Bayern 2 - Das Kalenderblatt


1

30. November 1990 Das letzte Stück Berliner Mauer abgerissen

Wer weiß noch, was er gerade getan hat oder wo er gerade war, als die Nachricht kam: Die Mauer ist offen! Ziemliche jeder. Ein Stück deutscher Geschichte wird abgetragen - vor aller Augen. Autor: Hartmut E. Lange

Stand: 30.11.2015 | Archiv

30 November

Montag, 30. November 2015

Autor(in): Hartmut E. Lange

Sprecher(in): Hans-Jürgen Stockerl

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Susi Weichselbaumer

Gäbe es ein Ranking für den widerwärtigsten Euphemismus, die Wortschöpfung der

DDR-Regierung hätte gute Chancen auf einen der vorderen Plätze gehabt:

Antifaschistischer Schutzwall!

Begonnen hat es mit einer faustdicken Lüge. Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten, beteuert Staatschef Walter Ulbricht noch im Juni 1961 auf einer Pressekonferenz, während die Planung bereits auf Hochtouren lief. Führender Organisator: ein gewisser Erich Honecker. Zwei Monate später beginnt der Bau der Berliner Mauer. Insgesamt 14.500 Mann - Soldaten der NVA und Freiwillige der sogenannten Betriebskampfgruppen, beginnen das Objekt zu errichten.

Das Volk läuft davon

Mit der Abriegelung der drei West-Sektoren zieht man in Ost-Berlin die Notbremse, seit Jahren läuft eine Abstimmung mit den Füßen, gegen das sozialistische Experiment, tausende Bürger verlassen ihre Heimat. Und da es der Regierung in Ost-Berlin nicht gelingt, sich ein anderes Volk zu wählen, wie es Bertolt Brecht einmal ironisch vorgeschlagen hatte, werden die widerspenstigen Untertanen eben eingesperrt.

Fotos aus jenen Tagen avancieren zu Bild-Ikonen des 20. Jahrhunderts. Zum Beispiel das vom Soldaten Conrad Schumann, der über einen Stacheldrahtzaun flieht und während des Sprungs sein Gewehr wegwirft. Oder die Bilder aus der Bernauer Straße. Hier verläuft die Grenzlinie direkt an der Haustür, die Wohnungen liegen im Osten, der Bürgersteig im Westen. Verzweifelte Menschen springen aus den oberen Stockwerken in die Freiheit, in Sprungtücher der West-Berliner Feuerwehr. In den folgenden Tagen werden die Mieter aus ihren Wohnungen vertrieben und die Fenster in Richtung Westen zugemauert. Später reißt man die gesamte Häuserzeile ab und ersetzt sie durch 3 Meter 60 hohe Betonelemente.

Die Regierung der DDR schreckt vor nichts zurück, moralische Bedenken kennt sie nicht. Ein Friedhof im grenznahen Gebiet stört - zuerst werden große Grabsteine entfernt um freies Schussfeld zu haben, dann sogar das Gotteshaus - die Erlöserkirche wird gesprengt.

Kritik an Mauer und Schießbefehl dulden die Genossen nicht: Gymnasiasten fliegen von der Schule, Studenten werden exmatrikuliert, tausende Bürger landen wegen staats-feindlicher Äußerungen im Gefängnis. Die 28-jährige Geschichte der Berliner Mauer ist die Geschichte von tausendfachem Leid, von getrennten Familien und verzweifelten Fluchtversuchen. 138 Menschen kommen dabei ums Leben.

Zermahlen und nicht vergessen

Nach der friedlichen Revolution im Herbst 1989 geht dann alles sehr schnell. Die letzte DDR-Regierung unter Ministerpräsident Lothar de Maizère beschließt den Abriss der Mauer. Im Juni 1990 beginnen 300 Mann der ehemaligen Grenztruppen niederzureißen, was sie bisher bewachten. Ab Oktober ist das Mammutprojekt eine gesamtdeutsche Aufgabe, 600 Pionierkräfte der Bundeswehr treffen zur Unterstützung in Berlin ein. Rund 310.000 Tonnen Betonmasse werden mit Kränen, Baggern und Planierraupen beseitigt. Die Mauerteile werden zermahlen und einer friedlichen Nutzung zugeführt, als Schotter für den Straßenbau.

Am 30. November 1990 ist es dann soweit. Das letzte Stück der 32 Kilometer langen Mauer innerhalb des Berliner Stadtgebietes wird in der Wollankstraße in Pankow auf einen Lkw geladen und abtransportiert. Die Schandmauer - wie sie Willy Brandt einst bezeichnete - ist endlich wieder verschwunden. Nicht ganz - ein 212 Meter langes Stück mit kompletter Grenzanlage ist in der Bernauer Straße erhalten worden, als Gedenkstätte und Mahnmal. 


1