Bayern 2 - Zeit für Bayern


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Handgranaten im Wasser, Schmetterlinge im Bauch Von Menschen, die ihr Leben aufschreiben

Die Motive, warum jemand sein Leben aufschreibt, sind so verschieden wie die Menschen, die in der Sendung zu Wort kommen. Aber eines haben ihre Erinnerungen und Gedanken gemeinsam: Sie sind es wert, gehört zu werden.

Von: Gerhard Brack

Stand: 22.10.2017 | Archiv

Biografien gibt es im Buchhandel wie Sand am Meer. Und wer gar im Internet nach Biografien sucht, den überschwemmt eine Welle von aufgeschriebenen Leben. 758.434 Treffer listet der Online-Händler Amazon zum Suchwort Biografie auf, mehr als 42.000 Treffer sind es zum Thema "Mein Leben".

"Mein Leben"

Daniela Dohle-Camenzind: Mein Leben zwischen Himmel und Hölle
Peter Berthold: Mein Leben für die Vögel
Carola Thim: Mein Leben ohne mich
Nick Vujicic: Mein Leben ohne Limits
Marianne Sägebrecht: Mein Leben zwischen Himmel und Erde

Biografien erzählen oft Leben von Prominenten

- etwa von Musikern, Schauspielern oder Fußballstars ...
Ronaldo: Die Geschichte eines Besessenen
Phil Collins: Da kommt noch was!
... oder nicht ganz so Prominenten:
Klaas Heufer-Umlauf: Ich bin dann mal Kult.
Mike Fischer: Erfolg hat, wer die Regeln bricht. Ein Ausnahmeunternehmer packt aus.

Rund 1.600 Biografien und Autobiografien sind letztes Jahr auf dem deutschen Buchmarkt erschienen. Ein Drittel mehr als noch zwei Jahre zuvor. Buchhändlern fällt auf, dass immer mehr Menschen, die sich selbst für prominenter halten, als sie sind, ihre "Story" unters Volk bringen wollen. Ghostwriter helfen beim Aufschreiben. Dahinter steht – neben dem Wunsch, Geld zu verdienen - auch der Gedanke:

Wer schreibt, der bleibt!

Denn nicht alle Biografien schaffen es auf die Büchertische der Buchhandlungen. Damit eine Biografie wahrgenommen wird, muss sie sich abheben von den anderen, muss anders sein, sagt der Literaturwissenschaftler Michael Ott.

"Und deswegen auch greift man auf dieses altertümliche Medium Buch zurück, um sich da auch ein Stück Unvergänglichkeit zu sichern, allerdings ist es dafür dann auch schon wichtig, dass es ein besonderes Buch ist."

Michael Ott, Literaturwissenschaftler an der LMU in München

Von der Bäuerin zur Autobiografin: Anna Wimschneider

Eine besondere Biografie war zum Beispiel 1984 Anna Wimschneiders Werk "Herbstmilch", in dem sie ihr schweres Leben als Bäuerin auf dem Land in Niederbayern verewigte. Wimschneiders  Buch erlebte 57 Auflagen, wurde verfilmt und mehr als zwei Millionen Mal verkauft. Das Besondere damals war, dass eine Biografie von unten geschrieben wurde. Über Jahrhunderte hatten nur Adelige und später Bürger Autobiografien verfasst. Adel hat Geschichte, doch mit „Herbstmilch“ stürmte eine Lebensbeschreibung aus dem einfachen Volk die Bestsellerlisten.

Biografisch Schreiben für die Familie

Inzwischen haben regionale Erinnerungsbücher Konjunktur. Jeder kann seine Biografie schreiben und im Selbstverlag drucken. Josef Roßmair aus Immelberg im Landkreis Rosenheim hat das getan. Allerdings hat er nicht für den großen Markt geschrieben, sondern für seine Familie. Der 88-Jährige hat zehn Kinder.

"Die Kinder, vor allem die Töchter, haben mir keine Ruhe mehr gelassen, die haben immer gesagt: Vater, schreib doch einmal auf, was du immer erzählst, schreib halt auf, schreib halt auf. Und ich hab mich immer gewehrt. Die Idee, ein Buch zu schreiben, hatte ich nie im Leben. Und dann habe ich also angefangen und hab amal a paar Seiten geschrieben. Und siehe da: dann hat’s mir Spaß gemacht. Auf einmal hat’s mir Spaß gemacht, das ist dann von selber gangen."

Josef Roßmair

Es sollte ein Erinnerungsbuch auch über seine Vorfahren werden. Er fing an mit den Großeltern, er fügte Fotos ein, und auch ein Vorwort schrieb er:

"Mehr als sieben Milliarden Menschen gibt es auf der Erde. Ich bin einer davon. Ich fühle mich als etwas Besonderes, weiß aber, dass jeder Mensch einmalig ist."

Aus dem Vorwort zu Josef Roßmairs Buch

Geboren ist Josef Roßmair im Jahr 1929 in ärmlichen Verhältnissen in der Holledau. Seine vielen Kinder hätte es nicht gegeben, hätte er sich an den Wunsch seiner Mutter gehalten. Die wollte, dass er Theologie studiert und Priester wird.

Rosse, so sein Spitzname seit Schulzeiten, erinnert sich an Lausbubenstreiche, an Bauern und einen Sozialdemokraten auf dem Dorf. Und er erinnert sich an das Ende des Zweiten Weltkriegs, das er in Ottershausen im Landkreis Dachau erlebte. Die Amerikaner rückten damals schnell vor, deutsche Soldaten flohen und ließen ihre Waffen im Wald zurück.

"Wir halbwüchsigen Kerle sind durch die Wälder gestreift und haben diese Waffen gefunden. Der Krieg war noch nicht zu Ende, jeder Infanterist hatte so ein Gewehr. Und wir hatten dann als Kerle von 15 Jahren eben auch diese Gewehre und haben dann auch gleich Schießübungen gemacht. Damals hat’s ja überall gerumst und gekracht, und unser Schießen ist nicht bemerkt worden. Und dann haben wir auch eine Kiste mit Eierhandgranaten gefunden. Wir hatten die Idee, dass wir mit diesen Granaten fischen. Das war mir schon bewusst, dass man das machen kann und dass dann da einer ganzen Reihe von Fischen die Schwimmblase platzt und dann schwimmen sie bäuchlings im Wasser daher und man braucht sie nur noch rausnehmen. Und mit den Gewehren wollten wir Rehe schießen oder vielleicht auch einmal einen Hasen. Es war aber das Problem, die Waffen irgendwo zu deponieren."

Josef Roßmair

Ja, wohin mit den Waffen? Auf Waffenbesitz steht die Todesstrafe. Viele Amerikaner haben Angst vor deutschen Scharfschützen und sogenannten Werwölfen im Untergrund. Doch einer der Jugendlichen hat einen Einfall:

"Und hat gesagt: Sepp, du hast doch den Schlüssel zur Kirche, wir bringen die Waffen in der Kirche unter, da sucht sie niemand und da sind sie sicher, denn du hast den Schlüssel. Und so war’s dann auch. Wir haben also in der Nacht dann diese Waffen in die Kirche geschafft und haben sie über eine wacklige Treppe in das Dachgeschoss der Kirche geschafft, haben Bretter aufgehoben und haben da unten drunter drin die Kiste mit Eierhandgranaten versteckt und unsere Gewehre und die Munition."

Josef Roßmair

Zunächst geht alles gut. Sepp Roßmair schießt seinen ersten Rehbock und wirft Handgranaten ins Wasser, dass es nur so kracht - seine Freunde ebenso:

"Da hat der Kopp Rudi dann eine Handgranate gezündet, und hat sie in das Wasser geworfen: Wumm! hat’s getan. Das Wasser hat sich gehoben, und die Fische waren da, ungefähr 35, 40 Fische, jeder zwei bis vier Pfund schwer, mit diesen Fischen haben wir dann Schwarzhandel betrieben. Etwas zu essen war am Schwarzmarkt das Tollste, was man anbieten konnte, denn die Leut‘ haben ja gehungert!"

Josef Roßmair

Notzeit nach dem Krieg: Schwarzmarkt

Die gewilderten Rehe und Fische bringen die Jugendlichen nach München und verkaufen sie auf dem Schwarzmarkt in der Münchner Möhlstraße oder an feste Kunden in Schwabing. Die Währung sind Zigaretten; Lucky Strike oder Marlboro, immer in ganzen Stangen, keine kleinen Päckchen, erinnert sich Josef Roßmair und legt beim Erzählen im Ofen nochmal Holz nach, während sein Enkel Josef zuschaut. Natürlich fliegt die Schwarzfischer-Bande auf, erzählt Roßmair weiter. Es sind die letzten Tage der Osterferien 1946, als die US-Soldaten anrücken, um sie einzusammeln. Die Delinquenten werden nach München geschafft, und hier scheinen die Jugendlichen zunächst in ernster Gefahr.

"Die haben uns an die Wand gestellt, zuerst einmal hat ein jeder eine Serie von Ohrfeigen gekriegt, dass es nur so geklatscht hat, die haben uns geprügelt, die amerikanischen Soldaten. In sechs bis acht Metern Entfernung standen zwei mit Maschinenpistolen, die haben immer wieder durchgeladen, und wir standen an der Wand, die Hände überm Kopf – wie halt Gefangene dastehen. Und die haben uns den Anschein vermittelt, jetzt werden sie uns bald abknallen."

Josef Roßmair

Drei Tage bekommen sie nichts zu essen, erinnert sich Roßmair, und werden verhört. Dann dürfen sie wieder heim zu ihren Familien. Viele Abenteuer erzählt Roßmair in seinem Buch – bei seinem langen Leben erscheinen einige wie aus einer anderen Welt. Und während er erzählt, erscheint seine Frau Irmgard am Tisch und verrät, wie und wo sich die beiden nahe kamen:

"Wir waren mal in Bernried bei Gottesdienst und Lichterprozession. Und nach der Lichterprozession waren wir noch in der Kirche gestanden. Und da haben sich unsere Hände gefunden. Da ging’s dann los wie eine Explosion, so richtig Schmetterlinge im Bauch."

Irmgard Roßmair

Es ist Sepp Roßmairs zweite Ehe. Seine erste Frau starb an Krebs. Und es ist ein unerhörtes Glück, dass der Mann mit den damals schon sieben Kindern noch einmal heiraten kann. Ein "Massl" für ihn und die ganze Familie. So heißt auch Rosses Buch: A "Massl g’habt in einem guten Leben". Herausgebracht hat er es im Selbstverlag, verkauft wird es für 17,95 Euro. Sollte er einen Überschuss machen, dann geht der an die SOS-Kinderdörfer.

Leben aufschreiben als Therapie

Nicht alle, die ihr Leben aufschreiben, denken daran, die Erinnerungssplitter auch zu veröffentlichen. Schreiben hat eine therapeutische Wirkung: Was ich dem Papier übergebe, kann ich ein Stück weit loslassen.

"Wenn ich Wut habe oder Zorn oder Ärger oder das Gefühl habe, ich bin ungerecht behandelt worden, dann fließt das so raus, und ich fühle mich dann hinterher sehr viel leichter. - Zum einen durchlebt man alles nochmal, zum anderen kann man’s eigentlich in so eine Schublade packen, dass es einen nicht mehr so stark berührt."

Umfrage in der Nürnberger Schreibwerkstatt BLAUE FEDER

Die fränkische Schriftstellerin Ingeborg Höverkamp

Autobiografisch Schreibende treffen sich in Nürnberg im Caritas-Pirckheimer-Haus zum Seminar "Die Heilkraft der Erinnerung". Sie lernen dort - angeleitet von der Schriftstellerin Ingeborg Höverkamp-, auf dem Papier abzuladen, was sie im Leben bedrängt. Oft geht es darum, durch das Schreiben ein Trauma zu überwinden.

"Ich habe jetzt über den Tod meines Mannes und meines Stiefsohnes geschrieben, und ich muss sagen, das hat mir sehr viel Trost gebracht hinterher, auch wenn ich das jetzt einmal lese, nimmt das einfach Trauerbewältigung weg. Es hat sich geändert, dass der Scherz weniger wird, dass man auch umgehen kann mit dem Problem und dass man zufriedener wird, getröstet ist einfach. - Es war für mich schon oft befreiend, wenn ich niederschreiben konnte, was ich als Kind erlebt habe, ich bin aus dem Sudetenland, dann im Viehwaggon deportiert worden nach langem Lager, mein Vater ist ermordet worden, und wir haben dann mühsam Fuß gefasst. Das ist nun alles lange her, ich bin inzwischen 79. Aber es ist doch so gegenwärtig: der Anfang dann in Bayern und auch später dann der Tod meiner Tochter. Ich bin auch jetzt noch in psychotherapeutischer Behandlung, und es tut mir gut, wenn ich da einiges niederschreiben kann."

Teilnehmerinnen der Schreibwerkstatt BLAUE FEDER

Leid berührt, verfolgt, belastet. Sich befreien vom Leid – wenigstens teilweise, zeitweise, graduell: Vielen gelingt das durchs Schreiben. Manch eine schafft es auch, sich an Menschen anzunähern, mit denen einen Streit und Zwietracht, verband: Auch deswegen besuchen manche einen Schreibkurs, wie etwa Renate Wening.

"Beim Schreiben kommen mir ja oft so Gedanken, dass meine Großmutter, mit der ich immer auf Kriegsfuß stand, dass ich die jetzt auf einmal verstehen kann. Ich kann jetzt auch meinen Vater verstehen, den habe ich auch lange Jahre nicht verstehen können, warum er so geizig war, es war nicht sparsam, sondern geizig, und meine Oma, die kann ich am allerbesten verstehen, und da hab ich eine eigene Geschichte geschrieben: Meine Oma Käthe."

Renate Wening

"Die grauen Haare hatte sie zu einem Dutt gesteckt. Der Mund war zahnlos. Sie besaß zwar ein Gebiss, das jedoch nicht mehr passte. Auf die Bitten meiner Mutter, sich ein anderes Gebiss anfertigen zu lassen, kam immer die gleiche Antwort: ich werde bald sterben, dann liegt das  teure Stück im Schrank oder im Sarg. – Nicht umsonst stand in ihrem Kochbuch auf der vordersten Seite: eine Frau ist zum Entsagen da, ihr schönster Schmuck ist eine verarbeitete Hand. Nach diesem Motto lebte sie, musste sie aufgrund ihrer Erziehung leben."

Aus Renate Wenings Text über ihre Oma

"Meine Oma war auf jeden Fall weit überdurchschnittlich intelligent, das kann ich auf jeden Fall sagen, weil jeder sich gewundert hat über sie. Und als junges Mädchen wollte sie unbedingt studieren, das durfte sie nicht und wurde dann mit einem Mann verheiratet, den sie nicht wollte. Und die hat eben ihren ganzen Frust dann an uns Kindern ausgelassen, weil sie uns betreuen musste. Meine Eltern hatten keine Zeit, Kindergarten gab es in dem Dorf nicht. Und wenn ich jetzt auf den Friedhof gehe, ich weiß so ungefähr, wo das Grab meiner Oma war, dann gehe ich da vorbei und dann bitte ich sie um Verzeihung, weil ich sie wirklich manchmal zur Weißglut gebracht habe. Und jetzt kommt das durch den Schreibkurs: Ja, wenn das Grab noch da wäre, würde ich ihr Blumen niederlegen, aber es ist leider nicht mehr da."

Renate Wening

Mit im Schreibkurs sitzt Brigitte Pothmann. Ihr Leben änderte sich radikal - vor 30 Jahren, als ihr Bruder in Venezuela mit dem Flugzeug abstürzte. Sie als große Schwester fühlte sich schuldig. Sie habe nicht gut genug auf ihn aufgepasst.

"Der Beerdigungsunternehmer kam dann ja mit dem Zinksarg, und dann wurde er verbrannt und dann konnte man das ja gar nicht gucken, und das war ja auch schon verwest, weil das dauerte ja ewig, bis der kam, und dann hat der gesagt: Am kleinen Finger konnte man ihn erkennen. Weil er den kannte, meinen Bruder. Und dann habe ich immer von so Körperteilen geträumt, die halt so rumfliegen. Und dann habe ich immer gedacht: Ja, der Finger! Der Finger gehört meinem Bruder! Und dann habe ich immer geträumt, dass ich mit meinem Bruder zusammen war und dass ich ihn nicht beschützen konnte, also dass ich nicht gut genug auf ihn aufgepasst hatte. Und als ich dann diese Geschichte geschrieben habe, da hörten die Träume dann auf."

Brigitte Pothmann

Geleitet wird der Kurs von Ingeborg Höverkamp. Die Schriftstellerin wurde jahrelang selber von Alpträumen geplagt, bis sie sich in ihrer Autobiografie "Zähl nicht, was bitter war" frei schrieb.

"'Zähl nicht, was bitter war': Der Titel ist eine Umformulierung eines Gedichtes von Paul Celan, dieses berühmte Mandelgedicht. Er schreibt: 'Zähle die Mandeln,/ zähle, was bitter war …/ zähl mich dazu'. Und ich habe sehr viel über diese Stelle von Celans Gedicht auch nachgedacht. Und ich bin dann zu der Überzeugung gekommen, dass das Gegenteil dieser Aussage für meinen Roman zutrifft. Auch als Wunsch, nicht nur aufzuzählen und zu berichten, was schwer und tragisch in den einzelnen Leben auch der Familienmitglieder gewesen ist sondern immer wieder auch sich erinnern an das Schöne, das einen ja auch gestärkt hat."

Ingeborg Höverkamp

Roman: Damit meint Ingeborg Höverkamp die Geschichte ihrer Familie, wie sie sie aufschreibt. Im Mittelpunkt steht ihr Alter Ego Felicitas. Die ist schließlich in einer Zeitreise unterwegs mit ihrem Onkel Rudolf, einem ganz jungen Mann. Der echte "Onkel Rudolf" hieß Waldemar und fiel an Ostern 1944 an der Ostfront vor Tarnopol. Er wurde nur 18 Jahre alt. Dokumente und Zeitgeschichte, Träume und Ängste, Vermutungen und Ideen: All das webt sie kunstvoll zusammen zu einem phantasiedurchstömten literarischen Gewebe. Ganz bewusst sagt sie nicht "ich" im Roman, sondern gibt sich den Namen Felicitas. Das ist lateinisch und bedeutet: Glückseligkeit.

"Es ist sehr wichtig, eine gewisse Distanz zur eigenen Autobiografie zu entwickeln. Diese Figur hat einen großen Teil meines Ichs. Und doch ist sie eben nicht ich. Ich habe ihr manchmal Freiheiten gelassen, die ich mir vielleicht nicht selbst zugestanden hätte."

Ingeborg Höverkamp

Außerdem gewinnen die Figuren so eine Art Eigenleben, weiß Höverkamp. Das müssen sie auch, um sich überhaupt lebensnah aus der Fülle des Stoffs erheben zu können.

"Da hat man ja auch unheimlich viel Material, hat Dokumente, Tondokumente, Zeitungsausschnitte. Und wenn es ein Schriftsteller ist, hat man seine Bücher, man hat vielleicht eine Aufzeichnung von seinen Benzinunkosten und so weiter, man hat Briefe und und und, aber das ist alles Material, das man dann zu einer Geschichte zimmern muss. Oder wie ein Bildhauer, der zunächst einen Riesen-Marmorblock – also viereckig – vor sich stehen hat, und er meißelt dann eine Figur aus diesem Block."

Ingeborg Höverkamp

Höverkamp arbeitete als Realschullehrerin, als sie vor drei Jahrzehnten ihren Beruf aufgeben musste - aus gesundheitlichen Gründen. So wurde sie Schriftstellerin.

Der junge Goethe als Vorbild

"Schriftsteller war: Goethe, Eichendorff, Böll, Grass und so weiter. Mich selber einzureihen war für mich völlig außer meines Horizonts. Mit der Zeit bin ich dann draufgekommen, dass es nicht nur Goethe, Schiller, Böll und Grass gibt, sondern es gibt eine zweite Riege, eine dritte und eine vierte. Und in irgendeine habe ich mich dann wohl eingereiht."

Ingeborg Höverkamp

Und als Schriftstellerin bannt sie die Geister ihrer Familie und die der Vergangenheit und schafft ein Stück autobiografische Literatur.

"Ich öffnete die schon schlafschweren Augenlider in einem Schwebezustand zwischen Traum im Traum, und durch die geschlossene Abteiltür drang ein mannshoher schwarzer Vogel ein, sein Gefieder leuchtete im roten Licht, seine riesigen Krallen kratzten auf dem Boden, unversöhnlich, feindselig fixierte er mich aus seinen nachtschwarzen Augen, aus denen rote Fünkchen sprühten. Nun setzte er sich auf meine Brust, ich rang nach Luft unter seinem Gewicht. Einen krächzenden, furchterregenden Laut stieß er hervor, dann hackte er mit seinem gebogenen Schnabel auf meinen Kopf ein, Blut rann über meine Arme, die ich schützend vor mein Gesicht hielt, während ich lautlos betete."

Ingeborg Höverkamp: 'Zähl nicht was bitter war' (gekürzt)

Worin genau ihre Alpträume bestanden, will Ingeborg Höverkamp nicht erzählen, aber mit diesem Buch machte sie sich frei davon.

"Ich habe jahrzehntelang unter Alpträumen gelitten, überraschenderweise sind diese Alpträume nie mehr aufgetaucht, als dann das Manuskript beendet war."

Ingeborg Höverkamp

Biografisch schreiben als Mission

Manche wollen auch die Gesellschaft verändern, wenn sie ihre Biografie veröffentlichen, wollen verändern, aufrütteln. Maximilian Huttner aus Miesbach ging es so, als er seine Biografie aufschrieb.

"Ich bin auf die Welt gekommen als kleines Kind, damals wurde mir eine Zystenniere entfernt, ich habe halt nur eine Niere seit der Geburt und ein Loch im Herz, ja."

Maximilian Huttner

Autobiograf Max Huttner mit Freunden und Schwester

Max Huttner hat ein außergewöhnliches Leben. Mit dem Loch im Herzen kann er leben, sagen die Ärzte. Mit 25 Jahren stellten sie bei ihm zusätzlich eine Unterart der Krankheit Parkinson fest. Damit dürfte Max – oder Maxi, wie ihn Freunde nennen, einer der jüngsten Parkinson-Patienten weltweit sein. Auf diese Krankheit wollte er aufmerksam machen, das heißt: eigentlich darauf, dass man das Leben nie aufgeben soll und es sich immer lohnt, zu kämpfen.

"Ich bin halt als kleines Kind viel gemobbt worden, auch wegen meiner Ohren, weil ich halt Segelfliegerohren hatte. Und dann hab ich halt meinen Kampfsport begonnen. Damals wollte ich halt auch meine Ohren annähen lassen, weil halt – wie gesagt – das Mobben wurde halt schlimmer. Und durch den Kampfsport, den ich dann begonnen habe, habe ich mehr Vertrauen zu mir gewonnen, und dann wurde es halt schon besser."

Maximilian Huttner

"MAXImal. Mein Leben mit Parkinson": So hat Max Huttner seine Autobiografie genannt

Zuerst hat Max sein Leben im Internet beschrieben, dann in Buchform. Der Titel: "MAXImal. Mein Leben mit Parkinson".

Dass seine Biografie als Buch gedruckt wurde, hat Max vielen Freunden zu verdanken.

Sein Freund Michael organisierte mit seiner und etlichen weiteren Bands in Miesbach ein Benefizkonzert für Max – zur Finanzierung der Druckkosten. Und auch die Druckerei half mit.

"Im Großen und Ganzen war es dann ein Super-Erfolg, es waren ein Haufen Leute da, die Bude war voll, das wollten wir ha haben. Und der Max hat dann eben von seinem Buch erzählen können, er hat noch von sich ein bissl erzählen können auf der Bühne, dass es eben ein Benefizkonzert ist, wo die Einnahmen überhaupt hingehen, dass es in sein Buchprojekt geht, nicht, dass es von den Bands versoffen wird oder so."

Michael Schießleder

"Es war echt genial gemacht! Die Leute reden heute noch von dem Konzert, ich habe positive Resonanzen auch von der Stadt Miesbach bekommen."

Max Huttner

Bei Amazon bestellen kann man Huttners Buch nicht. Aber privat gegen Spende bestellen, im Internet, auf seiner Homepage.

Der Markt für private Biografien und Biografen

Kleine Auflage, großes Talent: Ingeborg Höverkamp

Nur 200 mal wurde Max Huttners Buch bisher gedruckt, und auch Ingeborg Höverkamps Buch erschien nur in einer Auflage von 2.500 Stück bei einem kleinen Verlag – trotz der großen literarischen Qualitäten. Es gilt die Regel: Interesse muss auch geweckt werden, zum Beispiel durch Marketing. Wenn nicht ein großer Verlag dahinter steht, kommen die Bücher kaum in den Buchhandel. Das gilt erst recht für Biografien aus dem Selbstverlag, bestätigt Mechthild Heinen von der Münchner Buchhandlung Lehmkuhl:

"Es kommt immer mal vor, dass jemand auch zu uns kommt und sagt: Ich hab da mein Leben aufgeschrieben. Manchmal kommen dann auch geheftete Fotokopien oder so was und: ‚Können Sie es nicht da hinlegen?‘ Man muss da eine Entscheidung treffen und sagen: Das geht leider nicht. Es tut einem auch manchmal leid. Ich kann dann nur hoffen, dass diejenigen dann vielleicht doch noch in einem Verlag, der das erkennen kann, eine Chance kriegen."

Mechthild Heinen von der Münchner Buchhandlung Lehmkuhl

Jeden Tag erscheinen vier bis fünf Biografien auf dem deutschen Buchmarkt – vieles davon wird als Makulatur ungelesen wieder eingestampft und stößt nicht auf breites Interesse der Leser. Anders sieht das bei Prominenten aus der ersten Reihe aus: Barack Obama und seine Frau Michelle dürfen sich über 65 Millionen Dollar Honorar für ihre Memoiren freuen.

Immer mehr "ganz normale" Menschen möchten dabei eine Biografie hinterlassen – oft nur für die engsten Angehörigen – manchmal auch nur in einer winzigen Auflage von drei, fünf oder zehn Stück. Manch einer braucht Hilfe, sucht einen Ghostwriter oder schlicht einen professionellen Biografen.

Einige Dutzend professionelle Biografen haben sich im Deutschen Biographiezentrum zusammengeschlossen

Andreas Mäckler aus Kaufering bei Landsberg am Lech ist Biograf von Beruf. Nicht irgendeiner. Er hat das Deutsche Biographiezentrum gegründet und leitet es bis heute. Einige Dutzend professionelle Biografen haben sich da zusammengeschlossen, tauschen sich aus, besuchen gemeinsam Seminare, perfektionieren ihr Handwerk. Anfangs hatten sie sogar gemeinsam Räume angemietet und dort auch ihre Werke präsentiert:

"Da hatten wir einen sehr schönen Showroom mit Biografien, die wir, die unsere Mitglieder produziert haben, die man da eben wie kleine Kunstwerke betrachten konnte, wir haben eine Präsenzbibliothek gehabt mit sehr vielen Büchern."

Andreas Mäckler

Der Showroom des Biographiezentrums

Auch Seminare wurden in den Räumen gehalten, doch zuletzt standen Aufwand und Ertrag in keinem Verhältnis mehr, meint Mäckler. Jetzt gibt er Online-Schreibkurse für Menschen, die ihre Biografie schreiben wollen. Wer 27 Euro im Monat zahlt, bekommt jede Woche einen Impulsbrief mit Ratschlägen und Tipps, Ideen und Fragen:

Aus Andreas Mäcklers Impulsbriefen:

Listen Sie chronologisch alle Reisen Ihres Lebens auf und beschreiben Sie sie.
Was glauben Sie, was Ihr Hobby über Sie und Ihr Wesen spiegelt?
Welche Phantasien hatte ich in meinem Leben?
Beschreiben Sie Ihre Talente!
Erstellen Sie eine Liste der Dinge und Menschen, die Sie verloren haben.
Welche Vorstellungen haben Sie von Gott?
Listen Sie auf, was Sie in diesem Leben versäumt haben.
Wer starb so, wie ich auch sterben möchte?
Was wollen Sie der Menschheit geben?
Was wollen Sie zum Leben anderer Menschen beitragen?
Was ist meine erste Erinnerung?

"Bei mir ist beispielsweise eine meiner ersten Erinnerungen, dass ich auf dem Schoß meines Großvaters saß und der mir Stift und Papier gegeben hat, und ich hab dann da so Wellenlinien gezeichnet und hab gesagt: Ich schreibe Dir einen Brief!"

Andreas Mäckler

Andreas Mäckler präsentierte 2017 in der Abendschau des BR Fernsehens seine neue Biografie über die SPIDER MURPHY GANG

Mäckler muss sich als freier Autor, Dozent und Biograf jeden Tag neu seine Aufträge erkämpfen. Materielle Reichtümer häuft er dabei keine an. Im Juni stellte er eine neue Biografie über die SPIDER MURPHY GANG vor. Mäckler versteht sich als professioneller Autor, als Handwerker und als Dienstleister. Wer bei ihm eine Biografie bestellt, muss pro gedruckter Seite 50 bis 70 Euro hinblättern. Bei einem Buch von 100 bis 200 Seiten macht das im Schnitt 10.000 Euro.

"Die Menschen, die das in Auftrag geben, sind vollkommen unterschiedlich. Es gibt Menschen, die beispielsweise Verkäuferin waren oder ich habe die Biografie von einer Hebamme geschrieben, von einer Kunsthandwerkerin die Biografie. Also von Menschen, die 10.000 oder 20.000 Euro einfach gespart hatten – in der Regel sind es so um die 10.000 – und dafür eben ihr Buch für die Nachkommen haben möchten."

Andreas Mäckler

Landsberg am Lech: Unweit von hier kann man bei Andreas Mäckler seine Biografie bestellen

Diese Privatbiografien sind Mäckler eigentlich die liebsten. Denn die schreibt er für Kunden, die sich auf das fertige Buch freuen – und nicht unter Preisdruck für Verlage oder für einen anonymen Markt. Auch über seine eigene Familiengeschichte hat Mäckler geschrieben.

"Ich bin ein uneheliches Kind, und auf dem Sterbebett hat mein leiblicher Vater, den ich lebenslang nicht kannte, der hat auf dem Sterbebett einem seiner Söhne gesagt, dass er noch ein uneheliches Kind hat. Und dann haben die mit mir Kontakt aufgenommen, und wir haben uns dann zum ersten Mal beim Begräbnis meines leiblichen Vaters kennengelernt. Da war ich ungefähr um die 50. Die haben mir dann gesagt, dass mein Großvater, den ich natürlich auch nicht kannte, Justus Geiß, dass der auch eine Autobiografie hinterlassen hat und dass er in Bergzabern die Heilquellen hat bohren lassen in den 20er Jahren."

Andreas Mäckler

Mäckler bringt die Autobiografie seines Großvaters ins Reine und publiziert sie als Buch. Der Titel: "Wasser statt Öl?: Der Mann, der Bergzabern zum ‚Bad‘ gemacht hat". Das Werk ist vor mehr als zehn Jahren erschienen, doch nicht einmal 50 Exemplare davon wurden bis heute verkauft.

"Ich bin begeistert vom Schreiben, aber ich bin nicht begeistert vom Markt."

Berufsbiograf Andreas Mäckler

Seine Texte tippt Mäckler am Schreibtisch, und zwischen Tastatur und Bildschirm liegt noch etwas – besser jemand: Seine Katze hat hier ihren Lieblingsplatz.

"Ich finde das sehr schön. Es macht mir immer deutlich, wie wichtig oder wie unwichtig das ist, was ich eigentlich tue. Weil ich denke, die Katze, die lebt hier ohne meine Texte, das interessiert die gar nicht. Die möchte gestreichelt werden, die gibt mir aber auch Wärme, Geborgenheit oder Gemütlichkeit."

Andreas Mäckler

Berufsbiograf Andreas Mäckler mit Katze an seinem Schreibtisch

Vor allem nimmt die Katze Stress weg, wenn es nicht so läuft: Sie relativiert die Verkaufserwartungen von Verlagen oder die Ergebnisse des Verkaufsrankings bei Amazon. Und sie kann sogar mitfühlen, wenn der Autor mal die Distanz zu seinem Stoff verliert, wie neulich, als er anfing zu weinen – gerührt von dem Leben, das er gerade beschrieb.

"Wenn eine Frau zum Beispiel erzählt, wie sie die letzten Minuten mit ihrem sterbenden Mann verbracht hat. Dass sie dann da zu ihm ins Bett gekrochen ist und ihn umarmt hat – ja, das berührt mich immer noch, ihn umarmt hat und gesagt hat: Wir waren jetzt 70 Jahre zusammen!
Das ist eine Geschichte, sie war 5 Jahre und er war 14 Jahre, da haben die sich kennengelernt, er hat ihr dann einen Ring geschenkt. Und dann sind die ein Liebespaar und ein Ehepaar geworden, und die haben viele tiefe und schwierige Phasen im Leben dann auch gehabt. Und dann diese Todesszene, die hat sie mir eben erzählt, und ich habe sie dann aber auch so geschrieben, dass sie dann auch nochmal emotional pointierter wurde."

Andreas Mäckler

Das Geheimnis des Tagebuchs

Geheimes und Intimes: ein Tagebuch

Geheimnisse und Intimes vertrauen die Menschen noch am ehesten ihrem besten Freund an – oder eben ihrem Tagebuch. Mehr Nähe, als das Selbsterlebte ins Papier zu flüstern, geht nicht. Der Berliner Theodor Schmidt sammelt alte Tagebücher. Öffentlich liest er daraus vor und bewahrt so gelebtes Leben vor dem Vergessen. Einige Tagebücher hat er sogar auf CD gelesen, wie das Tagebuch des Swing-Tänzers Bruno W. aus den Jahren 1937 bis 1939:

"Um halb sieben räumen die Ober erbarmungslos alles ab, und ich fahre mit Gattin nachhause, habe die Liebeskellerschlüssel, und um acht gehen wir in den Keller. Nach so ein bisschen Knutschen und so – das Andere geschieht auch wieder, ich will es aber von heute an bestimmt nicht mehr tun – schlafe ich ein. Sie auch. Das Aufstehen fällt verdammt schwer. Und so rappeln wir uns um halb zwölf glücklich auf, und ich bring sie zur U-Bahn. Ich kann nur sagen: Der Tag ist 100-prozentig gelungen!"

Aus dem Tagebuch des Swing-Tänzers Bruno W.

Arkibisch recherchiert Schmidt jenen nach, die Gelebtes dem Papier anvertrauten. Die Tagebücher findet Theodor Schmidt etwa bei Wohnungsauflösungen und auf Flohmärkten.

"Meine Sammlung, wie würde man heute in der Moderne sagen? Sie atmet. Also sie wird mal größer und mal kleiner. Ich habe als reiner Sammler angefangen, dann ist sie natürlich immer größer geworden. Inzwischen verdiene ich auch Geld damit, dass ich mit solchen alten Schriften handle, //weil ich auch gemerkt habe, dass ich ja gar nicht die Lebenszeit habe, jedem Tagebuch, das ich in meiner Sammlung habe, die nötige Aufmerksamkeit und Zeit zu schenken."

Theodor Schmidt

Tagebuchsammler Theodor Schmidt auf seiner Internetseite www.vergangenheiter.de | Bild: Maria Schmidt (http://marysmith.de)

In Theodor Schmidts Blog finden Tagebuchbegeisterte Spannendes: www.vergangenheiter.de

400 handgeschriebene Bücher hat seine Sammlung mal umfasst, jetzt sind es noch 200. In seinem Blog vergangenheiter.de verkauft er die Hör-CDs mit den alten Tagebuchtexten oder er verlinkt zu einzelnen Original-Handschriften, die er im Internet versteigert. Er sammelt seit 15 Jahren.  

"Mein erstes Tagebuch war gleich ein Knaller, das war ein alter Kalender von 1940, geschrieben von einem arbeitslosen Pazifisten, der in einer Nacktkolonie im Grunewald den Sommer verbracht hat."

Theodor Schmidt

"Dienstag, 10. Dezember
Unrasiert gehe ich einkaufen. Bei Liekes wird mein Auge blind durch eine schöne Mutter, ein Kind ruft Aua, als ich es an dem Pudel fasse. Auffällig!
Sonntag, 15. Dezember
Heute erster Frosttag. Seit dem Frühjahr bin ich zum ersten Mal wieder in der Gedächtniskirche. Den Sommer und Herbst habe ich verloren durch Gottferne. Anschließend am herrlich verschneiten Grab. Die hat Frieden und alles hinter sich. Radiomusik bei Spandels. Fliegernacht."

Aus dem Tagebuch von 1940 (gerafft)

"Das war so eine neue Welt für mich, die sich da aufgetan hat, dass ich da so fasziniert war, dass man sozusagen Geschichte ganz unmittelbar aus solchen Erzählungen erfahren konnte, die man nicht unbedingt in der Schule lernt, so dass ich ganz Feuer und Flamme war."

Theodor Schmidt

"Man vertrödelt sein Leben, wenn man sich in Berlin der Lust hingibt. Ich paddele mit dem Boot Lilona auf dem Motzener See. Nackt ½ Stunde am See. Frau Mauerhof kracht mit den weichen Köpkes wegen zwei französischer Gefangener. Erdbeerpflege bei warmen Ostwind."

Aus dem Tagebuch von 1940

Erlebtes im Telegrammstil, sieben Zeilen pro Tag: Tagebücher sind unmittelbare Erinnerungsaggregate, ungefiltert, unstrukturiert – anders als Autobiografien. Und doch haben sie Literarisches, das die Zeit überdauert. Oft sind sie authentischer als Social-Media-Posts von heute: Wer Erlebtes auf Facebook ins Internet stellt, will andere beeindrucken, ihnen vielleicht auch etwas vorspiegeln. Echte Geheimnisse werden nicht geteilt und gehören nicht auf Facebook. Auch wenn der Konzern die gepostete Erinnerung seiner Kunden gut konserviert und ihnen standardmäßig etwa weismacht: "Hallo, es ist schön, Erinnerungen wach zu halten. Du hast vor 2 Jahren diesen Beitrag geteilt. Teile Erinnerungen jetzt."

Last but not least: Das Tagebuch der Martha Last

Tagebücher bewahren Geheimnisse über Jahrzehnte. Ungeteilt. Auch Familiengeheimnisse. Die 14-jährige Wienerin Martha Last notiert zu Weihnachten 1882 in ihr Tagebuch:

"Ich stehe mit meinen Geschwistern erwartungsvoll bange vor den nur angelehnten Thürflügeln, durch deren Spalten Lichterglanz, süßer Tannenduft und wunderbar rauschende feierliche Melodien dringen. Auf allen Gesichtern spiegelt sich die festliche Spannung; alle warten still horchend bis die Musik langsam verklungen und die Glocke hell ertönt. Da fliegt die Thür auf. Wir stehen plötzlich vor dem großen lichtüberfloßenen schöngeschmückten Tannenbaum und schauen schüchtern, geblendet zu ihm auf; alles ist still und regungslos. Dann werden wir endlich belebter; treten leise bewundernd näher und betrachten den wunderhübschen Christbaum-Schmuck, den die Brüder diesmal schöner und glänzender gemacht hatten."

Aus dem Tagebuch der Martha Last, Weihnachten 1882

"Das ist eine der bewegendsten Geschichten, die ich gelesen habe."

Theodor Schmidt

Theodor Schmidt blättert in einem der in Leder gebundenen Tagebücher, Goldschnitt, der Titel in Gold geprägt. Es bleibt nicht beim beschriebenen Kindheits-Idyll. Die Familie zerbricht, die Brüder werden sie hassen, und in den Tagebüchern lässt sich verfolgen, wie Martha Last in ihrem Leben scheitert:

"Das ist die Tochter von Albert Last, das war ein Leihbibliothekar in Wien. Diese Leihbibliothek war damals ein Treffpunkt des kulturellen Lebens. Sigmund Freud und verschiedene Größen der Zeit haben sich da getroffen und haben diskutiert in den Lesesälen. Das war die größte Leihbibliothek Europas damals, und das war also die Tochter. Irgendwann sterben die Eltern beide in kurzer Zeit, und die Brüder bestehen darauf, dass die Schwestern eine Verzichtserklärung auf das Erbe unterzeichnen. Alle Schwestern machen das, nur diese Martha nicht. Und dann wird sie von der Familie verstoßen. Ja, und diese Lebensbeschreibung endet damit, dass sie eigentlich Selbstmordgedanken äußert. Und dann hört diese Beschreibung auf. Und das ist jetzt übrig: Diese wunderschönen, ästhetischen Bände, die so golden glänzen."

Theodor Schmidt

Warum schreiben Menschen ihr Leben auf? Weil sie wollen, dass etwas bleibt von ihrem Leben. Sie schreiben für ihre Familie, sie schreiben, um Alpträume zu überwinden, um die Welt zu verbessern.

Sie wollen sich vergewissern, dass sie waren, dass sie sind, dass sie sein werden. Die wenigsten, die ihr Leben aufschreiben, tun es, um Geld zu verdienen. Aber ihre Erinnerungen und Gedanken in Biografien und Tagebüchern haben eines gemeinsam: sie sind es wert, bewahrt zu werden.


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Barbara, Sonntag, 22.Oktober, 15:44 Uhr

2. Wer etwas aufschreiben will, der muß erst einmal schreiben lernen!

Es gibt Leute, die meinen, daß Schreiben, Lesen und Rechnen gar nicht zur "Bildung" gehört. Ich frage mich, auf welcher Schule diese Leute gewesen sind.

Gudrun, Freitag, 20.Oktober, 19:56 Uhr

1. Biographisches Schreiben

Toller Beitrag, lebendig, facettenreich ansprechend, macht Lust aufs selber Schreiben oder auch mal wieder lesend Eintauchen in ein fremdes Leben