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Diagnose Erkennen einer Schwindelerkrankung

Schwindel entsteht zum Beispiel, wenn das Gleichgewichtsorgan im Innenohr nur noch Chaos meldet und das Gehirn diese Sinneseindrücke nicht mehr einordnen kann.

Von: Uli Hesse

Stand: 04.04.2020

Schwindel entsteht, wenn das Gleichgewichtsorgan im Innenohr nur noch Chaos meldet und das Gehirn diese Sinneseindrücke nicht mehr einordnen kann - im Bild: Mann mit aufgerissenen Augen | Bild: colourbox.com

"Ähnliches kann man auf einem Schiff bei stürmischer See oder bei einer Fahrt mit der Achterbahn erleben. Selbst beim Walzertanzen kann das passieren. Manchen Menschen wird auch schwindelig und übel, wenn sie im Auto lesen."

Prof. Strupp

Wie Schwindel entsteht

Die Informationen, die das Gehirn von den Gleichgewichtsorganen, Augen und den Haut- und Muskelfühlern bekommt, stimmen nicht überein - und man kann sich deshalb nicht mehr richtig räumlich orientieren.

So funktioniert der Gleichgewichtssinn:

Das Gleichgewichtsorgan liegt im Innenohr. Es besteht aus drei Bogengängen, die jeweils im rechten Winkel zueinander angeordnet sind - wie die drei Ebenen des Raums - und den "Steinchenorganen". In den Gleichgewichtsorganen befinden sich Sinneszellen, die mit winzigen Härchen besetzt und von einer Flüssigkeit umgeben sind. Bewegt man sich, so bewegt sich diese Flüssigkeit in die entgegengesetzte Richtung und erzeugt Signale in den Sinneszellen. Über den Gleichgewichtsnerv werden diese Signale ans Gehirn gemeldet. Auf den Härchen der Sinneszellen der Steinchenorgane liegen kleine Kristalle, die sich bei Kopfbewegungen nach vorne, hinten, rechts oder links hin- und herbewegen und die Sinneszellen dadurch ebenfalls reizen.
Schließlich werden im Gehirn die Informationen der Gleichgewichtorgane und die Sinneseindrücke der Augen und der Haut- und Muskelfühler koordiniert. Dadurch kann man sich sicher - und schwindelfrei - im Raum orientieren und bewegen.

Angst vor der nächsten Schwindelattacke

"Eine Schwindelattacke ist für manche Patienten wie ein Weltuntergang: Alles dreht sich, sie können nicht mehr gehen, stürzen möglicherweise oder kriechen morgens auf allen Vieren ins Bad. Schwindel kann das Leben sehr beeinträchtigen, und viele Patienten entwickeln richtige Angst vor der nächsten Attacke. Diese Angst kann zum Beispiel dazu führen, dass sie es vermeiden, allein in die Stadt zu gehen oder dass sie sich sozial vollständig zurückziehen und sich nur noch in den eigenen Wänden bewegen. Zuerst muss man die meist körperliche Ursache für die Beschwerden herausfinden und den Patienten dann nach und nach zurück ins normale Leben führen."

Prof. Strupp

Die richtigen Fragen

Prof. Strupp fragt die Patienten zum einen nach dem Beginn und der Dauer der Beschwerden und ob es sich um Schwindelattacken handelt - und wenn ja, wie lange diese dauern - oder um einen Dauerschwindel.

"Außerdem interessieren uns die Art der Beschwerden, d.h. Dreh- oder Schwankschwindel, und mögliche Auslöser, wie eine Lageänderung."

Prof. Strupp

Weitere Symptome

Hat ein Patient beispielsweise zusätzlich Doppelbilder, Schluck-, Sprech- oder Koordinationsstörungen, Lähmungen im Gesicht, Lähmungen an Armen oder Beinen, dann ist das ein Hinweis darauf, dass die Beschwerden vom sogenannten Hirnstamm oder Kleinhirn kommen. Hörstörungen oder Ohrgeräusche mit den Schwindelattacken sprechen für eine Menièresche Erkrankung. Tritt ein Schwindel dagegen nur bei einer Änderung der Kopfposition auf, dann könnte es sich um einen gutartigen Lagerungsschwindel handeln.

Schwindelambulanz statt Ärzte-Odyssee

Schwindelerkrankungen betreffen viele Fachgebiete, und es gibt leider nur wenige Ärzte, die sich mit allen wirklich gut auskennen. Deshalb empfiehlt Prof. Strupp, zunächst zum Hausarzt zu gehen und dann zusätzlich einen Fachmann oder eine Schwindelambulanz hinzuzuziehen. Der Grund: Manche Ärzte schicken immer noch ihre Schwindelpatienten zum Orthopäden, weil sie die Ursache in der Halswirbelsäule vermuten. Diese Form von Schwindel existiere seines Erachtens allerdings gar nicht, so Prof. Strupp. Manche Patienten werden auch zuerst zum Psychiater geschickt, weil fälschlicherweise primär psychische Ursachen angenommen wurden.

Dem Schwindel auf der Spur:

Es gibt einfache Untersuchungen und Geräte, die helfen, die Schwindelerkrankung genauer einzuordnen.

  • Mit Hilfe einer speziellen Brille untersucht man, ob krankhafte Augenbewegungen bestehen (sog. Nystagmus).
  • Mit dem Kopfdrehtest lässt sich die Funktion der Bogengänge testen.
  • Mit den Lagerungsmanövern kann man einen gutartigen Lagerungsschwindel einfach diagnostizieren.
  • Bei einer anderen Untersuchung muss der Patient einen Stab senkrecht einstellen: die sogenannte subjektive Vertikale. Schädigungen des Gleichgewichtssinns führen zu einer Verkippung dieser Vertikalen.
  • Mit der sogenannten Videookulographie lassen sich Augenbewegungen aufzeichnen und gleichzeitig die Funktion der Gleichgewichtsorgane im Innenohr testen. Dazu wird der Kopf des Patienten schnell nach links und rechts gedreht und gleichzeitig die Kopf- und Augengeschwindigkeit gemessen und es werden die Ohren mit kühlem und warmem Wasser gespült und die Augenbewegungen gemessen.

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