Bayern 2 - radioWissen


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Deutungen eines Mythos

Von: Simon Demmelhuber / Sendung: Brigitte Kohn

Stand: 02.09.2015 | Archiv

ReligionMS, RS, Gy

Warum wir alle einen Migrationshintergrund haben? Weil wir alle aus dem Paradies vertrieben sind. Die ganze Menschheit. Seit Adam und Eva. Damals fing es an mit Leid, Jammer, Not und Tod. Sagen zumindest die Bibel und der Koran.

Ein Mann, eine Frau. Beide nackt. Zwischen ihnen ein Baum, um dessen Stamm sich eine Schlange windet. Das Maul der Schlange ist offen, Giftzähne und Spaltzunge sind deutlich zu sehen. Die Schlange ist näher beim Mann als bei der Frau, sie wendet ihren Kopf der Frau zu. Die Frau reicht dem Mann einen Apfel, der Mann nimmt den Apfel und isst.

Adam- und Eva: Das transkulturelle Sündenfalllogo

Mehr braucht es nicht, um eine der rätselhaftesten, berühmtesten und folgenschwersten Geschichten aller Zeiten wachzurufen. Baum, Schlange, Apfel, nacktes Paar? Alles klar: Adam und Eva, der Frevel am Baum der Erkenntnis, die Vertreibung aus dem Paradies. Seit zweitausend Jahren wird die Geschichte der Stammeltern und ihres Sündenfalls immer wieder gemalt, gestaltet, dargestellt, durchdacht, neu erzählt und umgeformt. Ihre inhaltlichen Konturen und Motivelemente sind auch heute noch über Länder-, Religions- und Kulturgrenzen hinaus sofort identifizierbar. Das macht sie global und universell werbetauglich. Mit diesem Wiedererkennungswert lassen sich Fruchtsäfte und Softpornos genauso wie Reiseziele, Partnerbörsen und Beziehungsratgeber bestens vermarkten. Einfach mal googeln, nach "Adam", "Eva" und "Werbung" suchen - nichts könnte den aktuellen Bekanntheitsgrad und die Ausbeutbarkeit eines uralten Motivs deutlicher zeigen.

Die Menschheit - Ein Sünden- und Migrationskollektiv

Auf Anhieb erkennbar sollte die Geschichte zumindest auch für jene 54 Prozent der Menschheit sein, die derzeit einer der drei Abrahamsreligionen angehören: Judentum, Christentum und Islam wurzeln in einer gemeinsamen Ursprungserzählung. Alle drei teilen die Gewissheit eines von Gott aus Lehm geschaffenen Stammvaters und der aus seiner Rippe gefertigten Stammmutter. Alle drei kennen ein von Gott geschaffenes Paradies als verlorenen Wohngarten der ersten Menschen, alle drei das von den Stammeltern gebrochene Verbot vom Baum der Erkenntnis zu essen, alle drei auch die Strafe der Vertreibung und Verfluchung. Und alle drei schließlich leiten die wimmelnde Vielköpfigkeit der Menschenfamilie von zwei Stammeltern her, die sich nicht nur der von Gott befohlenen Feldarbeit, sondern auch dem Fruchtbarkeits- und Vermehrungsgebot in Demut unterwerfen.

Jeder sündigt für sich und keiner für alle

Doch damit enden die Gemeinsamkeiten. Denn die Natur, die Schwere und vor allem die Folgen dieses ersten Sündenfalls bewerten alle drei Religionen höchst unterschiedlich. Zwar führt auch im Judentum und im Islam das Essen vom Baum der Erkenntnis zur Vertreibung aus dem Paradies, doch das war´s dann auch. Gott verzeiht seinen Geschöpfen. Sie müssen forthin auf dem Acker schuften, unter Schmerzen gebären, werden krank, alt und sterben. Sofern sie jedoch ein frommes Leben führen, die Gebote Gottes achten und fest im Glauben bleiben, sofern sie Buße und Reue üben, dürfen auch die Gestrauchelten und Gefallenen auf die Vergebung ihrer Sünden vertrauen: Der Himmel, das Paradies, die Nähe Gottes ist niemandem allein schon deshalb verschlossen, weil er Nachkomme Adams und Evas ist.

O Felix culpa - glückliche Schuld!

Das Christentum sieht die Sache ganz anders. Bereits Paulus deutet einen tieferen Zusammenhang zwischen dem Geschehen im Paradies und dem Opfertod Jesu an. Er sucht eine Begründung für die Unausweichlichkeit, die Sinnhaftigkeit der Kreuzigung. Er will das Sterben und die Auferstehung Christi in ihrer theologischen Notwendigkeit begreifen. Paulus ist sicher, dass sowohl das Karfreitags- wie auch das Ostergeschehen einen tiefen, für die gesamte Menschheit bedeutsamen Zweck haben. Er findet ihn schließlich in der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen schlechthin: Christus musste sterben, weil der Mensch an sich sündig ist und sich von dieser Sünde nicht mehr selbst befreien kann. Die Sündhaftigkeit des Menschen ist ein Dauerzustand, ein Naturzustand, eine Störung der Schöpfungsordnung, etwas das ohne göttliches Heils- und Gnadenhandeln nicht aufzuheben ist. Da Gott selbst nicht der Ursprung dieser Sündhaftigkeit sein kann, muss die Ursache beim Menschen liegen. Damit ist für Paulus alles klar: Durch den Sündenfall im Paradies, durch die Schuld Adams und Evas büßen alle Menschen das unverdiente Gnadengeschenk der göttlichen Freundschaft ein. Sie sind alle derselben ererbten Sünde und Strafe schuldig: ewige Verdammnis, ewiges Getrenntsein von Gott. Doch schließlich erbarmt sich Gott seiner Geschöpfe. Um die gefallene Menschheit zu retten, schickt er seinen Sohn in die Welt. Als Jesus das Leiden und den Tod am Kreuz freiwillig auf sich nimmt, sühnt er die Schuld der Stammeltern, tilgt die Erbsünde und öffnet der Menschheit den Weg der Erlösung. Im ersten Korintherbrief bringt Paulus den Zusammenhang auf einen knappen Punkt: "Wie in Adam alle sterben, so werden auch in Christus alle lebendig gemacht werden."

Der große Coup des Kirchenvaters

Rund 400 Jahre später baut der Kirchenlehrer Augustinus die paulinischen Vorarbeiten zum zentralen Dogma des Christentums aus. Mit seiner Erbsündenlehre geht die ganz große theologische Rechnung auf: Altes und Neues Testament, Sündenfall und Erlösung sind fortan inhaltlich und strukturell untrennbar aufeinander bezogen. Und zwar so, dass das Christentum als Erfüllung und Vollendung des Alten Bundes, als Erbe und Überwinder des Judentums erscheint: Der alte Adam verliert das Paradies und die Gemeinschaft mit Gott, Christus, der neue Adam, renkt die heillos verfahrene Geschichte wieder ein und versöhnt uns für immer mit Gott. Von nun ist die Erzählung von Adam und Eva keine Geschichte mehr. Sie härtet zur Lehrmeinung aus, dient zur Begründung zunehmend patriarchalischer Strukturen und frauenfeindlicher Affekte. Eva ist schuld an allem. Schließlich machte sich der Teufel ja nicht an Adam heran, sondern an Eva. Und der schlaue Teufel weiß sehr gut, warum: Denn an Adam, so schreibt der Kirschenschriftsteller Tertullian im 2. Jahrhundert, hätte sich der Versucher die Giftzähne ausgebissen und nichts erreicht. Aber Eva, als Frau von schwächerer und weniger spiritueller Natur, lässt sich leicht verführen, geht dem Bösen auf den Leim und reißt gesamte Menschheit mit ins Verderben. Die Strafe Gottes folgt auf dem Fuß: Künftig sollen alle Evastöchter nicht nur unter Schmerzen gebären, sondern dem Manne untertan sein. Das braucht man Adam nicht zweimal zu sagen, diesen Aspekt des göttlichen Bannspruchs verfolgt er mit besonderer Neigung und Gewissenhaftigkeit. Um Evas besonders schwere Schuld abzubüßen, müssen die Frauen Jahrhunderte lang mit dem Segen Gottes in Kirche, Staat, Gesellschaft und Kultur kuschen.

Die Remythologisierung der Schöpfungsgeschichte

Nahezu zweitausend Jahre lang wurde diese erstaunliche Ursprungsgeschichte als historisch wahrer, buchstäblich korrekter Tatsachenbericht gelesen und zäh gegen jede symbolische Deutung verteidigt. Erst in neuerer Zeit begreifen auch christliche Theologen und Laien die Paradieserzählung und den Sündenfall mehrheitlich wieder als bildhafte, dem mythischen Sprechen verwandte Meditation über das Menschsein und die Beziehung des Menschen zu Gott, als Nachdenken über das Wesen des Bösen und die Möglichkeiten seiner Überwindung. In dieser Sichtweise gewinnt die alte Geschichte neue, packende Bedeutungen und Aspekte. Sie lässt sich beispielsweise verstehen als Parabel der grundsätzlichen sexuellen Spannung zwischen Mann und Frau, als Parabel der unstillbaren menschlichen Sehnsucht nach Sinn und Erkenntnis. Als Parabel der schmerzhaften Erfahrung, dass dieses Erkennen immer und notwendig auch Unterscheidung, Abspaltung, Auftrennung und Entfremdung bedeutet. Als Parabel der Fremdheit in einer nur gedeuteten, fragilen und bedrohten Schöpfung, aber auch als Parabel dafür, dass der Hochmut des Menschen schon einmal sein Paradies zerstörte und anscheinend keine Möglichkeit findet, eine Wiederholung dieser Sünde aus eigener Kraft zu vermeiden.


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