Sport mit Handicap Wie ein Freisinger Team Blindenbaseball groß machen will

Blind sein und Baseballspielen – das geht doch niemals! Eben doch. Gabi Eichenseer spielt im Team der einzigen Blindenmannschaft Deutschlands. Uns hat sie erzählt, warum Baseball der perfekte Sport für sie ist.

Author: Conny Neumeyer

Published at: 31-1-2020 | Archiv

Gabi steht in einer Sporthalle und lächelt. Im Hintergrund ist ihr Team zu sehen.  | Bild: Cornelia Neumeyer

Im Baseball fliegen die Bälle schnell, mal kurvig, mal langsam oder am Ende doch ganz anders, als man dachte. Der Batter muss bei jedem Schlag sofort reagieren und dann als Runner so geschwind wie möglich die nächste Base ansteuern – und da rechtzeitig ankommen. Alles Skills, für die man eine gute Hand-Augen-Koordination braucht und außerdem sehen muss, wohin man den Ball schlägt und wo die nächste Base liegt. Oder? Nicht wirklich. Etwa 30 Kilometer nördlich der bayerischen Hauptstadt liegt Freising. Das Zuhause der einzigen deutschen Blindenbaseballmannschaft, den Bavarian Bats. Und die beweisen, dass Baseball nicht nur ein Sport für sehende Menschen ist.

Jeden zweiten Sonntag trainiert die Mannschaft auf dem Gelände der Freising Grizzlies, dem offiziellen Baseball- und Softballteam der Stadt. Etwa 14 Mitglieder gehören zur Mannschaft, die fürs Training auch aus ganz Bayern anreisen. Der ehemalige Grizzlie-Coach Franz Fischer hat die Bats im Jahr 2009 gegründet. Die Mannschaft spielt nach einem eigenen System, das aber nah an das des normalen Baseballs angelehnt ist. Auch in anderen Ländern gibt es Blindenbaseballteams, in Italien gibt es sogar eine Blindenliga mit 13 Mannschaften. Davon ist Deutschland noch weit entfernt, aber auch hier träumt man vom Ligabetrieb. Doch viele Blinde und Sehbehinderte wissen gar nicht, dass es den Sport gibt. Die Freisinger gehen deswegen auf andere Städte zu, um noch mehr deutsche Mannschaften aufzubauen. In Berlin und Stuttgart hat man schon Interesse gezeigt, eigene Teams zu schaffen. Gabi Eichenseer ist Mitglied in Freising. Wir haben die 31-Jährige gefragt, warum Baseball ihr Lieblingssport ist, wie sie mit ihrem Team den Blindenbaseball in Deutschland voranbringen will und ob auch Sehende mitmachen können.

PULS: Wie funktioniert Blindenbaseball?

Gabi Eichenseer: Im Ball sind Glöckchen verbaut, damit man hören kann, wohin er fliegt und wo er landet. Das ist außerdem einer der größten Unterschiede zu normalem Baseball: Da kriegt man den Ball nämlich zugeworfen. Wir schlagen ihn aber aus der eigenen Hand, weil das einfacher ist. Wenn man geschlagen hat, ist das Laufen dran. Die erste Base, auf die wir zulaufen, macht ein Piep- oder Pfeifgeräusch. Um die muss man herumlaufen und bis zur zweiten Base kommen. An der steht einer unserer Coaches, der eine Klapper in der Hand hat und klatscht. Umso schneller er klatscht, desto näher sind wir an der Base dran. So können wir den restlichen Abstand bis zur Base einschätzen und schneller oder langsamer werden, damit wir genau auf der Base landen. Und die Defense profitiert natürlich auch von den Glöckchen in dem Ball, weil die hören, wohin er fliegt oder ob er über den Boden rollt. Wenn sie ihn gefunden haben, steht an der zweiten Base auch noch mal ein sehender Coach, dem man den Ball auf Gehör zuwirft.

Das heißt, pro Mannschaft sind zwei sehende Coaches mit auf dem Feld. Kann man also auch als sehender Spieler mitmachen?

Mitmachen darf man immer, jeder ist herzlich willkommen. Und wir haben ja auch diese zwei Parts: Die Coaches, die uns über den Platz scheuchen und denen wir den Ball zuwerfen und dann uns, die normalen Spieler. Als Sehender müsste man dafür dann aber eine Augenbinde aufsetzen.

Was macht Blindenbaseball für dich so besonders?

Baseball macht mir viel Spaß, weil es viele verschiedene Dinge zusammenbringt. Ich muss den Ball gut treffen beim Schlagen, ich muss schnell und zielgenau laufen können, ich muss aber auch in der Defense den Ball hören können und zielgenau zum Fänger werfen. Es sind viele Dinge, die abgefragt werden und das macht's spannender als andere Sportarten. Baseball ist ein Teamsport und findet draußen statt, das macht immer Spaß. Und was dazu kommt: Es ist keine Kontaktsportart, die Verletzungsgefahr ist also geringer. Was auch noch dazu kommt, ist, dass man beim Baseball seinen Orientierungssinn und das Gehör trainiert. Wir brauchen das im Alltag eh schon mehr als ein Sehender. Und sind es gewöhnt darauf zu achten und beim Baseball benutzen wir es halt noch zusätzlich, was ideal ist.

Wie bist du zum Blindenbaseball gekommen?

Ich habe eigentlich schon immer gern Sport gemacht und Verschiedenes ausprobiert, wie Goalball, Showdown (spezielle Sportarten für Blinde und Sehbehinderte, Anm. der Red.) oder auch Dinge wie Laufen, Tandemfahren oder Inlineskaten. Beim Baseball bin ich jetzt ungefähr dreieinhalb Jahre dabei. Dazu gekommen bin ich über meine Freunde. Die haben mir davon erzählt, dass es recht cool ist und viel Spaß macht und sie meinten: Komm doch mal mit! Und irgendwann bin ich mitgekommen und geblieben.

Bis jetzt seid ihr die einzige deutsche Mannschaft. Was ist der Traum, wo wollt ihr mal hin?

Der Traum wäre auf jeden Fall, mehr Gegner zu haben. Meistens spielen wir gegen uns selbst, so gut es eben geht. Einmal im Jahr findet ein Turnier statt, das nennt sich Mole Cup (dt. Maulwurfs-Cup, Anm. der Red.). Dieses Jahr sind Italien und Frankreich dabei. Letztes Jahr waren auch Kuba, Großbritannien und die USA am Start und ich weiß, dass es auch in Pakistan ein Team gibt. Dieses Jahr haben wir außerdem eine Einladung nach Italien für ein kleineres Turnier bekommen.

Wie ist das Feedback, das ihr auf euch und den Blindenbaseball bekommt?

Die meisten finden das eigentlich ziemlich cool. Wir organisieren ja auch gelegentlich Veranstaltungen, wo sehende Leute das mal ausprobieren können. Die bekommen dann eine Dunkelbrille auf und können das Schlagen oder das Laufen ausprobieren. Und für die ist das jedes Mal ganz spannend, weil das eine Situation ist, die sie aus ihrem Alltag nicht kennen.

Was tut ihr, damit mehr Leute erfahren, dass es Blindenbaseball gibt?

Letztes Jahr haben wir zum Beispiel einen Workshop veranstaltet, wo sich jeder den Sport mal anschauen und reinschnuppern konnte. Ich denke, dass wir das dieses Jahr auch wieder machen werden. Wir haben in Regensburg auch schon an Bürgerfesten teilgenommen und alle die vorbeigehen, dürfen Blindenbaseball mal ausprobieren.

Sendung: PULS am Nachmittag vom 31.01.2020 – ab 15 Uhr