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BILD "Schluckt das Internet unser Fernsehen, Herr Wilhelm?"

Im BILD-Interview erklärt BR-Intendant Ulrich Wilhelm (54) die Zukunft seines Senders und sagt, warum alle Abteilungen sparen müssen – außer den Orchestern des BR.

Stand: 28.07.2015

Ulrich Wilhelm | Bild: BR

Autoren: E. Markuse, K. Riechers und W. Ranft

BILD: Wie lange wird es das klassische Fernsehen noch geben?

Wilhelm: "In Deutschland sicher noch lange. Der Breitbandausbau hinkt bei uns der internationalen Entwicklung noch hinterher. In den USA und in Großbritannien wird sich der Wandel hin zu digitalen Angeboten schneller vollziehen."

BILD: Was erwartet uns?

Wilhelm: "Die mobile Nutzung ist ganz klar der Treiber. Alle klassischen Medien wachsen zusammen. Es wird Bildschirme geben, die alles können und die Inhalte von Internet, Fernsehen und Radio ins Wohnzimmer oder aufs Smartphone bringen."

BILD: Sie stellen Beiträge in die Internet-Mediathek, bevor sie gesendet werden. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Wilhelm: "Gut. Die Angebote kannibalisieren sich nicht, im Gegenteil: Wir erweitern dadurch unser Publikum. Diejenigen, die unsere Filme online abrufen, sehen sie in der Regel nicht zum Ausstrahlungszeitpunkt."

BILD: Derzeit müssen Sie die Filme in der Mediathek nach sieben Tagen entfernen. Lässt sich das ändern?

Wilhelm: "Ich hoffe. Die BBC hält in ihrer Mediathek Beiträge 30 Tage vor. Ich denke, das sollte der Standard in Europa werden."

BILD: Wie reagiert der BR auf die digitale Herausforderung?

Wilhelm: "Unser Motto lautet Trimedialität. Wir können Hörfunk, Fernsehen und Internet nicht getrennt voneinander aufstellen. In der Bündelung der journalistischen Kraft liegt der große Vorteil. Alle, die sich inhaltlich in einem Thema gut auskennen, arbeiten in einem gemeinsamen Ressort eng zusammen. Diese Ressorts werden für alle Ausspielwege recherchieren und produzieren."

BILD: Wann startet das?

Wilhelm: "Zum 1. Januar werden wir einen trimedialen Programmbereich Bayern gründen."

BILD: Setzen Sie noch auf DAB+, das flächendeckende digitale Radio oder ist das ein toter Hund?

Wilhelm: "Wir sind überzeugt, DAB+ hat Zukunft! Das digitale Antennenradio kann von allen empfangen werden, die Klangqualität ist hoch, und es gibt kein Problem mit dem Datenschutz. Die Verkaufszahlen der Geräte steigen stark. Wir strahlen unsere Radioprogramme deshalb neben UKW, Kabel, Satellit und Internet auch über DAB+ aus, um auf allen Wegen empfangbar zu sein. In Bayern und der ARD sind wir beim Digitalausbau Vorreiter."

BILD: In München lässt der Kunstminister fünf Konzertsaal-Standorte prüfen. Welchen fänden Sie am besten?

Wilhelm: "Ich möchte der Untersuchung nicht vor- greifen. Wichtig ist, dass der neue Saal akustisch auf Weltniveau liegt und schnell realisiert werden kann."

BILD: Unter Dirigent Mariss Jansons hat sich das Symphonieorchester großartig entwickelt. Können Sie garantieren, dass es in 20 Jahren im neuen Konzertsaal diese Qualität noch hat?

Wilhelm: „Ich möchte in meiner Amtszeit alles tun, um dieses Weltklasse-Orchester weiter zu bringen. Wir müssen im kommenden Jahr einen Sparhaushalt auflegen, aber bei unseren Klangkörpern sparen wir nicht, sie sind davon aus- genommen.“

BILD: Wie viel müssen Sie sparen?

Wilhelm: "Kommendes Jahr sind es etwas über 20 Millionen. Unsere Einnahmen sind seit sechs Jahren eingefroren, während gleichzeitig die Kosten etwa durch Tariferhöhungen steigen."

BILD: Ist das schwer zu vermitteln, wenn bei den Programmen gespart werden soll, bei den Orchestern aber nicht?

Wilhelm: "Alle Einsparungen sind schmerzlich und müssen sorgfältig abgewogen werden. Wir sparen an den Programmen generell zuletzt. Die Orchester machen ja eben- falls Programm. Wir wer- den in Zukunft zudem unsere Konzerte für alle im Live-Stream erlebbar machen, neben den zahlreichen Hörfunk- und TV- Übertragungen."

BILD: Wo werden Sie sparen?

Wilhelm: "Wir müssen alle Wege nutzen, um effizienter zu werden. Bei Verwaltung und Technik gibt es höhere Sparvorgaben als im Programm. Zusätzlich planen wir, die Taktzahl mancher Sendungen zu reduzieren. Wir müssen auch Stellen abbauen und können uns nicht mehr alles leisten. Wir werden kleiner werden. Eine Folge der Einsparvorgaben der Politik."

BILD: Hoffentlich nicht auf Kosten der Top-Produkte. Der neue Franken-Tatort war ein Überraschungserfolg.

Wilhelm: "Ein Riesen-Einstand. Nur der Tatort aus Münster hatte in diesem Jahr bislang eine höhere Einschaltquote."

BILD: Pro Jahr ist ein Franken-Tatort geplant, könnte es zwei geben?

Wilhelm: "Das würde die ARD sicher nicht abweisen. Aber es ist auch eine Kostenfrage, wir können uns das bei unseren Sparmaßnahmen nicht leisten."

Quelle: BILD München vom 25. 7. 2015

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