Bayern 2 - Zeit für Bayern


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Bayern genießen Kraft - Bayern genießen im März

Was wär ein Fasching ohne kräftige Nahrung? Traditionell werden jetzt die Speiskammern geräumt, damit die Verlockungen während der kommenden Fastenzeit nicht allzu groß sind. Also muss weg, was nach Kraft und Kalorien ausschaut.

Von: Gerald Huber

Stand: 02.03.2014 | Archiv

Wir wollen in unserer Bayern-genießen-Sendung aber nicht bloß über Kiachl und Co. reden, sondern uns um alles Mögliche kümmern, was auch außerhalb des Faschings Kraft gibt oder zumindest damit zu tun hat.

Das sind die Themen aus den Regionen in Bayern genießen

- Die Kuttel-Maß. Schwäbisches Fastnachtsvergnügen
- Das Kletter-Cafe. Nürnberger Saalakrobaten
- Die Wasserkraft. Sehenswürdigkeiten in der „eisernen“ Oberpfalz
- Der Grünkern. Fränkisches Kraftkorn
- Das Bauern-Mues. Oberbayerische Kraftnahrungsmittel
- Der Steyrer Hans. Münchner Kraftburschen

Schwaben - Kräftigung mit Kuttelmaß

Die bayerischen Schwaben haben neben dem ruaßigen Freitag gerade den schmalzigen Samstag und den schmutzigen Donnerstag hinter sich. Wobei schmutzig oder schmotzig soviel bedeutet wie fett. Schließlich wird der Körper mit den heftigsten Kalorienbomben fertig, wenn man ihn nur ausdauernd genug bewegt.

Und die Bewegung gehört ja ebenfalls unbedingt zum Fasching dazu, weswegen der Schmutzige Donnerstag oft auch einmal gumpiger, also hupfender Donnerstag heißt.Zum Beispiel in Weißenhorn, ganz im Westen Bayerns, bei Neu-Ulm. Dort ist gibt’s eine spezielle Faschings-Kultnahrung – die Kuttelmaß. ein Maßkrug ist das, gefüllt mit Kuttelflecksuppe. Anfänger müssen da zum Löffel greifen, wo wahre Profis zum direkten Schlucken auf Ex ansetzen.

Rezept für die saure Kutteln:

Saure Kutteln

  •  hellbraune Mehlschwitze machen
  • mit Gemüsebrühe ablöschen
  • gekochte / geschnittene Kutteln dazugeben
  • Abschmecken mit Gewürzen (Salz, Pfeffer, Lorbeerblatt, Essig)
  • 15 Minuten köcheln lassen

Mittel- und Oberfranken - Das Klettercafe

Hier bouldert einer - im Cafe Kraft geht das auch

Früher einmal war das Klettern was für kräftige Kerle, die in der steilen Nordwand hingen, während in den Cafes unten im Ort schwache Frauen mit Ferngläsern ihre Helden im Berg beobachteten. Heutzutag, da junge Leut oft genug nicht mehr wissen, wohin mit ihrer Kraft, heutzutag ist nicht alles anders, aber das schon. Schließlich gehen auch Kerle ins Kaffeehaus und nicht zuletzt hängen sich längst auch Frauen in die Kletterwand.

In manchen bayerischen Städten kann man das mittlerweile nicht nur überhaupt unter einem, sondern tatsächlich unter einem Dach machen: Kaffeetrinken und Klettern. Zum Beispiel im Cafe Kraft in Nürnberg. Das Cafe Kraft ist Deutschlands größte Boulderhalle. Das Modesport-Wort Boulder stammt aus dem Englischen und bedeutet „Felsblock“. Gemeint ist Klettern ohne Seil und Klettergurt an künstlichen Felsen und auf Absprunghöhe.

Niederbayern und Oberpfalz - Die Wasserkraft

Wär doch gelacht, wenn Marmelade keine Kraft gäbe. Den Spruch hab ich als Kind oft gehört, wenn ein Erwachsener meinen stolz angespannten Bizeps befühlte und nicht zugeben wollte, dass er mit der dargebotenen Kraftleistung nicht ganz zufrieden war. Schließlich gehörte Marmelade nicht unbedingt zu den Kraftnahrungen, andererseits war man der Ansicht, dass Kinder aber kräftige Kost brauchen, um ihre Kräfte zu entwickeln. Mit feiner, nuancenreicher Nahrung hat man sich damals noch kaum abgegeben, man wollte nur essen, was „herhielt“, weswegen man Kohlenhydrate allenfalls als Schlucker für Fette und Eiweiße – etwa in Knödelform verspeist hat. Und man wär nie auf die Idee gekommen, seine Kräfte sinnlos in einer Kletterhalle zu vergeuden. Schließlich musste man damit haushalten – und man hat schon aus Selbsterhaltungsgründen alles darangesetzt, die eigene Körperkraft zu sparen.

So ist die Menschheit schon früh draufgekommen, dass die Kraft des Wassers die eigene Körperkraft in vielerlei Hinsicht trefflich ersetzen kann. Das Wassermühlenland Bayerns ist die Oberpfalz. Die Wasserkraft hat vor allem die Gegend um Amberg und Sulzbach zum, wenn man so will, Ruhrgebiet des Mittelalters gemacht. Im Bergbau- und Industriemuseum in Theuern und im Freilandmuseum Neusath-Perschen kann man genussreich auf den Spuren dieser großen Wasserkraftgeschichte wandern.

„Zum Eß'n mou alles zamkumma“ heißt übrigens das Jahresmotto heuer im Oberpfälzer Freilandmuseum. Es soll ausdrücken, dass es viele Dinge braucht, um das Essen zum Genuss zu machen.

Justus von Liebig

Der Chemiker Justus von Liebig hat 1852 in München den nach ihm benannten Fleischextrakt erfunden. Gedacht war er zunächst als Kraftnahrung für Schwache und Kranke und wurde zunächst nur in ein paar Münchner Apotheken verkauft. Erst als zehn Jahre später in Uruguay mit Liebigs Erlaubnis angefangen wurde aus kostengünstigem südamerikanischem Rindfleisch im großen Maßstab Fleischextrakt zu gewinnen, war Liebig buchstäblich weltweit in aller Munde. Jetzt konnten sich auch weniger Betuchte regelmäßig Kraftbrühe leisten. Zuvor war man auf andere Arten von Kraftspendern angewiesen.

Grünkern - Kraftnahrung aus Unterfranken

Gschmackige Grünkernbratlinge!

Im Landkreis Miltenberg ist der fränkische Grünkern zuhause. Eine Spezialität, die hier schon seit Jahrhunderten bestens das Fleisch ersetzt. Ob Festtagssuppe, Grünkernbraten oder Grünkernwaffeln – in Unterfranken gibt’s jede Menge Grünkern-Spezialitäten.

Oberbayern - Das Holzknechtmues

Hier haben Schweizer Enthusiasten das größte Bircher-Müsli der Welt gekocht...

Essen Schweizer Mäuse? Auf die Idee könnt man kommen, wenn man im Supermarkt „Echt Schweizer Müsli“ findet. „Müsli“ ist im Schwyzerdütschen nämlich die Verkleinerungsform von „Maus“, schwyzerdütsch „Mus“. Nein – selbstverständlich essen die Schweizer niemals Müsli, kleine Mäuse, sondern immer nur ein kleines Mues, also ein Muesli oder Müesli. Auch in Bayern gibt es selbstverständlich ein Mues, nur dass die Verkleinerungsform hier eben Mueserl heißt.

Das Mues aus Mais, Hirse, Hafer oder anderen Getreidesorten war spätestens seit dem Mittelalter das Hauptnahrungsmittel überall auf dem Land.

Eine Kraftnahrung für diejenigen, die von ihrer Hände Arbeit leben mussten und für die es eben nicht jeden Tag ein Schweinerns mit Knödeln gelitten hat. Noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war das Mues sowas wie das tägliche Brot der Holzknechte in den oberbayerischen Bergwäldern. Die hatten nämlich Schwerstarbeit zu leisten. Ihr Energieumsatz hat dem von Spitzensportlern entsprochen. Das Muas war ein Kraftfutter, bei dem zeitgenössischen Ernährungsberatern die Haare zu Berge stehen würden. Heute brauchts keiner mehr, aber im Holzknechtmuseum in der Laubau bei Ruhpolding zeigt der 86jährige Holzknecht i.R Hans Soyer immer wieder mal her, wie es geht, das Muasen.

Das Mues, auch Sterz genannt, war im gesamten Alpenraum weit verbreitet – die norditalienische Polenta ist so ein Sterz aus Mais. Bei uns ist die Vielfalt von Muesen und Sterzen nahezu ausgestorben. Es lohnt sich aber, diese einfachen bayerischen Köstlichkeiten wiederzubeleben.

Münchner Kraftburschen

Ein Mannsbild, das seinesgleichen gesucht hat

Rankeln, Fingerhakeln, Steinheben – die Bayern sind ein traditionsreiches Kraftssportvolk. Das Urbild althergebrachter bayerischer Kraftmeierei ist der Wittelsbacher Herzog Christoph der Starke. Er gefiel sich als gefürchteter Turnierritter, Kreuzfahrer und, heute würde man sagen, Kraftsportler.

Grabstein für den Bayerischen Herkules, Hans Steyrer

In der Münchner Residenz hat er bei einem frühen Kraftsport-Wettbewerb im Jahr 1490 bewiesen, dass er im Hochsprung einen Nagel „12 Schuh von der Erd“, das sind immerhin rund dreieinhalb Meter, mit dem Fuß von der Wand herunterschlagen konnte. Der Nagel ist heute noch dort zu sehen. Dazu ein eingemauerter 364 Pfund schwerer Stein, den der starke Herzog neun Schritt weit geworfen haben soll. Es hat Jahrhunderte gedauert, bis ein anderer Bayer den Herzog an Kraft übertreffen konnte. Der Brocken vom Steyrer Hans, dem legendären Münchner Wirt Ende des 19. Jahrhundertss, war mit seinen 508 Pfund doch noch ein bissl größer... Noch heute messen sich alljährlich zahlreiche gstandene Bayern an diese gut fünf Zentnern. Die anstehende Starkbierzeit ist übrigens die Hochzeit der bayerischen Kraftmenschen. Bereits jetzt trainieren sie ganz eifrig auf das traditionelle Steinheben bei Starkbierfest im Münchner Löwenbräukeller ...

Nicht erst der Erwin Pelzig – auch schon Friedrich Schiller hat gewusst, dass, wo rohe Kräfte sinnlos walten, sich kein Gebild gestalten lässt. Will heißen Muskelschmalz ist nur so gut wie das Hirnschmalz, das es lenkt. Das war bei Christoph dem Starken schon so und natürlich beim Steyrer Hans, der aus seiner legendären Kraft auch kräftig Kapital zu schlagen wusste.

Ein Werbespruch vom Steyrer Hans

"Wer no net beim Kraftbier war,
hat koa Kraft des ganze Jahr,
Drum Athleten geht´s zu mir,'
trinkts von diesem Wunderbier."

Schmiede Krumpholz | Bild: BR zum Artikel Glühende Leidenschaft Werkzeug aus dem Frankenwald

Sich als kleine Schmiede auf dem globalen Markt zu behaupten, ist nicht einfach. Die Familie Krumpholz hat es geschafft. Bereits in der achten Generation ist sie mit ihren Produkten erfolgreich - mit vereinten Kräften! [mehr]

Schließlich bedeutet das Wort „Kraft“ ursprünglich soviel wie „Kunstfertigkeit“, „List“. Das englische Wort „crafty“ bedeutet „schlau“ und „craftmansship“ heißt „Handwerkskunst“. Mögen also die Bayern schon immer ein kräftiges Volk gewesen sein – man tut nicht gut daran, ihre Intelligenz zu unterschätzen. Kräftig übrigens geht es auch in Bayern genießen bei unseren Kollegen vom Fernsehen weiter. Thema ist die Kraft-Schmiede Krumpholz, der traditionsreiche „Guttenberger Hammer“ in der Nähe von Kulmbach.


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