Bayern 2 - Zeit für Bayern


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Flusskreuzfahrten in Bayern Cocktail-Stunde in der Schleuse

Auf Bayerns Flüssen rührt sich was. Immer mehr internationale Gäste gönnen sich den Luxus, auf Hotelschiffen den Freistaat zu erkunden. Ein Rekordjahr jagt das nächste, sehr zur Freude der Profiteure. Doch es gibt auch kritische Stimmen.

Von: Wolfram Hanke und Christian Schiele

Stand: 09.08.2017 | Archiv

Die Drei-Flüsse-Stadt Passau hat sich inzwischen zum Zentrum der Flusskreuzfahrten auf Mitteleuropas längstem Strom, der Donau, entwickelt. 2015 legten hier mehr als 2.300 Schiffe an. In Regensburg waren es rund 900. Aber auch auf dem Main sind immer mehr "schwimmende Hotels" unterwegs. Mehr als 600 im Jahr sind es in Miltenberg oder Wertheim. Und in Würzburg, wo 2001 gerade einmal 80 sogenannte Hotelschiffe anlegten, waren es vor drei Jahren bereits 916.

Zu hoch für die Brücken am Main

Auf dem Main und dem Main-Donau-Kanal müssen auf den Hotelschiffen allerdings ganz spezielle Vorkehrungen getroffen werden. Denn die Brücken sind dort niedriger als auf anderen Flüssen. Auf der MS Amadeus Silver baut das nautische Personal deshalb das komplette Sonnendeck ab – und der Kapitän fährt vor den Brücken sein Steuerhaus herunter, damit das Schiff nicht hängen bleibt.

An Bord der Amadeus Silver - ein 360-Grad-Video

Die Passagiere können die Aussicht dennoch genießen – auf niedriger gelegenen Terrassen. Doch warum sind diese Flusskreuzfahrten eigentlich so beliebt? Was macht diesen Reiz des Reisens aus? Zeit für Bayern-Autor Wolfram Hanke ist für drei Tage von Miltenberg bis Würzburg an Bord eines luxuriösen Flusskreuzfahrtschiffs gegangen, um Antworten auf diese Fragen zu finden.

Purer Luxus an Bord

Die Rezeption der MS Amadeus Silver

Die MS Thurgau Ultra ist purer Luxus. Das Hotelschiff bietet in 53 Suiten und sieben Einzelkabinen Platz für bis zu 113 Gäste. Die Fahrt von Basel nach Passau ist aber nicht ganz billig: 2.400 Euro kostet die Unterbringung in einer Einzelkabine im Hauptdeck, 3.800 Euro ein Platz in einer Queen Suite im Oberdeck. Zur Ausstattung gehören ein Foyer mit Rezeption wie in einem richtigen Hotel, ein großzügiger Wellness- und Fitnessbereich mit Massagen gegen Aufpreis, ein Frisörsalon, eine Smoker’s Lounge für Whiskey- und Zigarren-Freunde und ein Aufenthaltsraum mit Panorama-Blick, in dem die Gäste sitzen wie in einem kleinen Theater.

"Wir haben sehr großzügig ausgestattete Kabinen. Die größten umfassen 30 Quadratmeter. Dann haben wir eine Suitenform mit 20 Quadratmetern und eine kleinere Einzelzimmer-Kabinen-Version mit 16 Quadratmetern. Alle Kabinen haben Dusche, Bad und ein separates WC separat."

Heinz Dubach, Hotel-Manager auf der MS Thurgau Ultra

Auf Flusstouristen spezialisierte Fremdenführer

Nach Ankunft des Schiffes in Miltenberg machen sich die Passagiere bereit für einen abendlichen Stadtrundgang. Dafür greift die Schifffahrtsgesellschaft auf die Dienste von Doris Leonard zurück, die sich als Fremdenführerin in Miltenberg selbstständig gemacht und auf Flusstouristen spezialisiert hat.

"Wir machen verschiedene Angebote, je nachdem wie die Schifffahrtsgesellschaften buchen. Jetzt zum Beispiel holen wird die Gäste ab, machen einen Abendspaziergang durch Miltenberg und dann haben die Gäste Zeit zur freien Verfügung. Mit einer anderen Gesellschaft machen wir eine Stadtführung in Miltenberg und fahren dann im Bus nach Wertheim. Anschließend gehen wir ins Glasmuseum und machen wieder eine Stadtführung, bis das Schiff dann von Miltenberg nach Wertheim gefahren ist."

Doris Leonard, Fremdenführerin

Die Gäste sammeln sich für einen Ausflug.

Die Kreuzfahrt-Touristen flanieren durch die engen Gassen, vorbei an den mittelalterlichen Fachwerkhäusern der Altstadt. Dort werden sie in den Geschäften mit offenen Armen empfangen. Manche Geschäfte planen ihre Öffnungszeiten sogar nach der Ankunft der Schiffe, erzählt Laura Dauber, die Kuckucksuhren, Räuchermännchen und traditionelle Weihnachtsdekoration verkauft.

"Die Leute wollen das typische Deutsche sehen. T-Shirts von jeder Ortschaft, in der sie sind, Andenken, Karten, alles Mögliche. Also die Amerikaner sind auch sehr verrückt nach unseren typischen Weihnachtssachen, unseren Räuchermännchen, Nussknackern. Das lieben unsere Kunden."

Laura Dauber, Verkäuferin in Miltenberg

Gastronomen sehen Flusstouristen kritisch

Doch nicht jeder Laden brummt. Am historischen Marktplatz schmiegt sich das Hotel und Café Schmuckkästchen an eine leichte Anhöhe. Dort ist wenig zu spüren von kaufkräftigen Touristen – und der Hotelchef hält entsprechend wenig von den Flusstouristen.

"Wenn die Flusskreuzfahrtschiffe ihre Leute herunterlassen vom Schiff, dann kriegen die alles mit. Teilweise auch Rucksäcke, in denen neuerdings sogar heißer Kaffee drin ist. Dann haben sie Sandwiches dabei und Sprudel. In der Gastronomie verzehren sie nichts. Das einzige, was sie wollen: aufs Klo gehen."

Uwe Überschär, Hotelchef

Zehn Prozent mehr Umsatz

Nicht alle in Miltenberg profitieren von den Hotelschiffen, das weiß auch Bürgermeister Helmut Demel. Aber eine Umfrage unter allen Gewerbetreibenden hat ergeben, dass teilweise bis zu zehn Prozent der Umsätze durch die Gäste der Hotelschiffe entstehen. Und der Bürgermeister freut sich auch über das Leben in der Stadt.

"Wenn ich als Bürgermeister durch die Stadt gehe und die Führer sprechen mich an und sagen: Das ist unser Bürgermeister. Dann erwarten die Gäste, dass ich sie begrüße und ihnen etwas erzähle. Also man kommt sich dann schon vor wie in Paris, wenn der große Disney-Umzug ist. Aber das ist in Ordnung so. Die Stadt lebt und ich mache das Spiel auch gerne mit."

Helmut Demel, Bürgermeister von Miltenberg

Widerstand gegen dritte Anlegestelle

Die MS Amadeus Silver hat in Miltenberg angelegt.

Wenn das Wetter dieses Jahr den Reedereien keinen Strich durch die Rechnung macht, dann könnte 2016 ein neues Rekordjahr werden. In Miltenberg legen mittlerweile bis zu sieben Schiffe an einem Tag an. 100 Schiffe muss die Stadtverwaltung jedes Jahr weiterschicken, weil die Kapazitäten an den zwei bestehenden Anlegestellen nicht ausreichen. Deshalb soll nächstes Jahr eine dritte Anlegestelle eingerichtet werden. Von den Freien Wählern gab es da allerdings Widerstand, sie haben über 1.000 Unterschriften gesammelt und den Standort vorerst verhindert, erklärt der Ortsvorsitzende Edmund Kempf.

"Die Anlegestelle war am Minigolf-Platz geplant. Das ist einer der wenigen Orte, an dem wir an unserer Mainpromenade noch freien Zugang zum Main haben. Wir haben ja durch unsere Schiffe, die in Miltenberg liegen, schon relativ viel verbaut auf der südlichen Seite des Mains."

Edmund Kempf, Ortsvorsitzender der Freien Wähler Miltenberg

Die Tücken der Arbeit auf dem Schiff

Die Initiative hatte Erfolg, die Schiffsanlegestelle wird nun an einer anderen Stelle kommen, aber kommen wird sie. Denn die Hotelschiffe werden nicht weniger. Zurück an Bord können die Passagiere der MS Thurgau Ultra ihr Essen in einem Restaurant mit Panorama-Blick genießen. Das Arbeiten auf dem Schiff ist nicht ganz so einfach wie auf dem Land, verrät der Küchenchef. Nicht nur weil Töpfe und Pfannen gelegentlich schwanken. Die Küchencrew muss immer gut planen, denn kurz anhalten und im Supermarkt einkaufen, wenn etwas fehlt, das geht nicht.

Das Kreuzfahrt-ABC

D wie der Duft fremder Länder

Es ist kein schlechter Einstieg in ein Land, wenn man immer der Nase nach geht. Staubige Straßen. Eine nahe gelegene Holzverarbeitungsstätte. Feuchte Erde. Wild wuchernde Bäume. All das gibt dem, was das Auge sieht, die emotionale Tönung. Gerüche sind beim Reisen so wichtig wie die Musik im Film. Schließen Sie also ab und an die Augen und erschnüffeln Sie Ihre Umgebung. Es lohnt sich. Nicht nur an Bord.

Quelle: Andreas Lukoschik: Schläft das Personal auch an Bord? Ein Kreuzfahrt ABC, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012

E wie Essen

Das Restaurant ist einer der wichtigeren Orte an Bord. Für viele ist es sogar DER Ort an Bord.

K wie Kabine

Die Kabine ist der Hort des Rückzugs an Bord. Hier ist man der Mensch, der man sich als Landratte angewöhnt hat zu sein. Und wenn das Schiff dann auch noch ein wenig schaukelt, dann ist das wie in alten Kindertagen, wo man von Muttern in den Schlaf gewiegt worden ist.

R wie Repeater

Der Repeater ist der absolute Lieblingsgast auf jedem Kreuzfahrtschiff, kommt er doch regelmäßig wieder auf „sein“ Schiff zurück. Daher auch sein Name. (Es kommt vom englischen „to repeat – wiederholen“.) Als Wiederholungstäter ist er eine Bank – für die Reederei. Weiß man doch, dass er mindestens einmal im Jahr auf „seinem“ Schiff antritt, um zum Beispiel einen Streckenabschnitt mitzumachen. Oder seine Lieblingsstrecke zu wiederholen. Oder weil der Lieblingskellner so freundlich ist. Oder. Oder. Oder.

V wie Vakuumtoilette

Sie produziert ein Aufmerksamkeit absorbierendes, absolut infernalisches Getöse, wenn sie mit dionysischen Saug- und Schmatzgeräuschen ihre Aufgabe erledigt. Wenn man zum ersten Mal diese phanatsmagorische Kakophonie hört, schießen einem Bilder von gigantischen Höllenschlunden durchs Hirn und lassen Vermutungen aufblitzen, die ein neptunisches Ungeheuer am Werke sehen, das sich beunruhigenderweise mitten unter einem aufhält.

Reisen und Herumkommen trotz gesundheitlicher Probleme

Die Mahlzeiten sind ein wichtiger Teil der Freizeitbeschäftigung an Bord. Die meisten Gäste an Bord sind schon im Rentenalter. Viele haben gesundheitliche Probleme und sind nicht mehr gut zu Fuß, deshalb ist für sie so eine Flusskreuzfahrt eine gute Möglichkeit, trotz Handicap viel zu sehen und herumzukommen.

Weiße versus schwarze Schifffahrt

In der Schleuse braucht der Kapitän ein gutes Auge und ein ruhiges Händchen, denn viel Platz gibt es nicht.

Nach einer Übernachtung heißt es dann wieder: Leinen los. Die 135 Meter lange MS Thurgau Ultra legt ab in Richtung Wertheim. Vorbei an Weinbergen und kleinen Burgen geht es durch viele Kurven auf dem Main – und auch immer wieder durch eine Schleuse. 65 Stück sind es insgesamt auf der Strecke von Basel bis Passau. Und dort kommt dann schon einmal zu kuriosen Begegnungen. Denn die sogenannte  schwarze Schifffahrt, also die Frachtschifffahrt, ist nicht gerade begeistert von der weißen Konkurrenz, sagt Heinz Rosenecker von der Schifffahrtsverwaltung.   

"Die weiße Schifffahrt ist, wenn sie in Fahrt ist, natürlich schneller als die Frachtschifffahrt. Dadurch kommt es auf den Strecken auch zu Überholmanövern. Das heißt also, das Kreuzfahrtschiff setzt sich vor das Güterschiff, kommt dann als Erster an der nächsten Schleuse an und wird natürlich dann auch als Erster weggeschleust. Insofern fühlt sich dann die Frachtschifffahrt natürlich schon immer etwas behindert."

Heinz Rosenecker, Schifffahrtsverwaltung

Von solchen Scharmützeln lässt sich die MS Thurgau Ultra aber nicht aufhalten. Sie setzt ihre Fahrt fort und wird am Ende nach insgesamt neun Tagen und 1.075 Kilometern ihr Ziel in Passau erreicht haben.

Zeit für Bayern-Autor Wolfram Hanke

Wolfram Hanke moderiert im Regionalstudio Mainfranken die Regional-Nachrichten, plant Sendungen als Chef vom Dienst und macht Beiträge für den Hörfunk – wie diesen über Flusskreuzfahrtschiffe auf dem Main. Für Zeit für Bayern hat er sich mit Passagieren, Kapitän und Reiseleiter unterhalten, aber auch mit Vertretern der Mainanlieger-Gemeinden, um herauszufinden, was der Boom der Flusskreuzfahrten für sie bedeutet. Gerade am Main gibt es auch einige Skeptiker, die die steigenden Zahlen durchaus besorgt beobachten.


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