergeben. Das haben wir nicht immer in der Hand, aber Selbstreflexion und offene Gespräche mit dem Chef oder im Team können Verbesserungen bewirken.

Umzüge vermeiden

Klingt seltsam, aber dahinter steht: Wer oft umzieht, verliert sein soziales Umfeld. Das macht einsam und stressanfällig. Wir brauchen stabile Bindungen für ein zufriedenes Leben. Und die entstehen erst nach Jahren.

"Bei einem Umzug verliert man viele soziale Kontakte, wie den netten Friseur, die Bekannten aus der Weight Watchers Gruppe, die freundlichen Nachbarn von nebenan und die Freunde aus dem Buch-Club. Die Bedeutung solcher Beziehungen wird allgemein deutlich unterschätzt. So führen häufige Umzüge auch nicht zu einem akuten Stress-Erleben, sondern zu einer schleichenden Schwächung der psychischen Widerstandskraft."

Gregor Hasler

Der Mensch braucht Pausen

Auch Stressforscher Hasler empfiehlt regelmäßige Pausen. Yoga und Meditation können uns helfen, Ruhe zu finden. Bewegung und Sport sind ein wichtiges Gegengewicht zur Arbeitswelt.


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Kommentare

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christine , Donnerstag, 18.Mai, 13:24 Uhr

1. Umziehen macht einsam

Die Studie von Herrn Hasler kann ich voll unterschreiben. Ich war vor unserem Umzug vor 10 Jahren ins Ausland ein absolut ausgeglichener , sozial integrierter , zufriedener Mensch....ich hab es all die Jahre nicht geschafft mir im Ausland stabile soziale Bindungen aufzubauen wie ich sie in meiner deutschen Heimat hatte...der Wunsch zurueck ist so uebermaechtig und dabei ist es nicht sicher, ob ich nach sovielen Jahren im Ausland zu Hause je wieder so integriert sein werde wie ich es feuher war.Ich halte den Arbeitsplatztourismus in Europa fuer uns Europaer als nicht gesund fuer unser psychisches Wohlbefinden.