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Der bayerische Barbar

Von: Malte Borgmann

Stand: 17.03.2014 | Archiv

Eine alte Glückskeks-Weisheit besagt: Manchmal hören einem die Menschen erst dann zu, wenn man sich nicht mehr darum schert, ob sie einen verstehen können. Liquid aus Regensburg würde das wahrscheinlich sofort unterschreiben. Geburtshelfer dieser Erkenntnis war in seinem Fall allerdings kein freundlicher chinesischer Kellner, sondern ein zutätowierter, rappender Waldschrat. Aber eins nach dem anderen.

Liquid, der in Wirklichkeit den schönen Vornamen Harold trägt, wächst in Regenstauff und später in Regensburg auf. Mit 14 fängt er an, Gitarre zu spielen, mit 18 findet er zum Rap. Zunächst ohne großen Erfolg. Als zweifelhafter Höhepunkt seiner ersten Jahre am Mic darf ein Video gelten, in dem Sido sich neben Tracks diverser anderer Newcomer auch einen Liquid-Song anhört. Der Berliner fällt damals ein ehrliches, aber gnadenloses Urteil: Nicht glaubwürdig. Zu unentschlossen gerappt. Außerdem nerve ihn der Dialekt.

Paradoxerweise sagt Liquid heute, auf dieses Video angesprochen: "Da habe ich ja auch noch Hochdeutsch gerappt." Beziehungsweise sagt er: "Do hob i jo aa nou Houchdeitsch grappt." Das, was Sido da als Dialekt genervt hatte, waren nämlich eigentlich nur die letzten, ununterdrückbaren Überreste des Zungenschlags gewesen, den Liquid eigentlich pflegt: Ein zutiefst krachertes Oberpfälzisch, so deftig wie eine monströse Schweinshaxn mit Knedl, Kraut, sechs Weißbier und anschließender Wirtshausschlägerei.

"Oberpfälzisch" ist dann auch das richtige Stichwort, um den erwähnten rappenden Waldschrat ins Spiel zu bringen. Der heißt BBou, kommt ebenfalls aus Regensburg, und rappt schon seit einiger Zeit mit rapide wachsendem Erfolg so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und nicht, wie die Schrift es diktiert. Er überredet Liquid während einer gemeinsamen Aufnahme-Session dann, das doch auch mal zu versuchen. Und der Himmel riss auf, ein Sonnenstrahl fiel herab auf die Booth und Aloisius sang Hallelujah.

Heute würde Sido wohl kein Wort mehr von dem verstehen, was Liquid rappt. Selbst als Bayer, der nur eine knappe Autostunde südlich von Regensburg aufgewachsen ist, fühlt man sich, wie wenn man als Kind der bürgerlichen Mittelschicht zum ersten Mal eine Haftbefehl-Strophe um die Ohren gehauen bekommt: Man kommt erst mal nicht mit. Dafür kann man sich ganz auf den Klang von Liquids Stimme konzentrieren, das Feeling, seinen druckvollen, explosiven Vortrag, der stellenweise an den jungen Ghostface erinnert. Unentschlossenheit? Keine Spur. Man merkt: Hier bewegt sich einer durch die Sprache – seine Sprache – wie ein verspielter Killerwal durch den Ozean. Und das ist es schließlich, was man von einem Rapper hören will.

Der Erfolg jedenfalls gibt Liquid recht. Mittlerweile tritt er so regelmäßig am Wochenende irgendwo im Freistaat auf; und auch bei unseren österreichischen Nachbarn – die ja seit jeher ein entspannteres Verhältnis zu dialektal eingefärbter Musik pflegen – findet er großen Anklang. Der "Mach doch dein Polt"-Remix, in dem Liquid Sprach-Samples des großen bayerischen Humoristen verwurstet, kommt bei YouTube mittlerweile auf mehrere hunderttausend Klicks. Liquid arbeitet währenddessen fleißig an Nachschub. Sein neues Album soll bald erscheinen. Mundart-Rap boomt, und man soll das Eisen schließlich schmieden, solange es heiß ist. Noch so eine Glückskeks-Weisheit.


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Meh, Freitag, 26.Dezember 2014, 04:11 Uhr

4. Sakrament

Kann mich iatz leider nicht in HipHop-Terminologie ergehen, aber sogar ohne festen Bezug zum Genre haut mich der Sound weg.

Allergrößtes Kompliment. Kirwa lou ned nou.

Torti, Sonntag, 13.April 2014, 09:17 Uhr

3. Liquid

Also i mou scho song, i ho scho solang nimmer so a musi gherd.
I ho glacht wiad sau wirklich guade texte hod da liquid und i mechad no füll mehrer heran vo eam.
Es dad a ned schon das a amal über de Politiker a mal herziang, wos des für a verlongs gsindel Is,oba hald auf die Oberpfälzer Weise und Witz .
Mia hearn hoffentlich wida boid wos nei s vo dir weida so.

Urbanen, Dienstag, 18.März 2014, 10:42 Uhr

2.

Sau geil einfach bloß.....

Freddy Schwager, Donnerstag, 06.Februar 2014, 14:08 Uhr

1. Hammer Sound

Ich persönlich bi großer Rap und br. Rap fan, und kenne Liquid seit dem Bbou Album 'Volksmusik 2.0' und bin seitdem großer Fan. Dieses genre wird sich im laufe dieses Jahrzehnts schr weit entwickeln und viele junge Talentierte bayrische Rapper zu Tage bringen.