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IfZ kommentiert Hitler Besuch beim Kampfmittelräumdienst

Vier plus x Historiker, drei Jahre, ein Auftrag: Das "absolut Böse" in Buchform möglichst unschädlich machen. Auf der Pressekonferenz zur Neuedition von "Mein Kampf" präsentieren die Forscher des Instituts für Zeitgeschichte das Ergebnis und berichten, wie es dazu kam.

Von: Michael Kubitza

Stand: 07.01.2016 | Archiv

Vorm Zieleinlauf wurde der Gegenwind nochmal heftig. Eine Neuauflage von "Mein Kampf" dürfe nicht sein, meint etwa der Historiker Jeremy Adler vierspaltig in der SZ. Und der Jüdische Weltkongress plädiert - anders als der Zentralrat der Juden in Deutschland - dafür, das Buch "dort zu lassen, wo es hingehört: Im Giftschrank der Geschichte." Andererseits: Stimmt das Bild mit dem bösen, aber sicher verwahrten Zaubertrank noch? Haben wir es nicht eher mit einer unvermeidlichen Altlast zu tun, die mit dem Auslaufen des Copyrights nach 70 Jahren aus der Versenkung kommt wie eine Fliegerbombe auf der Baustelle?

Am Tag der Veröffentlichung ist der Münchner Stammsitz des Instituts für Zeitgeschichte so voll wie selten in seiner 67-jährigen Geschichte: Kameras in Reihe, Redakteure zahlreicher großer Zeitungen bis hin zur New York Times. Die wichtigste Frage an den Institutschef: Könnt Ihr das verantworten?

"Es wäre unverantwortlich, 'Mein Kampf' gemeinfrei und kommentarlos der Öffentlichkeit zu überantworten, ohne Hitler in die Schranken zu weisen."

Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte

Hundert gegen Hitler

Ohne Anmerkungen, so Wirsching, sei der Leser Hitlers Mix aus Propagandalügen, Halbwahrheiten und Ungeheuerem ziemlich hilflos ausgeliefert - "man kann ihm dann glauben oder nicht." Stattdessen hätten vier Historiker, zahlreiche Mitarbeiter und an die 80 Experten aus den verschiedensten Fachgebieten eine "Gegenrede" zu Hitler formuliert. Das Interesse jedenfalls ist unverkennbar. Die Startauflage von 4.000 Stück ist Wirsching zufolge praktisch ausverkauft, 15.000 Vorbestellungen warten auf Nachdruck. Aus dem Ausland kämen zahlreiche Anfragen für Übersetzungen - "wir entwickeln da gerade eine Strategie, um zu garantieren, das die Edition in toto übernommen und nicht als Steinbruch genutzt wird.

"With love from Adolf"

Lob bekommen die Forscher von Ian Kershaw, dem namhaftesten britischen Kenner der NS-Zeit. "Es ist höchste Zeit, dass eine solche Edition erscheint. Zensur ist in einer freien Gesellschaft weder sinn- noch zweckvoll", argumentiert Kershaw. Wer wolle, könne "Mein Kampf" sowieso lesen - selbst ohne Internetzugang.

"Ich selbst habe zwei Orginalausgaben des Buches in Antiquariaten gekauft, eine in Deutschland, eine in England. Die englische ist übrigens besser erhalten und hat vorne eine Widmung: 'To Charlie with love from Adolf, 1945'."

Ian Kershaw

Das Beutestück eines US-Soldaten, vermutet Kershaw, und zeigt en passant, wie kritisch man mit Dingen sein sollte, die geschrieben stehen.

Angst vor "Mein Kampf" aber müsse - auch in Zeiten großer Herausforderungen wie der Flüchtlingswelle aus dem nahen Osten - niemand haben. Hitlers Buch sei das Produkt seines Zeitalters und hätte der heutigen Welt nichts mehr zu sagen. "Eine gefestigte Demokratie sollte auch eine selbstbewusste Demokratie sein." Und: "Es ist schwierig zu sehen, wie die Edition hätte verbessert werden können."

Blick ins Buch

Zwei Bände in schlichtgrauem Halbleinen zum Selbstkostenpreis von 59 Euro. Auf der Hand knappe sechs Kilo, aufgeschlagen 1966 Seiten mit gleich zwei Lesebändchen, eigener Typografie und eigenwilligem Layout: Auf der rechten Seite erscheint Hitlers Originatext, rechts außen Textvarianten aus anderen Ausgaben. Rundherum wird der Autor der Jahre 1924/25 "umzingelt von unseren Anmerkungen", so Chefherausgeber Christian Hartmann.

Sie sind das Herzstück der Edition, die "Gegenrede" zu Hitler. In gut drei Jahren von August 2012 bis November 2015 haben die Herausgeber zehn Kategorien von Kommentaren entwickelt - von der Prüfung und Korrektur biografischer Angaben über Erklärungen zu Hitlers (oft äußerst mühsam zu eruierenden) Quellen und dem zeitgenössischen Kontext bis hin zur Aufdeckung innerer Widersprüche und der Weiterverfolgung von Hitlers Programmversprechen in die politische Realität nach 1933.

Beispiel


Auf Seite 263 des ersten Bandes erklärt Hitler "Blutsünde und Rassenschande" zur "Erbsünde dieser Welt" und zum "Ende einer sich ihnen ergebenden Menschheit".

Der Kommentar verfolgt den Begriff der Rassenschande zurück in die Kolonialzeit, als der Geschlechtsverkehr zwischen weißen Frauen und dunkelhäutigen Männern tabuisiert werden sollte. Als Belegstelle wird eine Passage des völkischen Kolonial- und Trivialautors Hans Grimm zitiert; dessen Bestseller von 1926 wiederum transportiert im Titel eine weitere Kernidee Hitlers: "Volk ohne Raum".

Der Kommentar führt weiter aus, wie die "Rassenschande" von vielen Zeitgenossen Hitlers als Kriegslist der Alliierten begriffen wurde, welche Kolonialtruppen gegen Deutschland und seine Verbündeten einsetzten, und schlägt danach den Bogen zur Übertragung des Begriffs auf Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden. Selbst historisch versierten Lesern dürften diese Bezüge bei der Lektüre von Hitlers Originaltext nicht ohne Weiteres in den Sinn kommen.


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