Bayern 2 - radioWissen


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Download-Service Einsatz im Unterricht

Stand: 02.05.2016 | Archiv

Vorarbeit

Lernziele: An die 11.000 Brauereien gibt es 1875 im neu gegründeten Deutschen Kaiserreich. Etwa die Hälfte davon stehen in Bayern. Das Brauwesen ist ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor des Königreichs und Lebensgrundlage zahlreicher Menschen in der Landwirtschaft, im Handwerk und anderen Gewerben. Auch der Staat profitiert von der wachsenden Bierproduktion. Deren Abgaben machen nahezu ein Drittel des gesamten Steueraufkommens ausmachen.
Vor allem die Jahre nach der Reichsgründung bescheren den Brauereien eine gewaltige Absatzsteigerung: Wurden 1850 in den Gebieten des Deutschen Bundes rund 14,5 Millionen Hektoliter Bier konsumiert, sind es 1870 schon 23,6 Millionen Hektoliter und 1890 sogar 49,3 Millionen Hektoliter.
Die steigende Nachfrage stößt an natürliche Expansionsgrenzen: Die Herstellung der in Bayern und zunehmend auch im Reich immer beliebteren untergärigen Biersorten erfordern tiefe Temperaturen und eine präzise regulierte Kühlung des Gärvorgangs. Dasselbe gilt für die Lagerung und den Transport des Biers.
Als Kältelieferant kommt dabei bis ins letzte Drittel des 19. Jahrhunderts nur Natureis in Frage. Es wird in Blöcken aus gefrorenen Gewässern geschnitten oder auf mit Wasser überrieselten Holzgestellen, so genannten "Eisgalgen", in Zapfenform gezüchtet und in tiefen Kellern eingelagert. Der Eisbedarf ist immens und wächst stetig. Vor allem in warmen Wintern kommt es daher zu regelrechten Eisengpässen, die das Geschäft der Brauereibesitzer ernsthaft bedrohen und extreme Kosten durch überhöhte Eispreise verursachen. Eine weitere Schwachstelle der Natureiskühlung sind hygienische Risiken durch Keimbelastungen und andere Verunreinigungen der Gärbottiche.
Die entscheidende Wende bringt die von Carl Linde entwickelte und 1877 reichsweit patentierte Kältemaschine. Sie ermöglicht:

  • eine ganzjährige Brausaison (untergärige Biere durften zuvor nur während der Wintermonate gebraut werden);
  • die Verbesserung der hygienischen Bedingungen;
  • die Senkung der Verderbquote;
  • eine bessere Nutzung der Betriebsflächen (die für das eingelagerte Eis gebrauchten Keller können für die Fasslagerung genutzt werden);
  • einen verbesserten Warentransport
  • insgesamt eine deutliche Mengen- und Qualitätssteigerung der Bierproduktion.


Angesichts dieser Vorteile setzt sich die Kältemaschinentechnologie trotz hoher Anfangsinvestitionen und anfänglicher Kaufzurückhaltung rasch durch. Neben den Brauereien, die Lindes Kältemaschinen als erste im großen Stil einsetzen, zählen bald auch weitere kältebedürftige Industrien und Gewerbe zu den Abnehmern. Die neue Technologie begründet den Aufstieg Deutschlands zum führenden Kältemaschinenbauer Europas. Noch vor der Jahrhundertwende sind Lindes Kältemaschinen in der Fleischverarbeitung, im Transportwesen (Eisenbahnwaggons und Kühlschiffe), in der chemischen Industrie, aber auch bei Apothekern, Patisserieherstellern, in der Gastronomie oder im Freizeitsektor (Kunsteisbahnen) im Einsatz.
Die Radiosendung zeichnet die durch Carl Linde begründete Kälteindustrie und ihre Bedeutung für die Industrialisierung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert nach. Die Schülerinnen und Schüler

  • begreifen die wirtschaftliche Bedeutung des Brauwesens für Bayern und Deutschland;
  • werden mit den Problemen und Bedürfnissen dieses entscheidenden Wirtschaftsfaktors vertraut;
  • verstehen die Abhängigkeit der Brauer und anderer Fabrikanten von wirtschaftlichen und zuverlässigen Kühlmöglichkeiten;
  • lernen vorindustrielle und traditionelle Kühlverfahren kennen;
  • werden mit der Biografie und Persönlichkeit Carl Lindes vertraut;
  • erfassen die Bedeutung seiner wissenschaftlichen, konstruktiven und unternehmerischen Bedeutung;
  • vertiefen ihr Wissen über die Zusammenhänge von innovativer Technologie und wirtschaftlichen Möglichkeiten.

Einsatz im Unterricht

Hinführung zum Thema: Als Einstieg in die Stunde kann die Lehrkraft die Schülerinnen und Schüler nach Beispielen für die Bedeutung und den Einsatz verschiedener Kühltechnologien fragen: "Wie würde eine Welt ohne Kühl- und Gefrierschränke aussehen? Was wäre, wenn wir weder Lebensmittel noch Medikamente durch Kühlung vor dem Verderben schützen könnten?".
Nachdem die Klasse sich über die Tragweite dieser Alltagstechnologie klar geworden ist, kann die Lehrkraft technik- und kulturgeschichtliche Aspekt ansprechen: "Seit wann gibt es eigentlich Kühlschränke? Wie funktionieren sie? Wer hat das Prinzip erfunden? Wie haben sich die Menschen vorher beholfen"?
Nachdem die Wortmeldungen gesammelt sind, leitet die Lehrkraft auf die Radiosendung über: "Die Geschichte des Kältekönigs und seiner Erfindungen erzählt uns ein Radiobeitrag, den wir uns jetzt gemeinsam anhören."

Nacharbeit

Nachbearbeitung: Die Arbeitsblätter und Arbeitsaufträge dienen der umfassenden oder selektiven Festigung des im Radiobeitrag vermittelten Wissens und der Vertiefung aufgeworfener Fragen im Unterrichtsgespräch. Sie können entweder in Einzelarbeit, von Arbeitsgruppen oder im Klassenverband beantwortet oder als Hausaufgabe aufgetragen werden. Die Ergebnisse werden im Plenum ergänzt und korrigiert. Die Sendungsausschnitte können zur Motivation und thematischen Strukturierung des Unterrichtsgesprächs oder als Unterstützung für das Ausfüllen der Arbeitsblätter eingesetzt werden. Das Glossar erläutert zentrale Begriffe des Beitrags.
Arbeitsblatt 1: "Carl Linde: Ingenieur, Erfinder, Lehrer, Industriepionier und Gründer eines Weltkonzerns". Das Arbeitsblatt verankert wichtige Sachinformationen zur Biografie und Bedeutung Carl Lindes. Hilfestellungen bei der Bearbeitung und ergänzende Informationen bietet Audio-Ausschnitt 1: "Begeistert von Turbinen und Dampfmaschinen".
Arbeitsblatt 2: "Lindes Eismaschinen: Der Kältekönig und die Bierbarone". Die Schülerinnen und Schüler halten die Bedeutung der Kältetechnik für das in Deutschland und vor allem in Bayern so wichtige Braugewerbe fest. Sie lernen, dass Lindes Technologie die traditionelle Kühlung mit Natureis ablöst und erst dadurch die industrielle Bierproduktion und den wirtschaftlichen Bierexport im großen Umfang ermöglicht. Hilfestellungen bei der Bearbeitung und ergänzende Informationen bietet Audio-Ausschnitt 2: "Der Kältekönig und die Bierbarone".
Arbeitsblatt 3: "Verflüssigte und zerlegte Luft: Linde produziert Edelgase für die Industrie". Das Arbeitsblatt konzentriert sich auf Lindes Leistungen im Bereich der Tieftemperaturtechnik und der Herstellung technischer Gase. Die Schülerinnen und Schüler halten fest, dass Linde in seiner Forschungsabteilung ab 1890 mit der Luftverflüssigung und Luftzerlegung neuartige Verfahren entwickelt, die der chemischen Industrie sowie den Stahlproduzenten und dem metallverarbeitenden Gewerbe nützen. Hilfestellung bei der Bearbeitung und ergänzende Informationen bietet Audio-Ausschnitt 3: "Luftverflüssigung und Luftzerlegung".

Lehrplanbezug

Lehrplan für die bayerische Mittelschule
6. Jahrgangsstufe
Arbeit-Wirtschaft-Technik, 6.3 Mensch und Technik im Arbeitsprozess. 6.3.1 Bedeutung der Technik im Arbeits- und Herstellungsprozess; Aufgaben und Zweck technischer Geräte und Verfahren im Arbeits- und Herstellungsprozess. 6.3.2 Technischer Wandel: Wandel technischer Geräte und Arbeitsprozesse; epochemachende Maschinen, z. B. Dampfmaschine, Elektromotor; Erkundung in einem Museum, z. B. Technik-, Heimat-, Bauernhausmuseum
7. Jahrgangsstufe
Arbeit-Wirtschaft-Technik, 7.4 Arbeit und Technik im privaten Haushalt.7.4.1 Technikanwendung bei der Produktion von Gütern und Dienstleistungen; Einsatzorte, Einsatzarten und Einsatzziele technischer Geräte zu Hause
8. Jahrgangsstufe
Geschichte / Sozialkunde / Erdkunde, 8.2 Industrielle Revolution und nationale Einheit, 8.2.1 Merkmale der industriellen Revolution - von der Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft
10. Jahrgangsstufe
Geschichte / Sozialkunde / Erdkunde (M-Zug), 10.4 Technik. 10.4.1 Epochentypische technische und wissenschaftliche Errungenschaften

Lehrplan für die bayerische Realschule
8. Jahrgangsstufe
Physik, 8.2 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase. Druck in Flüssigkeiten und Gasen: Druck in ruhenden, eingeschlossenen Flüssigkeiten und Gasen als Zustandsgröße (Anwendungen aus dem Alltag); Gesetz von Boyle-Mariotte; Zusammenhang zwischen Druck und Volumen eines Gases bei konstanter Temperatur
9. Jahrgangsstufe
Geschichte, 9.1 Industrialisierung und Wandel des europäischen Staatensystems: Industrialisierung (wirtschaftliche und technische Entwicklung, Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Menschen: Arbeiterschaft und Großbürgertum, die "soziale Frage" und Versuche ihrer Lösung. 9.6 Wiederholen, vertiefen, verknüpfen. Regionalgeschichtliches Unterrichtsvorhaben: industrielle Entwicklung im Heimatraum (mögliche Aspekte: Betriebsgeschichte(n), Aufstieg und Fall von Industriebetrieben; Geschichte selbst präsentieren: Dokumentation von Bild- und Textmaterial als Ausstellung oder als Zeitung; ein Hörbild entwickeln; Spurensuche mit der Kamera)
9. Jahrgangsstufe
Physik 9.1 Wärmelehre: Volumenänderung von Körpern bei Erwärmung und Abkühlung (Änderung der mittleren potenziellen und kinetischen Energie der Teilchen); Temperatur, Druck und Volumen als Zustandsgrößen eines eingeschlossenen Gases; quantitativer Zusammenhang zwischen Temperatur und Volumen bei konstantem Druck analog zur Volumenänderung von Festkörpern (Gesetz von Gay-Lussac; Volumenausdehnungskoeffizient für Gase; Temperaturskala nach Kelvin); Erster Hauptsatz der Wärmelehre
Geschichte, 10.5 Wiederholen, vertiefen, verknüpfen. Regionalgeschichtliches Unterrichtsvorhaben: Geschichte des Heimatortes, -raumes im 20. Jahrhundert (mögliche Aspekte: wirtschaftliche Entwicklung der Heimatregion

Lehrplan für das bayerische Gymnasium
8. Jahrgangsstufe
Geschichte, 8.2 Politik, Gesellschaft und Wirtschaft in Deutschland 1850 bis 1914: Merkmale der Industrialisierung, Wandel in Gesellschaft und Wirtschaft. 8.4 Jahrgangsstufenbezogene exemplarische Vertiefungen: Veränderungen in den zu Beginn des 19. Jahrhunderts neu zu Bayern gekommenen Regionen; Urbanisierung im 19. und frühen 20. Jahrhundert, z. B. München in der Prinzregentenzeit; Nürnbergs Entwicklung während der Industrialisierung; Augsburg auf dem Weg zu einem modernen Wirtschafts- und Industriezentrum; Entwicklung des ländlichen Raums im Zeitalter der Industrialisierung an bayerischen Beispielen; Natur und Umwelt in der Industriegesellschaft; Entwicklung von Medizin, Biologie, Chemie oder Physik: historische Bedingungen und Folgen
Physik, 8.2 Aufbau der Materie und Wärmelehre: Beschreibung von Schmelzen, Sieden und Verdunsten im Teilchenmodell; Zusammenhang zwischen Temperaturänderung bzw. Änderung des Aggregatzustands und Änderung der inneren Energie nur anhand einfacher Beispiele; Volumenänderung; qualitative Betrachtungen zum Verhalten von Gasen, Flüssigkeiten und festen Körpern bei Temperaturänderung
8.4 Profilbereich am NTG: Druck in Gasen. Physik und Technik in der Gesellschaft: historische Entwicklung der Physik und der Technik, Elektrifizierung, technische Erfindungen
10. Jahrgangsstufe
Chemie (NTG) 10.4 Profilbereich am NTG: Chemie vor Ort: Raffinerie, Blockheizkraftwerk, Kohlekraftwerk, Brauerei, Forschungseinrichtungen
11. Jahrgangsstufe
Geschichte, 11.1.2 Leben in der entstehenden Industriegesellschaft des 19. Jahrhunderts: Kennzeichen der Industrialisierung im Überblick und Besonderheiten der Entwicklung in Bayern


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