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Gipfelkreuz-Debatte Warum steht da 1 Kreuz?

Sonntagnacht hat er wieder zugeschlagen: der Kreuzhacker. Zum dritten Mal hat in Bayern ein Unbekannter ein Gipfelkreuz mit einer Axt bearbeitet. Verrückt. Aber mal ganz ehrlich: Wieso stehen die Teile eigentlich da oben?

Von: Johanna Zach

Stand: 01.09.2016 | Archiv

Zwei Wanderer sitzen auf dem Gipfel neben dem Gipfelkreuz | Bild: picture-alliance/dpa

Im Tölzer Land in Oberbayern rennt seit ein paar Monaten ein Typ rum, der scheinbar wahllos Gipfelkreuze umhackt. Sein letztes "Opfer": das Kreuz auf dem Schafreuther, oberhalb von der Tölzer Hütte. Nachts kraxelt er auf den Berg und drischt dann anscheinend stundenlang auf diese Kreuze ein - bisher weiß aber niemand wer das ist. Die Polizei glaubt aber, dass er ein Problem mit christlichen Symbolen hat. Und in der Tat gibt es Leute, die fordern, dass unsere Gipfel frei von Kreuzen sein sollen.

Aber jetzt mal ganz doof gefragt: Warum steht da überhaupt ein Kreuz?

Angefangen haben damit die Römer. Bei ihren Bergüberquerungen haben sie den Göttern Opfer dargebracht, meistens in Form von Münzen und Goldstücken. Auf dem Gipfel fühlten sie sich ihren Göttern eben am Nähsten. Auch in der Bibel tauchen Berge oft als spiritueller Ort auf: Moses bekommt die zehn Gebote auf dem Berg Sinai, Jesus steigt auf einen Berg, um zu beten. Kreuze aufgestellt hat deswegen aber noch niemand.

Anfangs ging's gar nicht um Religion

Die kommen erst später aus viel praktischeren Gründen: Während den Kreuzzügen dienten sie als Wegweiser, während der Napoleonischen Kriege als moralische Unterstützung gegen die vorrückenden Franzosen und ab dem 13. Jahrhundert als Grenzmarkierungen zwischen Almen und Gemeinden. An hoch gelegenen Punkten sind sie natürlich am Besten zu sehen. Ein Kreuz wurde damals für verschiedene Zwecke genutzt und war gar nicht zwingend religiös.

Erst im 17. Jahrhundert rückt die religiöse Bedeutung wieder in den Vordergrund. Es entwickelt sich der Brauch, Anhöhen, Gipfel oder besondere Orte als "heilige“ Stellen zu markieren - und zwar nicht nur mit Kreuzen, sondern auch mit Fahnenstangen oder Steinpyramiden, sogenannten Steinmandln. Der Künstler Caspar David Friedrich zeichnet das Bild "Kreuz im Gebirge" und prägte damit das romantische Symbol des Gipfelkreuzes.

Das Kreuz ist das Ziel

Als im 19. Jahrhundert der Bergsport langsam populär wird, wird das Kreuz ein Zeichen der Erstbesteigung und der "moralischen" Eroberung des Berges. Unter den Pionieren sind auch viele Geistliche. Im Laufe der Jahre wird das Symbol aber immer mehr zum Marketinginstrument der Tourismusindustrie. Das Kreuz ist das Ziel. Nach den Weltkriegen werden verstärkt Kreuze aufgestellt - im Gedenken an die Opfer, aber auch zum Dank für die Kriegsrückkehrer.

Während früher so ein Gipfelkreuz noch ein richtiger Kraftakt war, geht es heute super einfach, so ein massives Teil mit Betonverankerung per Helikopter auf den Berg zu fliegen. Kein Wunder also, dass die Gipfelkreuze immer größer, aber auch künstlerischer werden. Auf der Buchensteinwand gibt's zum Beispiel ein 30 Meter hohes begehbares Kreuz .

Und ist das jetzt so'n deutsches Ding?

Auch schön: Tibetische Gebetsfahnen

Die Kreuze auf den Gipfeln findet man fast nur im deutschsprachigen Raum. Aber auch in anderen europäischen Ländern und Süd- und Mittelamerika findet man das ein oder andere Kreuz am Ende der Wanderung.

In Italien dagegen wacht oft eine Marienstatue über die Bergsteiger - der Gedanke dahinter ist aber der gleiche. Auch im Himalaya spielt die religiöse Bedeutung eine Rolle: Statt eines Kreuzes findet man dort oft Gebetsfahnen oder kultische Steinhaufen. Die Steinpyramiden sind eh ein weltweites Phänomen. Oft markieren sie nicht nur das Ende der Wanderung, sondern dienen auch als Wegweiser und schützen vor Trollen - erzählt man sich zumindest in Skandinavien.

Höchste Punkte werden also überall gern markiert - naja, fast überall. In Afrika werden die Berge zwar auch als religiöse Orte gesehen, aber aus Ehrfurcht vor den Göttern größtenteils gemieden. Es steigt halt nicht jeder so gern auf einen Berg wie die Bayern.

Und was jetzt?

Apropos Bayern. Hier, aber auch in Österreich und der Schweiz gibt es kritische Stimmen zu den Gipfelkreuzen. Reinhold Messner würde sagen: Die sind Unfug.

"Niemand, auch keine Religion darf die Gipfel besitzen."

Reinhold Messner

Warum also nicht mal ein neutrales Symbol auf den Gipfel packen? Die Künstler haben mehr Freiheiten, der Kreuzhacker muss nicht mehr nachts auf den Berg steigen und weltoffener wirkt das Ganze auch gleich. So ein Selfie mit der Himmelskletterer-Skulptur auf dem Rauschberg hat doch auch was!


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