PULS Preview / "Boy Erased" Gut gemeint kann grausam sein

Homosexualität einfach "wegtherapieren"? Das starbesetzte Drama "Boy Erased" erzählt von der in den USA weit verbreiteten "Gay Conversion Therapy" - PULS zeigt euch die packende Story vor Kinostart in vier bayerischen Städten.

Von: Inés Peyser-Kreis

Stand: 06.02.2019 | Archiv

Szene aus "Boy Erased - Der verlorene Sohn" | Bild: Universal Pictures

Jared ist 19, Sohn eines Pastors und lebt im ultrakonservativ-christlichen Süden der USA - dem sogenannten Bible Belt. Eigentlich läuft in seinem Leben alles nach Plan: Er ist sportlich, mit einer Cheerleaderin zusammen und fängt gerade mit dem College an. Bis er sich eingesteht: Er steht auf Männer.

Dass Jared schwul ist schockt seine strenggläubigen Eltern. Und auch ihn verwirrt es zutiefst. Schließlich ist auch er mit dem Mindset aufgewachsen: Homosexualität ist eine Sünde. Also lässt er sich von seinen Eltern dazu überreden, an einer sogenannten Gay Conversion Therapy teilzunehmen. Diese streng an der Bibel ausgerichtete Gruppentherapie soll die Teilnehmer in zwölfl Schritten vom Schwulsein "heilen".

Eine Pseudo-Therapie mit grausamen Ausmaßen

Aber bald wird Jared klar: Das Therapieprogramm will nicht helfen, sondern nur demütigen. Beispielsweise müssen die Teilnehmer*innen vor versammelter Mannschaft erzählen wann, wie und wo sie Sex mit dem gleichen Geschlecht hatten. Der Höhepunkt der Grausamkeit wird erreicht, als einer der Teilnehmer symbolisch beerdigt wird und mit Bibeln ausgepeitscht wird, um ihm das Schwulsein "auszutreiben".

Zum Glück findet Jared Freunde Verbündete im Camp - so wie Gary, eindringlich gespielt vom selbst queeren YouTube-Popstar Troye Sivan. Dennoch liegt der Fokus in "Boy Erased" vor allem auf der komplizierten Beziehung zwischen Jared und seinen Eltern.

"Boy Erased" zeigt: Eltern können aus Liebe falsch handeln

Jareds Vater ist evangelikaler Pastor und auch seine Mutter sieht Homosexualität als klare Sünde an. Trotzdem lieben sie ihren Sohn - und auch Jared liebt seine Eltern, obwohl sie ihn zum Hetero umpolen lassen wollen. Die Stärke von "Boy Erased" liegt darin, dass der Film die Eltern - großartig feinfühlig gespielt von Nicole Kidman und Russel Crowe - nicht als Klischee-Bösewichte präsentiert, sondern er stellt eindrücklich den Struggle dar, den Familien haben können, wenn es um die Frage geht: Wie können Akzeptanz und Liebe Raum haben, wenn Kinder nicht den Vorstellungen der Eltern entsprechen?

Der Film ist teilweise richtig ungemütlich - und das ist gut so

"Boy Erased" beschönigt dabei nichts: Die Grausamkeit der Therapie, das Ringen Jareds mit der eigenen Identität und um die Akzeptanz seiner Eltern. Zum Teil überkommen einen Beklemmungsgefühle, so düster ist die Stimmung und so eindringlich ist der Soundtrack des Films.

Das und seine Starbesetzung bescheren dem Film viel mediale Aufmerksamkeit - und das ist gut so. Denn die nutzt er, um auf eine Thematik hinzuweisen, die leider immer noch brandaktuell ist: Jedes Jahr müssen sich tausende homosexuelle Jugendliche in den USA in Konversionstherapien demütigen lassen. Und selbst in Deutschland gibt es Ärzte, die "Homo-Heilung" anbieten – auch hier ist die Praxis nämlich nicht verboten. "Boy Erased" macht klar: Es gibt noch viel zu tun.

Sendung: Filter am 07.02.2019, ab 15 Uhr