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Neues Magazin für lesbische Frauen Straight in die Tonne!

Da nennt sich ein neues Magazin für lesbische Frauen "Straight" und denkt, es müsse endlich mit den Vorurteilen vom trockenen Mannweib aufräumen. Die vermeintliche Lösung: der heiße Scheiß von gestern, seichte Artikel und vor allem viel Product Placement.

Von: Karoline Schaum

Stand: 24.07.2015 | Archiv

PULS Reporterin Karoline Schaum mit dem lesbischen Magazin "Straight" | Bild: Straight

Ich bekomme also von meiner Redakteurin eine Nachricht, dass es ein neues Magazin für Lesben gibt, und sie fragt, ob ich als lesbische Person das nicht vielleicht besprechen will. Was für eine Frage, sofort her damit! Mehr Visibilität, mehr Geschichten über Menschen wie mich, das muss ich lesen - mit drei Ausrufezeichen!!! Der Haken an der Sache: Ich muss das leider gar nicht. Denn was ich da seit Mittwoch in den Händen halte, ist nichts Besseres als eine lesbische Apothekenumschau für alle, die auch mal was anderes als die "Cosmopolitan" lesen wollen. Und für Menschen, die die letzten zehn Jahre unter einem Stein gelebt haben. Vom ersten Durchblättern an habe ich kaum andere Gefühle als Empörung empfunden.

Und das hat seine Gründe:

1. Themen von gestern und vorgestern

Gleich ziemlich am Anfang des "Straight"-Heftes wird mir erklärt, dass in "Lesbenhausen" alle miteinander "verstrickt" sind. Jede kennt jede, hatte schon mal was mit der Ex von dieser und jener. Dazu ein schönes Schaubild, das offensichtlich direkt aus der ersten Staffel "L-Word" von 2004 abgezeichnet wurde. Und ich weiß nicht, ob ihr es schon wusstet - mega in sind zur Zeit Sneaker und Urban Gardening! Und weil "50 Shades of Grey" ja auch irgendwie viele Leute beschäftigt, schreibt man halt mal was über Bondage - wenn sich doch eine der Mitwirkenden eh schon dafür interessiert. Passend zur lesbischen Ausrichtung der "Straight" lässt sich die Gute dann gleich mal von einem Mann fesseln. Immerhin scheint der professionelle Arbeit zu leisten.

2. R-List Celebrity Home Story trifft auf Product Placement

Fast die Hälfte des Blattes besteht aus plump dahinplatzierten Produkten und lesbenunrelevanten Smoothie- und Reiseempfehlungen. Ich erfahre etwas aus dem Leben, nein, der Wohnung einer homosexuellen radioeins-Moderatorin, deren Namen ich noch nie gehört hatte, und auf den nächsten zwei Seiten verwandelt sich die Homestory nahtlos in uninspiriertes Möbel-Anpreisen. Schön auch: Es wird an anderer Stelle eine "Bettgeschichte" angeteast, die darin besteht, dass eine der Redakteurinnen gerne in einem Schlafanzug einer bestimmten Marke schläft, und zwar auf dem Rücken oder auch mal in Seitenlage. Ich kann mich damit nicht identifizieren, denn ich schlafe in No-Name-T-Shirts und in der Regel auf dem Bauch.

3. Die Angst vor dem Stigma und den Positionen

Als handelsübliche Lesbe muss man aber einfach mal mit Klischees aufräumen. Wir sind nicht alle sabbernde Wilde, die unrasiert mit Motorrädern auf die Jagd nach Jungfrauen gehen, wie die meisten Menschen es angeblich noch glauben. Nein, manche von uns lackieren sich die Fingernägel und tragen, haltet euch fest, Lippenstift! Deshalb hat sich die "Straight" das Ziel gesetzt, uns Lesben von so blöden Stigmata zu befreien (aber keine Angst, "Kurzhaarige werden natürlich auch gezeigt"). Und das geht halt am besten mit überwiegend seichten Artikeln und einem halbherzigen Interview mit einer lesbischen Politikerin der CDU namens Petra Többe. Hier hatte ich wirklich kurz Interesse, wurde aber nach einer halben Seite schon wieder enttäuscht - weil das Interview einfach vorbei war, bevor es richtig begonnen hatte.

Fazit

Versteht mich nicht falsch, "Straight" hat ein paar gute Momente. In dem Artikel über Lesben am Arbeitsplatz habe ich noch etwas gelernt und fand es eine schöne Info, dass 90 Prozent der Kollegen und Chefs mit uns kein Problem haben (was ich zwar schon aus eigener Erfahrung wusste, aber es ist ja schön zu wissen, dass es anderen auch so geht). Aber ich bin empört darüber, dass diese Frauen und Männer ein Magazin herausbringen, das angeblich für Lesben da sein und ihnen von ihrer eigenen Lebensrealität erzählen will. Denn das tut es zum überwiegenden Teil nicht. Wenn die Herausgeberinnen unter ihrem Stein nicht so viel Zeit mit Nägellackieren und Möbelshoppen verbracht hätten, hätten sie das vielleicht auch selbst gemerkt.

Lesbische Frauen sind eben leider noch nicht so sehr im Mainstream angekommen, dass man sich als Durchschnittslesbe über ein derart generisches Blatt freuen kann. Wenn es neben "Straight" und dem bereits etablierten "L-Mag" noch zehn weitere deutschlandweit vertriebene Magazine gäbe - ja, vielleicht würde ich mich dann nicht aufregen. Aber so weit sind wir noch nicht. Da können wir gerne in 20 Jahren noch einmal drüber reden.

Wenn das Heft nur so cool wäre wie das Werbevideo:


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Jäz, Mittwoch, 29.Juli 2015, 17:02 Uhr

4. Absolut zutreffend!

Vielen Dank für den Artikel!

Ursprünglich hatte ich selbst angedacht, einen Artikel über das neue Magazin zu publizieren, doch das verdrängte ich recht schnell wieder. Mir persönlich sagt neben den Inhalten auch die Wortwahl nicht zu. Teilweise klingt es doch arg kindisch oder wie aus einer Scripted Reality Seifenoper eines Privatsenders.

Die PR war gut gemacht, doch das Heft selbst ist, wie schon selbst erwähnt, für die Tonne - schade!

Sina, Dienstag, 28.Juli 2015, 19:44 Uhr

3. wie wahr, wie wahr

Toller Artikel, ich hätte es nicht besser schreiben können. Eine Zeitschrift, die die Lesbenheit nicht braucht. Möge bitte niemand glauben, dass dieses Blättchen viel mit lesbischem Lebensstil zu tun hat, ansonsten Gute Nacht. :-/

Petra, Sonntag, 26.Juli 2015, 11:51 Uhr

2. Straight in die Tonne

Hach, man hätte es nicht besser formulieren können. Straight in die Tonne! Wofür wir Lesben alles herhalten müssen.

Conny, Samstag, 25.Juli 2015, 00:42 Uhr

1. :)

Hahaha, danke! Gut!