Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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1. März 1886 Becquerel entdeckt die Radioaktivität

Er bewies: es existiert eine Strahlung, die nicht zum Spektrum des sichtbaren Lichts gehört. Henri Becquerel nannte sie: "Uranstrahlen". Autor: Hellmuth Nordwig

Stand: 01.03.2017 | Archiv

01 März

Mittwoch, 01. März 2017

Autor(in): Hellmuth Nordwig

Sprecher(in): Johannes Hitzelberger

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Schon wieder so ein trüber Tag, dieser Sonntag, der 1. März 1896. Zum Verzweifeln. Vor allem für einen Wissenschaftler wie Henri Becquerel. Er ist auf Sonnenlicht angewiesen, denn er erforscht die Fluoreszenz. Also die Erscheinung, dass bestimmte Dinge leuchten, wenn man sie anstrahlt. Über eine dieser Substanzen hat Becquerel erst am Montag zuvor in der Pariser Akademie der Wissenschaften berichtet: Uransalz. Dessen Leuchten will er jetzt genauer untersuchen. Es scheint nämlich sogar lichtundurchlässiges Papier zu durchdringen. Darin hat er eine Fotoplatte eingewickelt, Uransalz draufgelegt - und auf Sonne gehofft, die es zum Leuchten bringen würde. Aber dann: die ganze Woche nur Wolken. Ab in eine Schublade mit der Platte, samt Uran, bis das Wetter besser wird.

Strahlen ohne Sonne

Doch nun naht die nächste Akademiesitzung. Die Gelehrten treffen sich jeden Montag, und da hätte Becquerel gerne weitere Erkenntnisse über die Fluoreszenz des Urans vorgetragen. Publikationsdruck nennen Wissenschaftler so etwas heute. Ob Becquerel deshalb an jenem Sonntag die Platte entwickelt, obwohl sie Tage lang nur im Dunkeln gelegen hat - das ist nicht überliefert. Tatsache ist: Wo das Uransalz war, ist die Fotoplatte deutlich geschwärzt. Uran strahlt also auch ganz ohne Sonnenlicht. Und mit Fluoreszenz hat das gar nichts zu tun. Nun kann Becquerel seinen Kollegen doch etwas Neues berichten.

Alles andere wäre auch peinlich gewesen. Henri Becquerel ist nämlich nicht irgendwer. Schon sein Großvater Antoine César war Physiker und Mitglied der Akademie, genau wie der Vater Alexandre Edmond Becquerel. Von ihm hat Henri eine Physik-Professur praktisch geerbt - und sollte die später an seinen Sohn Jean weitergeben. Als Nummer drei in der Familiendynastie wächst Henri in ein modernes, bestens ausgestattetes Labor hinein. Auch die Uransalze gehören zur Erbmasse im Hause Becquerel.

Mäßig interessant?

Zunächst wird Henris Entdeckung kaum beachtet. Das liegt weniger daran, dass er sie nicht recht erklären kann, als vielmehr an einer starken Konkurrenz: Wilhelm Conrad Röntgen hat wenige Wochen zuvor auch schon unsichtbare Strahlen entdeckt - und damit die Knochen in der Hand seiner Frau abgebildet. So sinnfällig sind die "Becquerel-Strahlen", wie sie genannt werden, einfach nicht. Sie bleiben abgeschlagen, obwohl Henri die Akademie alle paar Wochen mit weiteren Berichten beglückt.

Erst zwei Jahre später sollte eine Doktorandin namens Marie Curie gemeinsam mit ihrem Mann Pierre dem Strahlen des Urans und anderer Elemente auf den Grund gehen. Die Curies sind es auch, die diese Erscheinung Radioaktivität nennen. Dass man sie einmal, in "Becquerel" gemessen, fürchten würde, davon ahnt Henri noch nichts.

Ist er also wirklich rein zufällig, nur wegen des trüben Wetters, auf den Kernzerfall gestoßen, wie später behauptet wird? Henri Becquerel selbst hat das ganz anders gesehen: 60 Jahre Arbeit im Familienlabor hätten seiner Meinung nach unausweichlich einen der Becquerels zu dieser Entdeckung führen müssen. Zufall sei nur gewesen, dass sie ihm beschieden war und nicht seinem Vater.


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