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Focus "Wir werden kleiner werden"

Die öffentlich-rechtlichen Sender müssen sich dem digitalen Wandel stellen, sagt BR-Intendant Ulrich Wilhelm - und baut um. Die Mehreinnahmen aus dem Rundfunkbeitrag möchte er verteilen.

Stand: 13.12.2013

Intendant des Bayerischen Rundfunks Ulrich Wilhelm | Bild: picture-alliance/dpa

Glückwunsch, Herr Wilhelm, Ihren Wunschzettel hat der Rundfunkrat erfüllt. Sie dürfen mit Thomas Hinrichs einen neuen Direktor für Information installieren. Haben Sie zu viel Geld?
Das sicher nicht. Die neue Direktion ist unsere erste Reform- Etappe, um bei noch mehr journalistischer Tiefe wirtschaftlicher zu arbeiten. Bisher war der BR organisatorisch getrennt nach Fernsehen, Hörfunk und Online aufgestellt. Künftig fassen wir Redaktionen zusammen, die dann Themen gemeinsam planen und recherchieren sowie für alle Ausspielwege aufbereiten, also für Fernsehen, Radio, Internet und Social Media.

Warum benötigen Sie dafür eine zusätzliche Direktion?
Unter einem Dach erreichen Sie in der Aktualität die meisten Synergien: Sie schaffen so zusätzlich Spielraum für mehr Hintergrundberichterstattung, nicht nur bei Breaking News. Insgesamt wollen wir noch mehr Gesprächswert bieten und die Qualität weiter erhöhen. Konkret verantwortet der Informationsdirektor künftig nicht nur Nachrichten und Bereiche wie Politik, Wirtschaft und Sport. Er steuert auch den Neubau unseres Aktualitätenzentrums in Freimann, das wir 2020 beziehen wollen. Die Zahl der Direktorien wird im Übrigen nur vorübergehend erhöht.

Mit anderen Worten: Der Umbau wird dauern?
Der Markt ändert sich erkennbar, aber nicht schlagartig. Natürlich werden viele Millionen noch lange traditionell Radio hören und fernsehen. Zugleich wächst der Teil der Bevölkerung sehr dynamisch, der sich vorwiegend nonlinear, also per Internet informiert, bildet oder unterhalten lässt. Wir werden von allen finanziert, und deshalb wollen wir auch allen ein Angebot machen.

Gibt es eine Blaupause für ihren Totalumbau?
In Skandinavien und in der Schweiz, wo die Breitbandversorgung schon weiter ist als in Deutschland, gibt es Vorbilder. Der finnische Sender YLE etwa hat drei journalistische Direktionen, eine für Information, eine für Bildung, Unterhaltung, Fiktionales und eine für die Verbreitung der Inhalte über Fernsehen, Hörfunk oder das Netz. Grundsätzlich geht jedes Medium seinen eigenen Weg und kann zugleich von anderen profitieren. Das Spezifikum des BR sind seine bislang drei Münchner Standorte. In der ARD gibt es ganz unterschiedliche Reformmodelle. Der RBB hat seine Programme zum Beispiel in einer einzigen Direktion gebündelt. Unter den großen deutschen Sendern sind wir allerdings der erste, der seine Strukturen so grundlegend verändert.

Wie futuristisch muss man sich das Aktualitätenzentrum vorstellen?
Wir haben in Europa bei verschiedenen Sendern und Redaktionen Eindrücke gesammelt. Sehr spannend war der Besuch bei der BBC, die ihr neues Studio in London räumlich unterteilt hat nach News, Semi-Aktualität und Langzeitdokumentation. Wir werden 2014 einen Architektenwettbewerb ausschreiben entlang der Vorgaben, die Hunderte von BR- Kollegen gemeinsam ausgearbeitet haben. Wir steuern den Prozess nicht über eine Untemehmensberatung, sondern aus eigener Kraft.

Was kostet das Projekt voraussichtlich?
Es ist eine große finanzielle Herausforderung, die wir jedoch gestreckt über einen langen Zeitraum finanzieren können. Die Sanierung bestehender Gebäude würde einen dreistelligen Millionenbetrag kosten. Wenn wir schon investieren, dann in zukunftsfähige Bauten, die langfristig günstiger sind, weil wir die Flächen- und Energiebilanz verbessern. Durch den Verkauf des Standorts Unterföhring werden wir zusätzlich Mittel für den Umbau freimachen.

Geld scheint ja plötzlich da zu sein. Die Umstellungauf den Rundfunkbeitrag wird wohl eine Milliarde Euro mehr bringen. Können Sie jetzt ordentlich in die Kasse greifen?
Zunächst: Für die laufende Gebührenperiode hat die ARD bewusst als Zeichen des Maßhaltens so wenig Finanzbedarf beantragt wie nie zuvor. Von Anfang an war klar, dass ARD und ZDF Mehreinnahmen aus der Finanzierungsreform nicht behalten werden. Erst einmal prüft die unabhängige Kommission KEF die Einnahmen und die Ausgabenseite. Dann entscheiden die 16 Länder im Laufe des kommenden Jahres über die Verwendung, wenn ein Überschuss festgestellt wird. Ziel des Gesetzgebers war es, die Erosion der Einnahmen der Sender zu stoppen. Das Finanzierungssystem musste angepasst werden, um im Digitalzeitalter Beitragsgerechtigkeit zu gewährleisten. Wer Medien nur online nutzte, musste nur eine niedrigere Grundgebühr entrichten, obwohl Computer, Laptops und auch Smartphones oftmals als Ersatzfemseher dienten.

Eine Beitragssenkung allerdings wäre mal etwas völlig Neues.
Es gibt ein klares Verfahren: Die KEF bewertet die Einnahmesituation. Am Ende entscheiden 16 Landtage übereinstimend über die Verwendung von Mehreinnahmen. Die Länder haben unterschiedliche Optionen: Eine hiervon wäre eine allgemeine Beitragssenkung. Möglich wäre auch, gezielt bestimmte Gruppen zu entlasten, die nach den vorliegenden Erfahrungen deutlich mehr zahlen müssen, als der Gesetzgeber beabsichtigt hat, etwa Firmen mit vielen Filialen oder einem großen Fuhrpark. Das Geld könnte auch angelegt werden, um spätere Kostensteigerungen bei den Anstalten abzudecken und eine Beitragserhöhung zu vermeiden. Als weitere Option der Politik könnten ARD und ZDF gehalten sein, Werbung zu reduzieren.

Welche Option bevorzugen Sie?
Die zu entlasten, die überproportionale Kostensteigerungen zu verzeichnen haben, würde wahrscheinlich weithin akzeptiert. Zunächst muss jedoch abgewartet werden, wie sich die Einnahmen tatsächlich entwickeln. Und über eine Verwendung entscheiden nicht die Intendanten, sondern der Gesetzgeber.

Deutschland gönnt sich 20 öffentlich-rechtliche Fernseh- und mehr als 60 Hörfunkprogramme. Braucht es all das wirklich?
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk erfüllt seit Jahrzehnten eine wichtige Funktion für unser Land. Die Demokratie in Deutschland ist auch deshalb so stabil, weil wir im internationalen Vergleich gute und leistungsfähige Medien haben. Gerade um das regional so vielfältige Medienangebot beneiden uns viele. Wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk seine Angebote deutlich reduzieren müsste, würde die Qualität der Meinungsbildung Schaden nehmen. Der Preis wäre sehr hoch.

Von Abbau ist doch keine Rede, die Sendeanstalten wuchern.
Wir werden kleiner werden in den nächsten Jahren. Wir stellen uns zudem der Akzeptanzdiskussion. Dazu gehört auch mehr Transparenz. Wir müssen auch aus wirtschaftlichen Gründen noch stärker innerhalb der ARD kooperieren, ebenso zwischen ARD und ZDF. Zu den Olympischen Winterspielen nach Sotschi werden wir bereits deutlich weniger Mitarbeiter schicken als zuvor nach Vancouver.

Könnte man nicht gleich auf ein Vollprogramm, Das Erste oder ZDF, verzichten?
Ein Land wie Deutschland braucht eine leistungsfähige Medienlandschaft, die viele Wahlmöglichkeiten bietet. So wie Tageszeitungen und Magazine unterschiedliche Perspektiven haben, bereiten zum Beispiel auch "Tagesschau" und "heute" Themen nicht in gleicher Weise auf. Der kritische Vergleich unterschiedlicher Qualitätsmedien ist wichtig für die Meinungsbildung.

Der strukturelle Umbau beim BR ist mit 2016 langst nicht abgeschlossen. Werden Sie sich ein zweites Mal zur Intendantenwahl stellen?
Ich habe ein lang laufendes Projekt begonnen, mit dem Vorsatz, es auch selbst voranzutreiben. Nach fünf Jahren zu gehen lässt sich damit nicht vereinbaren. Aber selbstverständlich entscheidet letztlich der Rundfunkrat.

INTERVIEW: ROBERT VERNIER / SUSANNE WITTLICH

Focus vom Montag, 9. Dezember 2013

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