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Design der Spiele Das Feindbild der Abteilung 11

Maximal vier Jahre bereitet sich ein Sportler auf Olympische Spiele vor. Bei Rolf Müller waren es fünf. Müller ist auch kein Sportler, er ist Grafiker und Designer. Als stellvertretender Leiter der Abteilung 11 schrieb er so ein Stück Designgeschichte mit.

Von: Daniel Gerber

Stand: 01.07.2011 | Archiv

Piktogramm Olympia 1972 | Bild: ERCO/www.piktogramm.de

Das Feindbild der Abteilung 11 des Olympischen Komitees trug scharfe Konturen, mächtig und bombastisch war es zudem. Der Abteilung 11 ging es dabei nicht um sportliche Siege für Deutschland. Sie hatte einen anderen, womöglich einen wichtigeren Auftrag: ein Bild vom Nachkriegsdeutschland zu entwerfen.

Unter der Leitung Otl Aichers sollte das Gestaltungskonzept für die XX. Olympischen Spiele entstehen, immerhin die erste Großveranstaltung auf deutschem Boden nach dem Zweiten Weltkrieg. Stellvertreter Aichers war Rolf Müller. 26 Jahre alt war Müller, als 1967 die Arbeit begann. "Ich hatte lange Haare und sah aus wie ein Beatle." Für ihn sei das alles ein aufregender Spaß gewesen, "eine wunderbare Entdeckungsreise". Fünf Jahre lang arbeiteten er und zeitweise bis zu 30 Personen daran, den Münchner Spielen ein Gesicht zu verleihen.

Piktogramm Olympia 1972 | Bild: ERCO/www.piktogramm.de zur Bildergalerie Piktogramme Welche Sportarten stecken dahinter?

Die von der Abteilung 11 gestalteten Piktogramme haben Designgeschichte geschrieben. Finden Sie sich in der Welt der Sportpiktogramme zurecht? [mehr]

Wie das Gesicht nicht aussehen sollte, davon hatten die Mitarbeiter um Aicher eine klare Vorstellung: "Unser Feindbild war 1936. Berlin durfte nicht wiederholt werden", sagt Müller. Elemente der nationalsozialistischen Olympischen Spiele sollten nicht auftreten: nichts Monumentales, nichts "irrsinnig Strenges", keine nationalen Bezüge. Bilder von heiteren und friedfertigen Spiele wollten sie in die Welt transportieren.

Einheitliches Design erfasste alle Bereiche

"Keine der anderen Abteilungen durfte ohne uns irgendetwas entwerfen", betont Müller. Pressemappen, Eintrittskarten, Plakate, Plastiktüten, Schilder, Straßenschmuck – die Abteilung 11 gestaltete es. Die Kleider der Hostessen, die Fahnen, die Wettkampfstätten, die Fahrzeugkolonne des Olympischen Komitees, die Abteilung 11 entwarf ihr Design.

Heute im Zeitalter des allmächtigen Sponsorings, wo zig Agenturen ihre Hände im Spiel haben, in Zeiten der mächtigen Marketingabteilungen, beinahe unvorstellbar. Der Kreativität waren keine Grenzen gesetzt. Aicher, Müller und Co schrieben Designgeschichte.

Mit ihrem in Farb- und Schriftgebung einheitlichen Design, das alle Bereiche umfasste, entwickelten sie erstmals in Deutschland in einem derart großen Ausmaß ein Corporate Design. Und auch die von ihnen gestalteten Piktogramme sollten nach 1972 einen Siegeszug antreten. Bis heute bebildern diese stark reduzierten, geometrischen Figuren und Zeichen Sportstätten und öffentliche Plätze auf der ganzen Welt.

Rolf Müller war stellvertretender Leiter der Abteilung 11 des Olympischen Komitees.

Während sie nationale Bezüge bewusst aus ihrem Konzept herausließ, betonte die Abteilung regionale, bayerische Bezüge. Die Farbe Rot – verfemt als Farbe der Diktatoren – wurde vollständig ausgespart. Eine Farbpalette von gelb bis grün wurde erarbeitet. "Blau für den Himmel über Bayern, grün für die bayerischen Wiesen und weiß für die schneebedeckten Berge", erklärt Müller. Auch das Maskottchen, der Dackel Waldi, oder die Dirndl-Bekleidung der Helferinnen, präsentierten diesen regionalen Bezug.

"Linke Hunde" und "Knechte der Reichen"

Leicht war die Arbeit für die Abteilung 11 nicht immer. Widerstand kam in Zeiten der 68er aus beiden Lagern. "Die Konservativen beschimpften uns als linke Hunde, die das Bild Deutschlands und das Bild der Spiele kaputt machen würden", erinnert sich Rolf Müller. Aus den eigenen Reihen dagegen seien sie als "die Knechte der Reichen" bezeichnet worden. Von ihrer Idee, das Nachkriegsdeutschland in ein friedfertiges Licht zu rücken, brachte sie die Kritik nicht ab. Sie setzten auch durch, dass Polizei und Militär während der Spiele nicht in ihrer üblichen Uniform auftraten. "Die kriegten alle eine eigene Bekleidung, die eben nicht militärisch aussah", erinnert sich Müller. "Das war eine stille große Tat von uns, die natürlich keiner wirklich bemerkt hat." Eine Tat, die auch durch die Unterstützung Willi Daumes, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, möglich gewesen sei.

Mit dem Attentat geschah das Unfassbare. "Da brach für mich eine Welt zusammen. Wir hatten fünf Jahre lang alles auf die Friedfertigkeit angelegt und dann wurde diese Idee an einem Tag zerstört", sagt Rolf Müller. Er wohnte damals im Hotel "Vier Jahreszeiten", wo das Internationale Olympische Komitee zur geheimen, nächtlichen Sondersitzung tagte. Als dann die Entscheidung "The Games must go on" verkündet wurde, war Müller erleichtert. Ganz konnte auch das Attentat das Bild von Olympia der Abteilung 11 nicht zerstören.


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