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Boulderappell im Frankenjura Das geheime Wissen der fränkischen Boulderszene

Wer im Frankenjura klettern will, findet im Netz und in Büchern tausende Routen. Wer jedoch bouldern will, muss sich auf sein eigenes Wissen verlassen. Denn um die fränkischen Boulderspots wird ein großes Geheimnis gemacht.

Von: Nina Pietschmann

Stand: 21.08.2014 | Archiv

Michael Mürschberger klettert an der Goldwand im Frankenjura | Bild: Maik Urbczat

Klimmzüge an zwei Fingern – wer Leute sucht, die so etwas können, der findet sie am ehesten bei der Weltmeisterschaft im Bouldern. Diesen Donnerstag startet das Turnier im Münchner Olympiastadion, und bis Samstag zieht es neben Spitzenathleten aus 44 Ländern auch zahllose Fans der Sportart an. Kein Wunder, wenige Sportarten erlebten in den letzten Jahren einen derartigen Hype wie das Bouldern, diese athletischste, super-reduzierte Form des Kletterns.

Wer wissen will, wie es um die eigene Fingerkraft und Athletik steht, der landet am ehesten in einer der vielen Boulderhallen in den Städten. Oder er geht nach draußen an echte Felsblöcke, und stößt bei der Recherche schnell auf bekannte Boulder-Reviere wie Fontainebleau bei Paris, Magic Woods in Graubünden oder das Tiroler Zillertal. Will man dagegen in Bayern bouldern, heißt es: suchen! Und das hat seine Gründe. Einerseits sind gute Bouldergebiete am bayerischen Alpenrand selten und technisch meist anspruchsvoll: Da gibt es das Blaueis im Berchtesgadener Land, das Gebiet um Kochel oder das Oberallgäu mit seinen Nagelfluh-Wänden, Sandstein- und Kalkfelsen. Andererseits halten sich die Locals im größten und wichtigsten Revier des Freistaats, dem Frankenjura, bewusst mit Informationen zurück.

Bouldern

Bouldern kommt aus dem Englischen, von Boulder = Felsblock. Es ist Klettern ohne Seil in Absprunghöhe. Alpinisten trainierten damit ihre Kraft und Technik an kleinen Felsblöcken, um sich auf alpine Routen vorzubereiten. Mittlerweile ist Bouldern eine eigenständige Sportart. Nach dem Prinzip "kurz und knackig" sind die Züge oft extremer als beim normalen Klettern, Bänder und Muskeln werden dafür stärker strapaziert. Es gibt in vielen Städten Boulderhallen, und immer mehr Schulen bieten Bouldern sogar im Sportunterricht an.

Das Gebiet zwischen Nürnberg, Bamberg, Bayreuth und Amberg ist mit seinem festen, griffigen Kalk, den vielen Lochfelsen und Überhängen weltberühmt fürs Seilklettern. Mehr als 12.500 Sportkletterrouten gibt es dort, darunter einige Meilensteine des Kletterns wie die Route "Action Directe".

Auch tolle Boulderfelsen gibt es dort, sofern man sie findet. Denn während in den Bücherregalen en masse Kletterführer für den Frankenjura stehen, gibt es dort keinen einzigen Boulderführer. Locals halten die Spots seit Jahren geheim. Auch im Netz, wo man normalerweise immer fündig wird, gibt es nur spärliche Informationen.

Geheimhaltungsappell unter Boulderern

Schuld daran ist der sogenannte Boulderappell, eine Art selbst auferlegte Verschwiegenheitsverpflichtung einheimischer Kletterer. Die IG Klettern Frankenjura, Fichtelgebirge und Bayerischer Wald veröffentlichte den Appell erstmals vor 16 Jahren gemeinsam mit dem DAV und Naturschutzverbänden. Der Interessensverband setzt sich für Kompromisse zwischen Naturschutz und Klettersport ein. Die wichtigsten Grundsätze der Selbstverpflichtung: keine Veröffentlichung von Bouldergebieten in Boulderführern und im Internet sowie keine Boulderkurse am Fels.

Damit will die IG Klettern verhindern, dass noch mehr Klettergebiete gesperrt werden. Die liegen nämlich häufig auf Privatgrund, zum Beispiel auf Kuhweiden, und dort sei es in der Vergangenheit immer wieder zu Problemen gekommen, sagt Maik Urbczat, einer der Unterzeichner des Boulderappells. Er erzählt, wie Leute Müll und Kippenstummel in den Wald werfen, unerlaubt campen, Feuer machen, Brutzeiten missachten oder Tiere aufscheuchen. Die Folge: Bauern sperren ihren Grund für Kletterer, obwohl sie sie zuvor eigentlich duldeten. Auch Naturschutzbehörden und Förster forderten immer strengere Regeln. Und je mehr Leute draußen bouldern, umso größer werden die Probleme, sagen Befürworter des Boulderappells.

Wollen die Franken die Felsen nur für sich?

Dabei gibt es durchaus Kritik an der rigiden Regelung. Gerade im Netz streitet die Szene darüber. Einige werfen den fränkischen Locals vor, eine eingeschworene Clique zu sein, die die Felsen für sich beansprucht. „Die Boulder gehören nicht euch und wenn jemand ein Topo mit Zugangsbeschreibung veröffentlichen will, kann er das machen“, heißt es bei kletterszene.com. Andere ärgern sich über die Inkonsequenz der fränkischen Kletterszene: Einerseits würde man Videos, Fotos und Datenbanken von Bouldern im Frankenjura bereitstellen, andererseits dann die Wegbeschreibung vorenthalten. „Warum lenke ich die Aufmerksamkeit auf die fränkischen Boulder, wenn ich Sorge um die Zukunft des Bouldergebiets habe“, schreibt jemand. Auch Kletterführer-Autor Harald Röker aus Immenstadt kritisiert die Doppelmoral fränkischer Kletterer, die trotz des Boulderappells Routen ins Netz stellen. "Wenn ich etwas nicht publik machen will, erzähle ich niemandem davon.“ Bei auswärtigen Boulderern wächst durch solche Veröffentlichungen der Eindruck, als sei der für den Natur- und Anwohnerschutz ausgerufene Boulderappell nur vorgeschoben, um Boulder-Touristen abzuhalten. Immerhin reisen Kletterer aus aller Welt zum Sportklettern in den Frankenjura.


Die IG Klettern verweist darauf, dass es in Franken seit Jahren Stress gibt mit Jägern, Förstern, Behörden und Grundstücksbesitzern. Weil viele Leute es nicht schaffen, sich in der Natur korrekt zu verhalten. Dass Bouldern an vielen Felsen im Frankenjura überhaupt noch möglich ist, sei allein dem Boulderappell zu verdanken. Da ist was dran, denn auch Sportklettern wäre dort wohl nicht mehr so möglich, hätte sich die IG Klettern mit anderen Interessenvertretern nicht auf den Kompromiss des Dreizonenkonzeptes geeinigt.

Wer im Frankenjura trotzdem Bouldern will, der kann sich immer noch selbst auf die Suche nach schönen Plätzen machen. Ohne Boulderführer. Einfach hinfahren und sich selbst ein paar Notizen machen. Bouldern ist mehr als eine vorgefertigte Weltreise mit dem Lonely Planet in der Hand.  Und die meisten Einheimischen geben auf die nette Frage nach einem guten Felsblock auch nett eine hilfreiche Auskunft.

Bekannte Boulderspots am bayerischen Alpenrand:

Hinterstein im Oberallgäu

Lage der Felsen: Nordhang, nur im Sommer Sonne, trocknet aber schnell
Zustieg: ca. zehn Minuten vom großen Parkplatz
Beste Zeit: Sommer
Wichtig: großes Crashpad, mindestens ein Spotter (Aufpasser)
campen verboten (Campingplätze in Oberjoch, Sonthofen)
Topo: Allgäu-Block, GEBRO Verlag

In der Nähe von Bad Hindelang versteckt sich ein kleines enges Tal. Ende der 60er-Jahre hat es da einen großen Steinsturz gegeben. Heute ist es das größte Bouldergebiet im Allgäu. Freistehende Kalkblöcke türmen sich übereinander und hier findet man viele einfache bis mittelschwere Routen. Es gibt einen Boulder-Parcours mit mehr als 30 markierten Routen. Zwei Drittel sind für Anfänger geeignet.

Sudelfeld im südlichen Oberbayern/ bei Rosenheim

Lage der Felsen: teilweise im Wald, Sonne je nach Ausrichtung
Zustieg: je nach Sektor – "Wo's anfing" ist direkt am Parkplatz. Das Blockfeld liegt auf 800 bis 900 Metern Höhe.
Beste Zeit: Sonnige Wintertage oder Frühjahr
Wichtig: Vorkenntnisse im Spotten, mehrere Crashpads
Topo: Bayerische Alpen Band 2: Out of Rosenheim und Kufstein, Panico Alpinverlag


Die Blockwelt am Sudelfeld ist das größte Bouldergebiet der bayerischen Voralpen, in der Nähe von Brannenburg. Es gibt drei Sektoren mit mehr als 120 Bouldern in den verschiedensten Schwierigkeitsgraden. Felsneulinge finden am ehesten den unteren Block vom Sektor "Wo's anfing" und den Sektor "Fische". Am besten mehrere Crashpads mitnehmen, das Absprunggelände ist gerade bei den leichteren Bouldern oft schlecht.