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Jean François Champollion

Von: Simon Demmelhuber / Autorin: Astrid Mayerle

Stand: 15.02.2016 | Archiv

GeschichteMS, RS, Gy

Nerd, Workaholic, Wunderkind: Jean François Champollion ist all das und mehr: Ein Besessener, ein Sprachgenie, ein Kämpfer, der alles auf eine Karte setzt, der furchtlos uralte Dogmen stürzt und so den Hieroglyphencode knackt.

"Seit fast 2.000 Jahren stehen wir vor diesen steinernen Handschriften und rathen und rathen, und können keine sichere Deutung finden". Friedrich von Schlichtgroll beschönigt nichts. Seine feierliche Ansprache zum Stiftungsfest der Bayerischen Akademie der Wissenschaften am 28. März 1818 ist eine ungeschminkte Bankrotterklärung der gelehrten Hieroglyphendeutung: "Nirgends ein Anhaltspunct, nirgends ein Landungsplatz, wo der muthige Forscher Anker werfen, und das unbekannte Land erobern könnte". Doch das Klagen über "Erklärungen, die nichts erklären" und "Irrlichter, die nur in Sümpfe führen", liefert nur den Hintergrund, vor dem der Archäologe und Akademiepräsident einen Hoffnungsstern desto heller aufgehen lässt. Denn vor etwa 17 Jahren, so fährt der Redner fort, "sey bei Rosette in Ägypten ein Basaltstein gefunden worden, der eine dreyfache Inschrift enthielte, erst eine Anzahl hieroglyphischer, weiter unten vier und dreyßig koptische und noch tiefer vier und funfzig griechische Zeilen."

Große Hoffnungen in Stein gegraben

Dieser Glücksfund von Rosette ist genau das, worauf die "Freunde des Althertums unter allen gebildeten Völkern" so sehnlich gewartet haben: ein Stein der Weisen, der das Geheimnis der uralten Zeichenschrift nun endlich lüften soll. Aber noch haben die Hieroglyphen dieses Geheimnis trotz aller gelehrten Anstrengungen nicht preisgegeben. "Die Haupterwartung, einen sicheren Schlüssel zu der Hieroglyphenschrift zu finden, wurde bislang nicht erfüllt!", resümiert Schlichtegroll. Doch das ist noch lange kein Grund, die Arbeit einzustellen. Im Gegenteil: Dann müssen die Mühen eben nochmals gesteigert werden und die Besten in einen Wettbewerb der Entzifferung treten. "Fehlgeschlagene Versuche dürfen nicht abschrecken", fordert Schlichtegroll. Das Hieroglyphenrätsel "verdient, so lange bearbeitet zu werden, bis irgend ein glücklicher Forscher das Ziel trifft, bis es anfängt, ihm zu tagen".

Ptolemaios hebt den Schleier des Geheimnisses

Wie nah gleich zwei Männer der Lösung des Rätsels bereits sind, ahnt der Akademiepräsident an diesem Märzsamstag des Jahres 1818 nicht. In England hat sich der Arzt, Physiker und Universalgelehrte Thomas Young, einer der erstaunlichsten, wendigsten und scharfsinnigsten Geister seiner Zeit, den Stein von Rosette vorgenommen. Der methodische und genaue Beobachter untersucht seit vier Jahren vor allem die von einer deutlichen Linie eingeschlossenen Zeichenfolgen des Hieroglyphentextes. Neueren Theorien zufolge umfassen diese sogenannten Kartuschen die Namen von Göttern und Königen. Trifft das zu, müssen sie auf dem Rosettastein den im griechischen Textteil erwähnten Namen "Ptolemaios" enthalten. Diese Schlussfolgerung Youngs ist nicht nur statthaft, sie ist zwingend. Denn aus dem griechischen Text des für Pharao Ptolemaios errichteten Steins geht klar hervor, dass die in hieroglyphischer, griechischer und einer volkstümlichen Schrift verfassten Abschnitte inhaltlich identisch sind. Aber wie sollten die Ägypter den griechischen Namen ihres Pharaos geschrieben haben? Ein Wort wie "Ptolemaios" lässt sich nicht symbolisch, sondern nur lautlich festhalten. Das aber funktioniert nur, wenn die Hieroglyphen auch Lautzeichen und nicht, wie bislang angenommen, reine Bildzeichen sind.

Ein Dogma stürzt, eine Erkenntnis keimt

Diese Überlegung führt Young letztlich auf die richtige Spur. Zunächst aber ist sie ein herber Bruch mit der durch Tradition und Mehrheitsmeinung geheiligten Grundannahme über das Wesen der Hieroglyphen. Seit der Antike gelten sie als Ideogramme, als Zeichen also, die keine Laute und keine gesprochenen Sprache, sondern ausschließlich Ideen wiedergeben. In der Renaissance und im Barock werden sie daher zu Trägern verlorener Offenbarungsinhalte, zu Hütern tiefster Welt und Gottesgeheimnisse, zu Bewahrern hermetischer Weisheiten, die einst auch Adam und Eva kannten, bevor sie durch den Sündenfall verloren gingen. Im Grunde stimmt auch Young dieser Ansicht zu. Aber er postuliert eine entscheidende Ausnahme: Die Schreibung fremdsprachiger Eigennamen ist ohne phonetische Hieroglyphen schlichtweg undenkbar. Nach intensiven Studien findet Young seine Hypothese bestätigt. Nun kann er den Namen Ptolemaios tatsächlich lesen und einigen Hieroglyphen die entsprechenden Lautwerte zuweisen. Bereits 1819 publiziert er seine Ergebnisse in einem Ägyptenartikel der "Encyclopeadia Britannica".

Ein Wunderkind im Hieroglyphenfieber

Ob Jean-François Champollion diesen Aufsatz kennt, als er 1820 sein intensives Studium des Steins von Rosette aufnimmt, ist unklar. Klar ist nur, dass der 17 Jahre jüngere Franzose den Ruhm, das Hieroglyphenrätsel als erster gelöst zu haben, zeitlebens für sich allein beanspruchen wird. Für den hochintelligenten, einzelgängerischen und leicht nerdhaften Sprachenwissenschaftler, der sich als Teenager selbst mehrere alte Sprachen beibringt, der in Paris Altorientalistik studiert und mit knapp 20 Jahren bereits zum Assistenzprofessor für Alte Geschichte und Geographie in seiner Heimatstadt Grenoble berufen wird, für diesen von Ägypten und wohl auch von Ehrgeiz und Ruhmsucht besessenen Sonderling, der nichts außer seiner Arbeit kennt, geht es in der Hieroglyphenfrage um alles oder nichts. Sein schärfster Rivale Young betreibt die Sprachwissenschaft nur nebenher, als eine von vielen Disziplinen in denen er als Physiker, Arzt und Erfinder brilliert. Verglichen mit diesem Geistes- und Wissensallrounder ist Champollion ein einseitiges Tunneltalent, ein Monoman, den nur eine einzige Leidenschaft antreibt: Er will die Hieroglyphen als erster lesen, der zweite Rang im Rennen um die Entzifferung ist für ihn keine Option!

Je tiens mon affaire - Ich hab´s gefunden!

Spätestens 1821 kommt Champollion, gleichviel ob nun mit oder ohne Youngs Anschubhilfe, zum selben Ergebnis wie sein britischer Rivale. Auch die Methode ist identisch. Wie Young konzentriert sich Champollion auf die fremdsprachigen Eigennamen der Kartuschen des Rosettasteins. Wie Young findet auch er die hieroglyphische Entsprechung für den griechischen Eigennamen Ptolemaios und kann einigen Hieroglyphen ihren Lautwert zuweisen. Damit enden die Gemeinsamkeiten. Champollion macht hartnäckig, scharfsinnig und verbissen da weiter, wo Young einige Jahre zuvor ermüdet aufgehört hat. Es gelingt ihm, auf einem Obelisken, der zugleich griechische und hieroglyphische Schriftzeichen trägt, den Namen Kleopatra zu lesen. Als er schließlich auf einem Papyrus den Namen Ramses lesen kann, ist sich Champollion sicher: Er hat den Schlüssel gefunden und das Jahrtausendrätsel gelöst! Nicht zufällig und punktuell, sondern systematisch und prinzipiell. Denn Ramses ist zum einen fremdsprachiger Name und das Dokument, auf dem er steht, fast tausend Jahre älter als der Stein von Rosette. Das lässt nur einen Schluss zu. Die Hieroglyphen haben seit jeher und nicht in ptolemäischer Zeit, haben insgesamt und nicht nur ausnahmsweise eine phonetische Funktion.

Ein kombiniertes Laut-, Bild- und Begriffsystem

Am 27. September 1822 präsentiert Champollion seine Ergebnisse in einem Vortrag an der "Akademie der Inschriften und Schönen Künste" in Paris. Die Thesen des jungen Außenseiters sorgen für Zündstoff, heftige Debatten und noch heftigere Ablehnung. Kein Wunder. Was Champollion dem gelehrten Auditorium zumutet, bricht mit allem, was man bislang als sicher zu wissen glaubte: Die Hieroglyphen, so lautet seine zentrale Aussage, sind als von ihm selbst lange Zeit angenommen, keine reine Bilderschrift. Sie halten auch oder sogar vorwiegend Laute fest und können wie eine alphabetische Schrift gelesen werden. Neben diesen Lautzeichen (Phonogrammen) gibt es jedoch auch Hieroglyphen, die für einen Begriff oder eine Idee stehen (Ideogramme), und Zeichen, die nicht gelesen werden, sondern nur anzeigen, wie ein mehrdeutiges Wort zu verstehen ist (Determinative).

Bildhaft, symbolisch und phonetisch zugleich

Die Hieroglyphen, so bündelt Champollion den Stand seiner Pionierforschung, sind ein komplexes System, eine Schrift, "die bildhaft, symbolisch und phonetisch zugleich ist, und zwar in einem und demselben Text, in ein und demselben Satz und - ich wage es, auch das zu sagen - in ein und demselben Wort." Mit dieser fundamentalen Aussage lässt er seinen britischen Rivalen weit hinter sich. Während Young zeitlebens an der Lehre vom grundsätzlich symbolischen Charakter der Hieroglyphen festhält und die phonetische Ausnahme nur für fremdsprachige Eigennamen gelten lässt, geht Champollion von einem insgesamt alphabetischen Charakter der ägyptischen Schrift aus. Dass er mit dieser revolutionären Meinung zunächst alleine dastand, verspottet und heftig befehdet wird, bringt den besessenen Arbeiter nicht aus der Spur. Zug um Zug dringt er in den Folgejahren immer tiefer in das Dickicht des ägyptischen Zeichensystems ein, fördert fundamentale Einsichten zutage, stellt ein "Ägyptisches Wörterbuch" und eine "Ägyptische Grammatik" zusammen. Doch selbst er, der die Hieroglyphen geknackt und ihre wissenschaftliche Erforschung mit aller Kraft vorantreibt, sitzt Irrtümern und Fehldeutungen auf. Vor allem aber stirbt er viel zu früh mit 41 Jahren an völliger Entkräftung. Für die Richtigstellung seiner Fehler und Trugschlüsse, für den Feinschliff seiner Schrift-und Sprachlehre, für die endgültige Enträtselung der Hieroglyphen bleibt dem rastlosen Ägyptenerklärer zu wenig Zeit. Und trotzdem schenkt er der Menschheit eine Ewigkeit: die Ewigkeit einer Hochkultur, die 2.000 Jahre lang verstummt war und erst durch ihn das Sprechen wieder lernte.


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