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Kipp-Punkte im Klimasystem Wenn sich die Klimakrise nicht mehr aufhalten lässt

Von: Leander Beil

Stand: 15.11.2021

Wenn sich die Erde immer weiter erwärmt, wird ein Domino-Effekt angestoßen, der sich wohl nicht mehr aufhalten lässt. Im Klimasystem gibt es zahlreiche sogenannter Kipp-Punkte. Ein paar Beispiele, die zeigen, warum das 1,5-Grad-Ziel so wichtig ist.

Eisbärin von hinten, Arktis, das Eis schmilzt | Bild: picture alliance / Zoonar | Tanja Kreß

Empfindliches Klima: Eine kleine Veränderung kann schon reichen

Kipp-Punkte markieren in gewisser Hinsicht Schwellen in unserem Klimasystem. Werden diese schon durch kleine Veränderungen überschritten, kann das weitreichende Konsequenzen haben - auch für uns Menschen. Das Ganze ist vergleichbar mit einer Tasse, die immer weiter über die Tischkante hinaus geschoben wird, bis plötzlich der entscheidende Punkt, der Kipp-Punkt, erreicht wird, an dem sie zu Boden fällt. Dann sind die Folgen nicht mehr ohne Weiteres rückgängig zu machen. Der Vorgang verstärkt sich rasend schnell von selbst und kann auch dominoartig Kettenreaktionen in anderen Ökosystemen auslösen.

Beispiel 1: Schmelzen des arktischen Meereises

Das ewige Eis schmilzt. Die durchschnittliche jährliche Oberflächentemperatur stieg zwischen 1971 und 2019 in der Artkis dreimal so stark an wie im Rest der Welt. Gehen die Eismassen aber zurück, kommt es verstärkt zur sogenannten Eis-Albedo-Rückkopplung: Denn gibt es weniger Schnee und Eis, wird weniger Sonnenlicht reflektiert. Dadurch geht die Erwärmung noch schneller voran, was wiederum weiteres Abschmelzen zur Folge hat. Dieser Prozess verstärkt sich also selbst, kann kaum oder nur schwer rückgängig gemacht werden und hat weitreichende Folgen - zum Beispiel auf den Meeresspiegel: Bislang stieg er global schon um rund 13,5 Millimeter an, allein durch das geschmolzene Eis Grönlands.

Permafrostböden sind Böden, die mindestens zwei Jahre lang dauerhaft gefroren sind. Sie kommen in kalten Klimazonen oder im Hochgebirge vor. Tauen diese eisigen Schichten nun auf, kommt ein Prozess in Gang: Das im Boden konservierte Material wird von Mikroorganismen zersetzt. Kohlenstoff, zum Beispiel von verrotteten Pflanzen, wird umgewandelt zu Methan und Kohlendioxid. Diese Gase wiederum verstärken den Treibhauseffekt, der die Erwärmung der Atmosphäre vorantreibt und so die globale Temperatur erhöht.

Beispiel 3: Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes

Ein freiwilliger Feuerwehrmann macht eine Pause in San Pablo, im bolivianischen Amazonasgebiet. | Bild: picture alliance/dpa | Gaston Brito

Die "grüne Lunge" Amazonas ist am Ende. Laut einer aktuellen Studie gibt der Amazonas-Regenwald schon jetzt mehr C02 ab, als er aufnimmt. Erste Hinweise darauf, dass der Wald bald aufgrund von Trockenperioden und Entwaldung ganz kippen könnte. Und dann würde sich der Regenwald wohl zu einer Art Savanne verwandeln, was das Amazonas-Gebiet zu einem der größten CO2-Ausstoßer der Welt machen könnte. Und das hat dramatische Folgen für den Regenwald, für die lokale Bevölkerung, aber auch für uns.

Klimakrise ist jetzt: Amazonas-Regenwald vor dem Kipp-Punkt?

Kipp-Elemente: Hier droht sich der Klimawandel besonders zu beschleunigen

Neben Arktis, Permafrost und Regenwald gibt es noch andere Klima-Brennpunkte, die zu kippen drohen. Über die genaue Anzahl der Kipp-Punkte ist sich die Forschung aber nicht ganz einig. Bei folgenden stimmen das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und die Helmholtz-Klima-Initiative aber weitgehend überein:

Gesagt: Kipp-Punkte liefern Argument für mehr Klimaschutz

"Man kann nicht genau sagen, wie viele Jahre es dauert, bis ein bestimmter Kipp-Punkt überschritten ist. Allerdings hängt es auch davon ab, wie stark die globale Erwärmung noch weiter fortschreitet. Wird jetzt wirklich konsequenter Klimaschutz umgesetzt in den nächsten Jahren oder nicht, das ist die Frage."

Jonathan Donges, Klimaforscher vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK)

Video: Der aktuelle Klimabericht ist alarmierend