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Die Neuentdeckung der Antike im Sudan

Von: Volker Eklkofer / Klaus Uhrig

Stand: 31.01.2018 | Archiv

GeschichteMS, RS, Gy

Lange galt die Region des heutigen Sudans als kulturell völlig uninteressant. Ein Irrtum: Im sudanesischen Naga fördern deutsche Archäologen faszinierende, im Sand verborgene Zeugnisse einer hoch entwickelten Kultur zutage.

Frühe Hochkulturen - unser Blick geht nach Ägypten

In Ägypten, im Delta und im Tal des Nils, entstand eine der ersten Zivilisationen der Menschheit. Fast 3.000 Jahre lang gedieh hier dieselbe Sprache und Kultur. Hier entwickelte man die Hieroglyphenschrift, schuf ein Maß- und Gewichtssystem, besaß geometrische Kenntnisse und erreichte auf dem Gebiet der Heilkunde ein beachtliches Niveau. Man strebte nach dem Monumentalen in der Kunst, enorme Bauleistungen wurden vollbracht. Pharaonen herrschten als Götter auf Erden, ihre Pyramiden galten in der Antike als Weltwunder.

Alexander der Große bemächtigte sich 332 vor Christus des Nillandes. Später herrschten die Römer über Ägypten, die "Pharaonenerbin" Kleopatra wurde als femme fatale und Geliebte Caesars zur Legende. Es verwundert also nicht, dass sich Ägypten im Geschichtsbewusstsein des Abendlands einer Dauerpräsenz erfreut. Seit Jahrtausenden zieht es Maler, Schriftsteller, Reisende, Historiker und Archäologen in seinen Bann.

Doch wir sollten, wenn wir uns mit der Antike beschäftigen, nicht nur die Mittelmeerwelt im Auge haben. Es lohnt ein Abstecher weiter hinein nach Afrika, in das Gebiet des heutigen Sudans. Dass sich auch hier die Wiege einer Hochkultur befand, schien lange Zeit undenkbar. Gelehrte betrachteten das alte Nubien - also die Region zwischen dem ersten Nilkatarakt im Norden und Karthum im Süden - als verstaubten Hinterhof Ägyptens, seine Kunst als schlichten Abklatsch der Werke genialer Könner aus dem glamourösen Norden.

Ägypten und Nubien - Szenen einer Ehe

In Nubien, dessen Name sich vermutlich vom altägyptischen nub (= Gold) ableitet, setzte die zivilisatorische Evolution schon früh ein. Keramikfunde am 3. Nilkatarakt sind seit 10.000 vor Christus, also etliche Jahrhunderte vor vergleichbaren zivilisatorischen Entwicklungen in Ägypten belegt. Mit der Herausbildung eines zentralisierten Königreichs in Ägypten wurden die Kontakte zwischen den Bewohnern des Nillandes und ihren schwarzafrikanischen Nachbarn enger. Die Nubier versorgten Ägypten unter anderem mit Gold, Elfenbein, Ebenholz und Tierfellen.

Afrikanische Viehzüchter und Bauern siedelten sich um 2.500 vor Christus in Kerma oberhalb des dritten Katarakts an. Ein urbanes Zentrum entstand und wurde zur Hauptstadt eines souveränen Königreichs, das am einträglichen Handel mit Ägypten festhielt, aber auch bewaffnete Vorstöße in den Norden unternahm. Ägypten reagierte mit Strafaktionen und errichtete Festungen an der Grenze. Als die Pharaonen zur imperialen Expansion übergingen, wurde das Reich von Kerma um 1500 vor Christus annektiert. Die Kolonisatoren errichteten ein scharfes Regime und starteten die Ägyptisierung Nubiens. Einer freien Kulturausprägung war damit der Riegel vorgeschoben. Die Assimilierung von Teilen der Bevölkerung ging so weit, dass Archäologen heute Schwierigkeiten haben, nubische von ägyptischen Funden aus dieser Zeit zu unterscheiden.

Als die Besatzer um 1100 vor Christus wieder abzogen, formierte sich ein neuer nubischer Staat, der nilaufwärts, unweit des vierten Katarakts, in Napata sein Zentrum hatte. Damit zeichnete sich ein Grundmuster der nubisch-ägyptischen Beziehungen ab: Nubien blühte auf, wenn Ägypten schwächelte, und erlebte Phasen des Abschwungs, wenn Ägypten mächtig war.

Die Ägypter betrachteten Nubien als tiefste Provinz; seine Bewohner, heißt es auf einem Grenzstein aus der Zeit des Pharaos Sesostris III. (um 1850), seien "keine Leute, die Respekt verdienen". Und die Botschaft der in der Gruft des legendären Tutanchamun (um 1340) gefundenen Ledersohlen mit Nubierbildern ist unmissverständlich: Man durfte auf den Nachbarn herumtrampeln.

Herrschaft der "schwarzen Pharaonen"

Eben diese verachteten Anrainer nutzten den Kollaps des Neuen Reiches, um Ägypten zu erobern. Als 25. Herrscherdynastie saßen die Könige von Napata ein knappes Jahrhundert lang (750-656 vor Christus) auf dem Pharaonenthron. Die "schwarzen Royals" stellten sich ganz in die Tradition der Pharaonen, ließen sich in Pyramiden bestatten und entfalteten eine rege Bautätigkeit. Laut Ägyptischem Museum München gaben sie der "leblos erstarrten, schematisch gewordenen Kunst der Ägypter" neue Anregungen, indem etwa die Physiognomie der Schwarzafrikaner in Darstellungen Einzug hielt.

Mit dem Vordringen der Assyrer nach Ägypten endete die Regentschaft der schwarzen Pharaonen, die sich in ihr Kernland zurückzogen. Kaum hatten sich die Ägypter aus dem assyrischen Klammergriff befreit, sann ein neuer Pharao, Psammetich II., auf Rache. Mit einem Militärschlag setzte er in den 590er Jahren den Expansionsgelüsten des Reiches von Napata ein Ende. Im Zuge eines "Bildersturms" wurden nubische Herrscherdarstellungen beseitigt - nichts sollte an die einstige Dominanz der "Sandfresser" erinnern.

Mischen impossible? Das Reich von Meroe

Gegen 300 vor Christus, wenige Jahre bevor Alexander der Große Ägypten in seinen Besitz nahm, kamen in Napata vermutlich neue Kräfte an die Macht, die das weiter südlich gelegene Meroe zur Hauptstadt ihres Reiches wählten. Nun begann die deutlich ägyptische Prägung Nubiens zu schwinden. Die Meroiter orientierten sich zwar weiterhin am pharaonischen Vorbild, reagierten aber vermehrt auf afrikanische und griechisch-römische Impulse - es entstand eine faszinierende Mischkultur. Funde bezeugen, dass die Meroiter etwa in der Kunst und beim Tempelbau verschiedenste Anregungen von außen aufnahmen, souverän damit umgingen und etwas Eigenes, Unverwechselbares schufen.

Das Reich von Meroe positionierte sich als "Gelenk" zwischen den Völkern Afrikas und den Ländern des Mittelmeerraums. Es kontrollierte den Warenverkehr aus dem Süden und handelte mit Luxusgütern, Gold, Sklaven und tropischen Erzeugnissen. Auch als Eisenproduzenten machten sich die Meroiter einen Namen. Auf der internationalen Bühne trat Meroe selbstbewusst auf und konkurrierte mit den mittlerweile in Ägypten regierenden Ptolemäern. Meroes Streitkräfte kämpften mit den Römern um Unternubien, bevor man sich im Jahr 21 nach Christus auf eine friedliche Koexistenz einigte.

Nach einer Blütezeit im ersten Jahrhundert nach Christus verwischten sich die Spuren des meroitischen Königtums im vierten Jahrhundert. Mögliche Gründe für den Untergang des letzten nubischen Imperiums waren die Ausbreitung der Sahelzone oder selbst verschuldete Umweltprobleme durch intensive Eisenverarbeitung, verbunden mit Waldrodung. Auch der Ausdehnung des Reiches Aksum (Äthiopien) könnte Meroe zum Opfer gefallen sein.

Naga - ein Glücksfall für die Forschung

Jahrtausendelang verzichteten die Nubier auf eine eigene Schrift, bei Bedarf nutzten sie ägyptische Hieroglyphen. Ihr Interesse an schriftlichen Überlieferungen war scheinbar gering. Erst im zweiten Jahrhundert vor Christus entwickelten sie eine Schrift mit 23 Buchstaben - Sprachforscher können sie zwar seit 1908 lesen, haben aber bis heute Übersetzungsprobleme. Wenn wir uns Nubien also nicht nur via Fremdbeobachtung, das heißt durch Auswertung entsprechend parteiischer ägyptischer oder griechisch-römischer Quellen nähern wollen, sind archäologische Arbeiten im Sudan unabdingbar. Sie bringen Licht ins Dunkel der nubischen Geschichte.

Eines dieser Forschungsvorhaben stellt die Sendung vor: das Naga-Projekt. Die Grabungsstätte liegt mitten in der Wüste, etwa 170 Kilometer nordöstlich von Karthum, die Entfernung zum Nil beträgt 30 Kilometer. Naga war einst der südlichste Außenposten des Reichs von Meroe. Die Stadt diente, wie anzunehmen ist, als Warenumschlagplatz, die Könige nutzten sie als eine Art Pfalz und zeigten häufig Präsenz an der Peripherie ihres Machtbereichs.

Von einem Arbeitsplatz wie Naga träumt wohl jeder Archäologe. Als die Bewohner - vielleicht nach einem Erdbeben - um das Jahr 200 die Stadt verließen, verschwand sie im Sand. Trockener Boden verhinderte Verwitterung, Räuber ließen sich in der Wüste nicht blicken. Naga war unberührt, als Professor Dietrich Wildung, damals Direktor des Ägyptischen Museums Berlin, im Jahr 1995 eine Grabungslizenz erhielt.

Multikulti in der Wüste

Seither ist viel geschehen. Wildung und sein Team haben Keramiken ausgegraben, Skulpturen gefunden und Tempel freigelegt, die von Reichtum und Können zeugen - und es gibt noch Arbeit für Jahrzehnte.

Die Funde sind wichtige Belege für die Mischkultur der Meroiter und ermöglichen Einblicke in ihre Götterwelt. Der Amun (Wind- und Fruchtbarkeitsgott) geweihte Haupttempel wirkt mit seinen zwölf Widdersphinxenägyptisch, die kleine Kapelle der Hathor (Göttin der Liebe) zeigt griechisch-römische Formen. Der Löwentempel mit einer männlichen und einer weiblichen Seite verweist auf die starke Stellung der Frau in der meroitischen Gesellschaft, die wiederum auf typisch afrikanischen Sozialstrukturen basiert. Bisheriges Fazit: Ägyptische, griechisch-römische und afrikanische Elemente prägen Darstellungen und Motive und zeugen dennoch von einem eigenen, kosmopolitisch angehauchten Stil.

Die Existenz einer nubischen Hochkultur steht längst außer Zweifel, das Reich von Meroe war eine bedeutende Brücke zwischen Afrika und der Mittelmeerwelt. Doch welche Wirkung Meroe gerade auf die westlich und südlich anschließenden Regionen ausübte ist, so Professor Wildung, "angesichts des fast völligen Fehlens von Grabungen in diesen Bereichen offen". Wildung geht jedoch von einem starken Einfluss auf das Umfeld in Zentral- und Ostafrika aus. Die archäologischen Beweise müssen allerdings noch erbracht werden. Es gibt viel zu tun.


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