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Wieso wir offener mit psychischen Krankheiten umgehen müssen "Weil wir nicht über psychische Krankheiten reden, habe ich zehn Jahre meines Lebens verloren"

Borderline, Schizophrenie oder Depressionen – über mentale Krankheiten wird immer noch viel zu wenig geredet, obwohl sie vielen von uns begegnen oder sogar betreffen. Dominique de Marné lebt selbst mit der Borderline-Krankheit und will den gesellschaftlichen Umgang damit ändern.

Von: Robin Köhler

Stand: 28.05.2019 | Archiv

Autorin Dominique de Marné | Bild: Arvid Uhlig

Als Dominique de Marné die Diagnose Borderline bekam, war sie froh. Endlich wusste sie, woher ihre unkontrollierbaren Stimmungsschwankungen kamen, was mit ihr nicht stimmte. Sie war krank. Über Jahre hatte Dominique versucht, ihre Probleme selbst zu lösen. Dabei wurde sie erst alkoholabhängig, bekam anschließend Depressionen und dachte daran, sich das Leben zu nehmen. Vieles davon hätte anders laufen können, sagt sie heute. Auf ihrem Blog "Traveling the Borderline" schreibt sie über ihre Erfahrungen, im April hat sie das Buch "Warum normal sein gar nicht so normal ist... und warum reden hilft" veröffentlicht. Wir haben mit ihr über unseren Umgang mit psychischen Krankheiten gesprochen.

PULS: Viele Menschen können sich nicht vorstellen, wie es sich mit einer psychischen Krankheit lebt. Wie war es bei dir mit Borderline?

Dominique: Anstrengend. Das fällt mir als erstes ein, weil man ja noch funktionieren will, aber den Gegner im eigenen Kopf mit sich trägt. Der Gegner, der einen auf den Boden drücken will und das pure Chaos verursacht. Es ist wie zehn Menschen im Kopf, die einen permanent kritisieren und fertigmachen. Deswegen habe ich dann auch den Alkohol instrumentalisiert, um die Krankheit mal ein bisschen runterzudrehen. Irgendwann wurde er aber wichtiger als alles andere und dann hat sich die Depression gedacht: Hier ist es ganz bequem, da setze ich mich mal mit auf die Couch.

Warum ist das den Menschen in deinem Umfeld nicht aufgefallen?

Ich habe es einfach total gut versteckt. Es hat ja keiner mitbekommen, wie viel ich getrunken habe und dass ich mich selbst verletze. Die Menschen um mich rum hatten keine Chance, es festzustellen.

Und du selbst fandest das nicht bedenklich?

Mir ist schon aufgefallen, dass hier etwas nicht richtig läuft, aber mit mir hat nie jemand über Depressionen oder Borderline gesprochen und weil ich halt keine andere Erklärung hatte, war für mich klar: Ich bin der Fehler, alle anderen kriegen es hin und ich bin der Schwächling. Und dann habe ich mir mit dem Trinken und der Selbstverletzung Strategien zurechtgelegt, die mich auf lange Sicht immer weiter in Richtung Depression und Suizid gelenkt haben. Es unfassbar lange gedauert, bis ich mir eingestanden habe: Okay, ich kriege das nicht alleine hin, ich brauche Hilfe.

Was hätte dir damals geholfen?

Dadurch, dass wir nicht darüber reden, habe ich zehn Jahre meines Lebens einfach verloren. Weil in diesen zehn Jahren, wo die Krankheiten so stark waren, da habe ich nicht gelebt. Ich habe überlebt und mich irgendwie von einen in den anderen Tag geschleppt. Und das möchte ich gerne anderen ersparen.

Dominique de Marné heute

Heute sagst du, dass psychische Krankheiten normal sind. Was meinst du damit?

Jeder Dritte hat mindestens einmal im Leben eine behandlungsbedürftige, psychische Krise. Das bedeutet auch, dass jeder von uns einmal indirekt betroffen ist. Und auch seit ich so offen mit meiner eigenen Geschichte umgehe, merke ich, dass dieses Thema eigentlich jeden beschäftigt. Ich muss oft nur anfangen zu erzählen und dann kommt schnell: "Ja, meine Freundin war auch schon mal in Therapie" und "Mein Onkel, der hat ja auch irgendwas". Es beschäftigt uns alle, aber wir reden nicht darüber, weil diese ganzen Ängste uns so einschränken.

Warum gibt es solche Berührungsängste, wenn es um psychische Krankheiten geht?

Für körperliche Krankheiten gibt es mehr Verständnis, weil sie leichter nachzuvollziehen sind. Wenn ich einen Beinbruch habe, kann sich jeder vorstellen, wie es sich anfühlt nur noch ein Bein benutzen zu können. Es ist aber schwer nachzuvollziehen, wie es sich anfühlt, wenn man nicht mehr aufstehen kann. Nicht, weil man gerade nicht will oder die Nacht zu kurz war, sondern weil es einem diese psychische Krankheit unmöglich macht.

Was kann denn jeder einzelne tun, um unseren Umgang mit dem Thema zu verbessern?

Also mein Motto dazu ist: "Reden hilft, zuhören auch." Alleine mal im eigenen Umfeld ein bisschen sensibler mit dem Thema umgehen. Wenn es vielleicht bei der Freundin in die Richtung geht auch zweimal "Wie geht's?" fragen. Nicht nur "Wie geht's?" und "Gut", sondern "Ja, und wie geht's dir wirklich?" Außerdem kann die Wortwahl schon krasse Auswirkungen auf Betroffene haben, weil wenn jemand sagt "Schau dir mal den Psycho da drüben an" und ich habe gerade selber mit Depressionen zu kämpfen, dann werde ich mich noch weiter verschließen.

Du kritisierst in deinem Buch, dass wir uns so wenig um unsere Psyche kümmern. Woran liegt das?

Wir lernen es nicht. Wir lernen in der Schule, wie man sich richtig die Zähne putzt und dass Rauchen ungesund ist, aber nichts über diesen Teil der Gesundheit. Und wenn wir uns anschauen, dass 50 Prozent aller psychischen Krankheiten vor dem 14. Lebensjahr anfangen oder dort ihren Ursprung haben, brauchen wir vor allem an Schulen eine flächendeckende Prävention. Ich vergleiche uns da immer gerne mit einem Smartphone: Seele und Psyche haben auch einen Akku und wenn der andauernd nur auf Notstrom geht, haben psychische Krankheiten bessere Chancen. Und allein mal zu schauen, was lädt denn meinen Akku wieder auf, wäre schon eine super Prävention.

Du hast letztlich Hilfe in einer professionellen Therapie gefunden. Was braucht es sonst noch?

Es braucht einfach mehr niederschwellige Maßnahmen. Sowas planen wir zum Beispiel jetzt auch. Wir wollen in München das erste Mental-Health-Café Deutschlands eröffnen und haben dazu ein Crowdfunding laufen. Da kann man einfach nur einen Kaffee trinken, aber halt auch über solche Themen reden. Das Personal wird geschult sein und wir werden Workshops und Events anbieten. Es geht darum, die immer gleichen Klischeebilder aufzubrechen. Aber es ist egal, ob das jetzt am Schluss ein Event, ein Lauf oder ein Café ist, um das Thema mehr in die Mitte der Gesellschaft zu rücken. Solche Angebote braucht es, um es den Leuten leichter zu machen, sich mit diesem schweren Thema zu befassen.

Wenn ihr Dominique und ihr Mental-Health-Café unterstützen wollt, findet ihr hier die Crowdfunding-Kampagne.

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Hast du dunkle Gedanken? Wenn es dir nicht gut geht oder du daran denkst, dir das Leben zu nehmen, versuche, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Das können Freunde oder Verwandte sein. Es gibt aber auch eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen du dich melden kannst.

Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222.

Weiterhin gibt es von der Telefonseelsorge das Angebot eines Hilfe-Chats. Außerdem gibt es die Möglichkeit einer E-Mail-Beratung. Die Anmeldung erfolgt – ebenfalls anonym und kostenlos – auf der Webseite. Informationen findest du unter: www.telefonseelsorge.de

Sendung: PULS am 28.05.2019 ab 15 Uhr