Bayern 2

Bayern - Land und Leute Gertrud und Jakob

Sonntag, 03.09.2017
13:05 bis 13:30 Uhr

Bayern 2

Land und Leute - Sommeredition:
"Zwider bist mer ned!"
Liebesgeschichten
6) Gertrud und Jakob
Eine deutsch-jüdische Geschichte von der Liebe und anderen Dämonen
Von Kirsten Esch
Als Podcast und in der Bayern 2 App verfügbar

"Wissen Sie, wie ein Jude aussieht?" fragt der Mann in der zerschlissenen Fliegeruniform die junge Frau, als sie gemeinsam in München aus der Straßenbahn aussteigen. "Nein, ich kenne keinen Menschen, der Jude ist, und wüsste auch nicht, woran ich einen solchen erkennen sollte", antwortet sie verschüchtert. "Ich bin ein Jude", sagt der Mann mit dem kahlrasierten Schädel, "schauen Sie mich genau an!" So lernt Gertrud ihren zukünftigen Mann kennen, Jakob Feinstein. Sie, 17 Jahre jung, deutsch und naiv - und er, schon Anfang 40, der direkt aus dem Konzentrationslager kommt und dessen Frau und Kinder 1941 im Getto von Schaulen erschossen wurden.

1951 heiraten Gertrud, die Deutsche, und Jakob, der Jude - und damit beginnt eine Zeit voller Liebe, Schuldgefühle und Versöhnung - eine hochemotionale Zeit, in der Konflikte und Auseinandersetzungen den Alltag bestimmen. Denn in ihrer ganz persönlichen Beziehung müssen Gertrud und Jakob Feinstein stellvertretend eine nationale Katastrophe bewältigen: den Völkermord der Deutschen an den Juden. Die verbliebene Familie von Jakob Feinstein reagiert mit unverhohlenem Entsetzen auf die Heirat: "Keiner hat das verstanden, warum Jakob ausgerechnet eine Deutsche heiratete. Er wollte Versöhnung", sagt Frau Feinstein heute. "Und wahrscheinlich hat er die anderen und vor allem sich selbst damit überfordert."

1952 wandert das frischgebackene Ehepaar nach Amerika aus und dort wird 1956 der Sohn Elias geboren. Mit der Ausreise nach Amerika verändert sich Jakob Feinstein - und bis heute rätselt Gertrud über den Auslöser. Seine Gefühle für seine Frau werden immer komplizierter, bewegen sich zwischen großer Liebe und extremem Hass. Kann er doch in ihr nicht nur die Ehefrau sehen, sondern immer auch Deutschland, das Land, das ihn zerstört hatte. Er erhebt Anschuldigungen gegen sie und bezeichnet sie als den verlängerten Arm Hitlers. Die Jahre in Amerika waren für beide die Hölle - doch niemals dachte sie ernsthaft daran, ihn zu verlassen. Denn sie fühlte sich mitschuldig am Elend, an der großen, nicht endenden Verzweiflung ihres Mannes.

Gertrud Feinstein, die heute wieder in München lebt, erzählte Kirsten Esch ihre Geschichte, die Geschichte eines ungewöhnlichen Paares, von zwei Menschen, die sich liebten und sich doch nie befreien konnten von ihrer Herkunft - und die täglich mit einer existenziellen Frage konfrontiert waren: der Frage nach Schuld und Vergebung.