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Fachkraft für Rohr-, Kanal- und Industrieservice Mit Hightech ins Rohr

Sie reparieren Abwasseranlagen in Industrieunternehmen, pumpen Faul- und Sickergruben leer und untersuchen mit ferngesteuerten Kamerawagen Rohre und Kanäle: die Fachkräfte für Rohr-, Kanal- und Industrieservice.

Stand: 01.04.2014

Jannis setzt den Helm ab und zieht die Atemschutzmaske vom Gesicht. Der 20-jährige Hesse ist bis auf die Unterhose nassgeschwitzt. Dabei war er gerade einmal vierzig Minuten im Kontrollschacht der Mülldeponie Meudt bei Limburg. Er hat Pumpen und Sickerschächte inspiziert und Abwasserproben genommen. Der dicke Schutzanzug, die hohe Temperatur im Müllberg und die schwere Atemschutzausrüstung - das zwingt selbst den durchtrainierten Jannis in die Knie. Jetzt muss er erst einmal durchschnaufen. Die Deponie ist schon lange nicht mehr in Betrieb. Und es weiß niemand genau, woraus der riesige Müllberg besteht. Deswegen müssen Jannis und seine Kollegen regelmäßig die Drainage der Deponie überprüfen und warten. So verhindern sie, dass Schadstoffe ins Grundwasser sicken können.

"Wenn man es falsch macht, ist der Job sehr gefährlich. Wir arbeiten täglich mit Gasen. Wir nehmen immer ein Gaswarngerät mit. Mit dem messen wir die Explosionsgefahr, Methan und Schwefelwasserstoff. Das ist beispielsweise extrem gefährlich: In einer Millisekunde bist Du ohnmächtig. Wenn man irgendwo runter geht, musst Du von einem Kollegen abgesichert sein. Es sind daran auch schon Leute gestorben."

Jannis Wetzig (20), 3. Lehrjahr

Jannis ist im dritten Lehrjahr. Er macht bei "Bördner und Fehr" in Limburg eine Ausbildung zur Fachkraft für Rohr-, Kanal- und Industrieservice. Die Fachkräfte reinigen, überwachen und warten Abwasser- und Kanalanlagen. Sie pumpen Faulbecken und Sickergruben aus und kümmern sich um Abwassersysteme in Industrieunternehmen. Jannis und seine Kollegen können sowohl in der Privatwirtschaft als auch im öffentlichen Dienst Jobs finden. Die dreijährige Ausbildung wird im öffentlichen Dienst, in der Industrie und im Handwerk angeboten. Der überwiegende Teil der Auszubildenden bringt einen Hauptschul- oder, wie Jannis, einen Realschulabschluss mit. Grundsätzlich aber ist keine bestimmte schulische oder berufliche Vorbildung vorgeschrieben.

Umwelttechnischer Beruf

Beim Rohr-, Kanal- und Industrieservice dreht sich im Grunde alles um Fäkalien, Fette, Öle und Abwasser. Die Branche hat ein Imageproblem. Das merkte Jannis, als er seinen Kumpels das erste Mal von seinem Berufswunsch erzählte. Die fanden es eklig, dass Jannis ständig mit Abwasser, Kot und Dreck zu tun hat. Doch der Beruf hat längst nichts mehr mit dem eines Kanalarbeiters früherer Tage zu tun. Heute zählt der Job zu den umwelttechnischen Berufen. Jannis und seine Kollegen setzen moderne Technik ein: Computer, Kamerafahrzeuge, ferngesteuerte Roboter. Fachkräfte für Rohr-, Kanal- und Industrieservice müssen zwar mit Schmutz umgehen. Für jeden Einsatz gibt es aber die passende Arbeitskleidung. Technische Hilfsmittel sorgen dafür, dass auch der Rücken nicht schmerzt, wenn sie abends Feierabend machen.

Blockunterricht an der Berufsschule

Für den Ausbildungsberuf gibt es nur eine Handvoll Berufsschulen. Jannis geht - wie die meisten Auszubildenden aus dem südlichen Deutschland - im schwäbischen Lauingen zur Schule. Andere Berufsschulen sind im nordrheinwestfälischen Gelsenkirchen und im thüringischen Altenburg. Weil viele Schüler von weit her kommen, gibt es Blockunterricht. Benzin, Bahnticket, Pensionskosten, Mehraufwand für Verpflegung - das läppert sich. Einige Ausbildungsbetriebe übernehmen die Kosten für die regelmäßigen Fahrten zum Blockunterricht und die Unterbringung vor Ort oder schießen zumindest einen Großteil dazu. Wer sich für die Ausbildung interessiert, sollte diesen Punkt vorab mit dem Lehrbetrieb klären.

Inzwischen Jannis' Pause vorbei. Er nimmt eine frische Druckluftflasche aus dem Rüstwagen. Heute muss er mitten im Müllberg noch zwei weitere Pumpen kontrollieren. Obwohl er häufig tüchtig zupacken muss, ist das hier sein Traumberuf. Ein Job, den er außerdem ausführt mit dem nötigen Respekt vor der Gefahr, die im Untergrund täglich auf ihn lauert.

Die wichtigsten Fakten zur Ausbildung:

  • Offizielle Berufsbezeichnung: Fachkraft für Rohr-, Kanal- und Industrieservice
  • Ausbildungsdauer: Drei Jahre
  • Ausbildungsform: Die Ausbildung ist bundesweit geregelt. Sie wird im öffentlichen Dienst, in der Industrie und im Handwerk angeboten mit den zwei Schwerpunkten "Industrieservice" und "Rohr- und Kanalservice".
  • Prüfung: Vor dem Ende des zweiten Ausbildungsjahres wird eine Zwischenprüfung durchgeführt. Die Abschlussprüfung nach dem dritten Lehrjahr besteht aus einem schriftlichen und einem praktischen Teil. Als Aufgabe kommt z.B. in Betracht: Die Reinigung einer abwassertechnischen Anlage unter Berücksichtigung arbeitsvorbereitender Maßnahmen und der Arbeitssicherheit.
  • Ausbildungsorte: Fachkräfte für Rohr-, Kanal- und Industrieservice werden im Ausbildungsbetrieb und in der Berufsschule ausgebildet. Ein Teil der Ausbildung kann u.U. überbetrieblich durchgeführt werden, etwa in anderen Unternehmen. Länderübergreifende Fachklassen gibt es an den Berufsschulen Lauingen (Bayern), Gelsenkirchen (NRW) und Altenburg (Thüringen).
  • Zugang: Grundsätzlich ist keine bestimmte schulische oder berufliche Vorbildung vorgeschrieben.
  • Eignung: Fachkräfte für Rohr-, Kanal- und Industrieservice müssen sorgfältig arbeiten und über physikalische, chemische Kenntnisse sowie ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen verfügen.
  • Perspektiven: Der Bedarf an qualifizierten Mitarbeitern in dieser Branche ist bundesweit hoch.
  • Alternativen: Fachkraft für Abwassertechnik - Fachkraft für Wasserversorgungstechnik - Fachkraft für Kreislauf- und Abfallwirtschaft
  • Weitere Informationen finden Sie auf den Webseiten der Arbeitsagentur:

Die wichtigsten Infos zum Beruf

Gefahr

Jannis muss damit rechnen, dass Schächte und Kanäle mit giftigen Gasen und Dämpfen gefüllt sind. Je nach Einsatz trägen die Fachkräfte schweren Atemschutz oder einen so genannten Sauerstoffselbstretter. Dieses Gerät kann Sauerstoff auf chemischem Weg erzeugen. Das reicht für den raschen Rückweg. Im Ernstfall muss Jannis mit einer Klammer seine Nase verschießen und durch ein Mundstück atmen.

Team

Teamwork kann in dem Beruf überlebenswichtig sein. Wenn Jannis in einen Schacht einsteigt, sichert ihn ein zweiter Mann am Einstieg. Die beiden stehen in ständigem Kontakt. Entweder verständigen sie sich auf Zuruf oder mit Walkie-Talkies. Wird Jannis im Schacht ohnmächtig oder verunglückt, zieht ihn der Kollege mit dem Rettungsseil aus der Gefahrenzone. Die Mannschaft muss sich blind vertrauen können.

Mobilität

Ohne einen Führerschein für Lastkraftwagen geht in dem Beruf üblicherweise gar nichts. Die großen Saug- und Spülfahrzeuge beispielsweise dürfen nur mit Führerschein Klasse C und Berufsfahrerqualifikation bewegt werden. Also müssen die Mitarbeiter in der Regel noch mal in die Fahrschule. Das kostet rund 5.000 Euro. Häufig übernimmt der Ausbildungsbetrieb die Kosten.


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