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Kurt Eisner im Porträt Der revolutionäre Idealist

Als Pazifist wollte der studierte Philosoph eine gewaltfreie Gesellschaft und ein basisdemokratisches Rätesystem aufbauen. Das verübelten ihm Bayerns Reaktionäre, obwohl er mit sowjetischem Bolschewismus nichts am Hut hatte - und ermordeten ihn am 21. Februar 1919. Der Begriff "Freistaat Bayern" geht auf Eisner zurück.

Stand: 24.11.2008 | Archiv

Kurt Eisner | Bild: Haus der Bayerischen Geschichte

Kurt Eisner gehörte zu jenen, deren Denken im Ersten Weltkrieg gehörig umgekrempelt wurde. Spätestens 1915 in München wandelte er sich zum radikalen Pazifisten und war von der Kriegsschuld Deutschlands überzeugt. Damit befand er sich jedoch auf Kollisionskurs mit der Mehrheit seiner eigenen Partei: der SPD, die 1914 noch die Kriegskredite bewilligt hatte. Das konnte nicht lange gut gehen. Als sich 1917 Teile des linken SPD-Flügels abspalteten und die USPD gründeten, war Eisner einer ihrer Protagonisten in Bayern. Zu diesem Zeitpunkt lebte er seit sieben Jahren in München.

Traum von der gewaltfreien Gesellschaft

Geboren wurde Eisner 1867 in Berlin als Sohn jüdischer Geschäftsleute. Nach dem Studium der Philosophie und Germanistik arbeitete er als Journalist und Theaterkritiker für verschiedene Blätter, ab 1910 für die sozialdemokratische "Münchner Post". Rasch knüpfte er Kontakt zum Schwabinger Künstlermilieu. Aus seinem zunehmenden Interesse für politische Fragen wurde das konkrete Ziel, nach Kriegsende eine sozialistische Gesellschaft auf der Basis von Gewaltlosigkeit und Freiheit des Einzelnen aufzubauen.

Halbe Revolution

Manche hielten Eisner für einen naiven Idealisten, andere - vor allem Angehörige der Unterschicht - für einen charismatischen Volkstribunen. Mit Unterstützung dieser Klientel machte der zierliche Berliner Intellektuelle ausgerechnet im katholischen Bayern am 7./8. November 1918 eine Revolution. Aber keine nachhaltige: Die Monarchie war zwar weggefegt und die Republik ausgerufen, aber als strikter Gegner des bolschewistischen Systems der Sowjetunion ließ Eisner die tragenden Strukturen bestehen. Der monarchistische Verwaltungsapparat blieb ebenso wenig angetastet wie die Banken, die Industrie wurde nicht verstaatlicht.

Februar 1919: Kranz am Ort der Ermordung Kurt Eisners

Eisner glaubte, allein der Besitz der Staatsgewalt in Händen von aufgeklärten Demokraten könne zu einer tiefgreifenden Umgestaltung der Gesellschaft führen - ein schwerer Fehler, wie sich herausstellen sollte.

Achtstundentag, Frauenwahlrecht, Schulreform

Heute: Gedenkplatte am Ort der Ermordung

So war Eisners Regierungsprogramm eher reformerisch geprägt: Er führte unter anderem das erste Frauenwahlrecht in Deutschland ein, den Achtstundentag und eine Arbeitslosenversicherung. Sein Kultusminister Johannes Hoffmann (SPD) schaffte die geistliche Schulaufsicht ab.

Gedenkstein am Ort des ersten Grabes Eisners

Die katholische Kirche betrachtete das als Affront. Nicht nur wegen dieser Maßnahme war der Monarchist Erzbischof Michael von Faulhaber erklärter Gegner der Revolution. Eisner wollte verfassungsmäßig verankern, dass zusätzlich zum Parlament die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen in einem basisdemokratischen Rätesystem zu Wort kommen. Doch dies scheiterte am Widerstand der SPD. Im "Vorläufigen Staatsgrundgesetz" vom 4. Januar 1919 war folglich nur von einem Parlament die Rede, mit keinem Wort von Räten.

Schwere Wahlschlappe

Nicht nur dies schwächte die Position Eisners, auch die Veröffentlichung von Geheimakten, die die Kriegsschuld Deutschlands beweisen sollten. Viele Bürger sahen in ihm deswegen einen "Verräter" und wandten sich von ihm ab. Eisner, der eine separatistische Politik verfolgte, wollte jedoch bei den Siegermächten einen günstigeren Friedensvertrag für Bayern erwirken.

"Es bedrängt mich eine trübe Ahnung, als ob sich mein Schicksal bald vollenden könnte, aber ich kann nicht anders. Ich könnte niemals mehr frei atmen, wenn ich nicht täte, was ich für meine Pflicht halte."

Kurt Eisner am 10. Januar 1918 in einem Brief an seine Frau

Bei den Wahlen zur bayerischen Nationalversammlung am 12. Januar musste er eine vernichtende Niederlage einstecken. Seine USPD erreichte gerademal 2,5 Prozent der Stimmen. Stärkste Partei mit 35 Prozent wurde die erst am 12. November 1918 gegründete Bayerische Volkspartei (BVP) vor der SPD mit 33 Prozent. Der Bauernbund kam auf 9 Prozent.

Mord durch rechtsextremen Graf Arco

Die ständigen Kontroversen im Regierungslager bewogen Eisner zum Einlenken. Am 21. Februar 1919 wollte er in der Verfassunggebenden Versammlung den Rücktritt des provisorischen Kabinetts anbieten. Er kam jedoch nicht mehr dazu. Auf dem Weg zum Landtag wurde er von Anton Graf von Arco auf Valley erschossen, einem 22-jährigen Mitglied der völkischen, republikfeindlichen und antisemitischen Thule-Gesellschaft.

Trauerzug bei Eisners Beerdigung

Mordmotiv war der Hass auf einen "Juden" und "Bolschewisten" - undifferenzierte Ressentiments, die kurze Zeit später auch Protagonisten der Räterepublik wie Gustav Landauer, Erich Mühsam, Ernst Toller oder Eugen Leviné zu spüren bekommen sollten.

Weiteres Attentat im Landtag

Zwei Stunden nach Eisners Ermordung wurde auch sein Gegenspieler Erhard Auer ausgeschaltet. Der Arbeiterrat Alois Lindner betrat den Landtag und feuerte mehrere Schüsse auf den SPD-Führer ab. Der wurde schwer verletzt, ein BVP-Abgeordneter und ein Besucher indes tödlich getroffen.


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