Unternehmen - Bildungsprojekte


28

Audioguide Garmisch-Partenkirchen Das dunkle Kapitel einer Ortsgeschichte

"Ihr Schweine! Erschlagt sie! Spuckt die Juden an!" - Die Zeit des Nationalsozialismus ist lange vorbei und doch sind Nazi-Parolen im Schulhof des Werdenfels-Gymnasiums Garmisch-Partenkirchen zu hören. Sofort stürmen Schüler und Lehrer an die Fenster. Fragende, befremdete Gesichter – und dann die Erleichterung: Dort stehen keine Neonazis, sondern vier 17jährige Schüler des Werdenfels-Gymnasiums, die eine Hörspielszene proben.

Stand: 27.01.2014

Der Garmischer Bahnhof damals und heute | Bild: Bayerische Staatsbibliothek München; picture-alliance/dpa; Montage: BR

Eine Szene, die sich im Jahr 1938 in Garmisch-Partenkirchen genau so zugetragen haben dürfte: Nach dem Novemberpogrom mussten alle ortsansässigen Juden die Marktgemeinde verlassen, zuvor wurden sie angespuckt, geschlagen und angebrüllt. All das soll auf dem achtteiligen Audioguide über Garmisch-Partenkirchen zur Zeit des Nationalsozialismus später zu hören sein und darum heißt es für die Schülerinnen und Schüler nun: vor dem Aufnahmegerät brüllen, schreien, spucken – sich direkt hineinzuversetzen in diese dunkle Zeit ihrer eigenen Heimatgemeinde.

Geschichte zum Klicken & Hören

Zu diesem Zeitpunkt ist für die elf Schülerinnen und  Schüler des P- Seminars "Audioguide – Garmisch-Partenkirchen zur Zeit des Nationalsozialismus" der größte Teil der Arbeit bereits getan. Betreut von der Deutsch - und Geschichtslehrerin Christine Riesenhuber haben sie monatelang Schicksale und Ereignisse während der Naziherrschaft in der Marktgemeinde recherchiert.


Zusammen mit dem pensionierten Geschichtslehrer und  Lokalhistoriker Alois Schwarzmüller und dem Marktarchivar Franz Wörndle sind die P-Seminaristen auf Spurensuche gegangen: Sie haben die Geschichte des Rathauses erforscht, das bei der erzwungenen Vereinigung der beiden Gemeinden im Vorfeld der Olympischen Spiele 1936 einen der Hauptstreitpunkte darstellte. 

Sie sind in das Olympia-Skistadion gegangen und haben für ihre Reportage nach Original- Archivaufnahmen der Olympischen Winterspiele 1936 gesucht. Alois Schwarzmüller hat ihnen die Geschichte des mutigen Johann Mordstein erzählt, der in den letzten Kriegstagen im April 1945 am Bahnhof zwei jüdische KZ-Häftlinge aus einem Waggon befreit hat.

Die Vergangenheit aufarbeiten

Marienplatz Garmisch-Partenkirchen: Mahnmal zum Gedenken an die 44 jüdischen Opfer der NS-Verfolgung und Vernichtung

Wer sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit des Ortes befassen wollte, der stieß jahrelang auf taube Ohren. Niemand war begeistert, dass die "braune Vergangenheit" von Garmisch-Partenkirchen öffentlich zu Tage kommt. Eine Auseinandersetzung mit dem Thema fand – wie in vielen anderen oberbayerischen Gemeinden nicht statt. Das hat sich in Garmisch-Partenkirchen verändert und ist sicher auch ein Verdienst von Alois Schwarzmüller, der nicht locker ließ mit seinen Recherchen. Unter Federführung ihrer Lehrerin Christine Riesenhuber haben die elf Schülerinnen und Schüler des Werdenfels-Gymnasiums im Sommer 2013 ihr Wissen in Texten formuliert. Diese dienten als Vorlage für die acht Audioguides.

Audioguide macht Ortsgeschichte zur NS-Zeit hörbar

Seit Februar 2013 gibt  es im Olympia-Skistadion in Garmisch-Partenkirchen eine Dauerausstellung mit dem Titel "Die Kehrseite der Medaille – die Olympischen Winterspiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen".

Interessierte können den Audioguide über verschiedene Wege abrufen:

  • via QR-Codes an den einzelnen Audioguide-Stationen bei einem Rundgang durch den Ort
  • über die Homepage der Stiftung Zuhören und des Bayerischen Rundfunks (br.de/audioguides)
  • und über die kostenlose Bayern hören-App für Android-Smartphones

Im Juli 2013 kamen die beiden BR-Journalistinnen Annette Kugler und Angela Braun an die Schule. Nach kurzen Einweisungen und einigen praktischen Übungen sind die Nachwuchs-Reporter mit BR-Mikrofonen in der Hand losgezogen, um Interviews, Geräusche und gestellte Szenen aufzunehmen. Außerdem haben sie Geräusche im Schulhaus nachgespielt, zum Beispiel hallende Schritte, das Schlagen einer schweren Eisentüre oder verzweifeltes Stöhnen, bei dem die Schülerinnen und Schüler einer benachbarten Lateinklasse mitgeholfen haben.

Die Aufnahmen wurden geschnitten und geordnet, so dass für die Audioguide-Produktion im BR Hörspielstudio im Funkhaus alles vorbereitet war. An einem Oktober-Wochenende  ging's ins Studio des Bayerischen Rundfunks, um die acht Audioguides professionell zu produzieren. Alle P-Seminaristen haben ihre Texte selbst gesprochen – Timon Merk und Erik Bigo haben mit Klarinette und Saxophon einzelnen Musikstücke eingespielt. Unter der technischen Leitung von Miriam Böhm sind an diesem Wochenende alle Audioguides fertig geworden.      

Das Audioguide-Team "Garmisch-Partenkirchen im Nationalsozialismus"

Projektschule: Werdenfels-Gymnasium Garmisch-Partenkirchen (P-Seminar)
ProjektschülerInnen: Susanne Meier, Timon Merk, Ann-Katrin Baudrexl, Robert Altenhofen, Robert Porzenheim, Daniela Heitlinger, Sebastian Bittner, Erik Bigo, Ciaran Kelly, Tobias Enthart, Emre Tiryaki
Projekt-Lehrerin: Christine Riesenhuber, Werdenfels-Gymnasium Garmisch-Partenkirchen
Fachliche Betreuung: Alois Schwarzmüller, Lokalhistoriker, sowie Franz Wörndle, Archivar der Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen
BR-Mediencoaches: Angela Braun und Annette Kugler (Bayerischer Rundfunk, Redaktion Oberbayern)
Tontechnik: Miriam Böhm, Bayerischer Rundfunk
Online-Idee und Umsetzung: Ulrike Ecker, Bayerischer Rundfunk
Projektleitung: Annegret Arnold, Bayerischer Rundfunk / Stiftung Zuhören

Musikakzente: Erik Bigo (Saxophon) und Timon Merk (Klarinette)
"Hava nagila" (hebräisches Volkslied)
"Trauermarsch" (Marche funèbre) b-Moll, 3. Satz aus der "Klaviersonate Nr. 2", op. 35, von Frédéric Chopin (1839 )
"God save the Queen", Henry Carey


28