Bayern 2 - Hörspiel


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PUBLIC WORKSHOP Die Gewinnerstücke 2016

Stand: 06.02.2017 | Archiv

"An jungen Hörspiel-Ideen herrscht kein Mangel. Dies zeigt der große Zulauf bei der ersten Ausgabe der neuen Wettbewerbsreihe PUBLIC WORKSHOP, in der es um Nachwuchsförderung, aber auch um Austausch und Partizipation geht. Eine professionelle Umgebung für die jungen Hörspielmacher, neue Impulse für den Bayerischen Rundfunk."

Katarina Agathos, Chefdramaturgin BR Hörspiel und Medienkunst 

453 Hörspiel-Ideen

453 junge Autorinnen und Autoren haben ihre Ideen bei dem neuen Wettbewerb eingereicht, den die Redaktion Hörspiel und Medienkunst gemeinsam mit PULS, dem jungen Programm des BR, ausgeschrieben hat. Die Jury des Bayerischen Rundfunks zeigte sich von der Qualität und der Formenvielfalt der eingereichten Exposés und Manuskripte beeindruckt und wählte sechs Gewinner.

6 Gewinner-Hörspiele

Die Hörspiele der sechs Gewinner mit einer Länge von 5 bis maximal 20 Minuten Länge sind im Winter 2016 produziert worden und wurden am 20. und 27.1.2017 auf Bayern 2 und am 29. Januar auf PULS gesendet. Die Hörspiele sowie Gespräche mit den Autoren werden im BR Hörspiel Pool zum Download angeboten.

Die Mitglieder der Jury waren Katarina Agathos (Chefdramaturgin BR Hörspiel und Medienkunst), Christine Grimm (Lektorin BR Hörspiel und Medienkunst), Nadine Ulrich (Radiochefin PULS) und Karl Bruckmaier (Regisseur).

Alexander Behrmann: Kann weg

Alexander Behrmann | Bild: BR/Christian Lösch

Stilsicher und ausdrucksstark wird in Kann weg über die Konstruktion und Dekonstruktion von Identität aus Erinnern und Vergessen erzählt. 

Mit Julia Riedler, Sebastian Weber
Regie: Lorenz Schuster
BR 2017

Alexander Behrmann, geb. 1975 in Kassel. Promotion in Literaturwissensch, Referent im Kommunikationsbereich des Goethe-Instituts in München. Seit 2006 freier Autor (unter seinem Geburtsnamen Müller) u.a. für die Frankfurter Allgemeinen Zeitung und den Rolling Stone. Seit 2015 Mitherausgeber der Literaturzeitschrift Krachkultur.

"Das Vergessen bezeichnet den Verlust von Erinnerung, die Verdrängung von Erlebtem oder die Verleugnung von Geschehenem. 'Vergessen' scheint per se ein durchweg negativ besetztes Wort zu sein. Dabei wäre es doch großartig, bewusst und mit gutem Gewissen zu vergessen. Dass das nicht so einfach ist, wusste schon Friedrich Nietzsche, der feststellte: 'Man vergisst nicht, wenn man vergessen will'. Mit Hilfe von Alexander Behrmanns Kann weg scheint dies jedoch für einen kurzen Augenblick auf befreiende Weise ganz leicht. Eine Frau schließt einen Vertrag mit einer Firma und hat die Chance auszumisten: Weder Schriftsteller, Musiker, Filmemacher oder Ex-Freunde bleiben verschont und auch andere Erinnerungen nicht, die ihr aus heutiger Sicht unnütz erscheinen.  Was bleibt? Man könnte sagen: Das ganze Leben besteht aus Erinnern. Es macht uns zu dem, was wir sind, ruft magische Momente hervor und doch trügt es uns manchmal. Behrmann schafft es mit Kann weg, stilsicher und ausdrucksstark über diese Konstruktion und Dekonstruktion von Identität aus Erinnern und Vergessen zu erzählen. Oder wie es in einem Drama von Jean Anouilh heißt: 'Würden sich die Menschen um das Vergessen nur halb so viel bemühen, wie um das Erinnern, dann wäre die Welt längst ein friedliches Paradies.'"

Jurybegründung 'Kann weg' von Alexander Behrmann

Kai Bleifuß: Pinball

Kai Bleifuß | Bild: BR/Christian Lösch

Pinball ist eine Sprachkomposition, eine vielstimmige, spielerische und assoziative kollektive Großstadterzählung, die mit Syntax und Rhythmus überaus präzise arbeitet und so ein Netz an Bezügen webt. Ein formales Experiment und eine radiokünstlerische Herausforderung.

Mit Kathrin von Steinburg, Xenia Tiling, Rene Dumont, Aurel Manthei
Regie: Stefanie Ramb, BR 2017

Kai Bleifuß, geb. 1983. Studium der Neueren deutschen Literatur, Politikwissenschaft und Kunstgeschichte. Promotion über die Demokratie im Roman der Weimarer Republik. 2014 Veröffentlichung des Romans Goethes Mörder. Weitere literarische und wissenschaftliche Texte u.a. für die horen, erostepost, Krautgarten und das Jahrbuch zur Kultur und Literatur der Weimarer Republik. Auszeichnungen u.a. Kunstförderpreis der Stadt Augsburg, Mieczysław-Pemper-Preis sowie Stipendien der Friedrich-Ebert-Stiftung und des Deutschen Akademischen Auslandsdiensts.

"Pinball ist eine Sprachkomposition, eine vielstimmige, spielerische und assoziative kollektive Großstadterzählung. Zunächst mutet das Manuskript wie das Ergebnis eines Kinderspiels an, bei dem jeder Mitspieler einen zweizeiligen Satz schreibt, das Papier so faltet, dass nur die zweite Zeile zu sehen ist und es weiter gibt. Auf diese Weise kommen mehr oder weniger interessante Erzählungen mit zufälligen Zusammenhängen und Brüchen zustande. Zufällig und zusammengewürfelt sind die Sätze im Hörspiel von Kai Bleifuß jedoch ganz und gar nicht. Der Autor hat an Syntax und Rhythmus überaus präzise gearbeitet, ein Netz an Bezügen gewoben. Jeder Satz gewährt Einblick in eine eigene Welt, binnen Sekunden entsteht aus den Gedanken- und Wortfetzen eine Miniatur, die sich auf die vorherige bezieht und kurz darauf von der nächsten abgelöst wird. Ein formales Experiment und eine radiokünstlerische Herausforderung."

Jurybegründung 'Pinball' von Kai Bleifuß

Marie Luise Lehner: Womit wir schlafen oder Wir ficken einen Staat

Marie Luise Lehner | Bild: BR/Christian Lösch

Für ihren Text hat Lehner im Netz Kontakt zu jungen, lesbischen Frauen in Bangladesch und im Iran aufgenommen und Interviews mit ihnen geführt. Entstanden ist eine spannende Collage aus sehr persönlichen Schilderungen, Chat-Protokollen und lyrischen Einschüben.

Mit Marie Luise Lehner, Caroline Ebner, Christian Baumann, Laura Maire
Regie: Stefanie Ramb
BR 2017

Marie Luise Lehner, geb. 1995, lebt in Wien und Linz. Studium am Institut für Sprachkunst der Universität für angewandte Kunst und an der Filmakademie in Wien. Schreibt Prosa, Hör- und Theaterstücke. Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften. Ihr erster Roman Fliegenpilze aus Kork erscheint im Februar 2017 bei Kremayr&Scheriau. Auszeichnungen u.a. Kolik-Preis, Jugendliteraturwettbewerb Sprichcode.

"Respekt! Die Juroren machen Knicks und Verbeugung vor Marie Luise Lehner (21 Jahre jung!) und ihrem Projekt Womit wir schlafen, oder wir ficken einen Staat. Marie Luise Lehner hat den Mumm und packt gleich mal die dicken Bretter an, das beeindruckt. Für ihren Text hat sie im Netz Kontakt zu jungen, lesbischen Frauen in Bangladesch und im Iran aufgenommen und Interviews mit ihnen geführt. Was sie interessiert: wie ist es, in einem Land zu leben, in dem Du mit Deiner sexuellen Orientierung gegen das Gesetz verstößt und im schlimmsten Fall sogar die Todesstrafe fürchten musst. Rausgekommen ist eine spannende Collage aus sehr persönlichen Schilderungen, Chat-Protokollen und lyrischen Einschüben – auch formal ein spannendes Projekt!"

Jurybegründung 'Womit wir schlafen oder Wir ficken einen Staat' von Marie Luise Lehner

Katja Schraml: Es läuft sich gut

Dieser innere Monolog einer Läuferin (oder eines Läufers) entfaltet mit bestechendem Witz und Lakonie ein hohes Tempo und Sogwirkung.

Mit Katja Bürkle
Regie: Karl Bruckmaier
BR 2017

Katja Schraml, geb. 1977 in Bayern. Studium der Neueren deutschen Literatur, Soziologie und Sprachwissenschaft in Würzburg. 2015 erschien ihr Debütroman „Josef der Schnitzer Stumpf“ im KUUUK-Verlag. Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften (u.a. Wiener Werkstattpreis 2016, art-experience Kulturfestival 2015, Karussell, keine!delikatessen). Blogg auf www.kaschpar.de

Tonaufnahme: Katja Bürkle auf dem Laufband

"Im Bewußtsein einer Läuferin (oder eines Läufers): Sie (oder er) joggt durch einen Park, der sich in jedem Teil der Welt befinden kann. Es werden Außenreize wie Temperatur und Vogelgezwitscher registriert, daneben auch Begegnungen, die im Vorbeilaufen kaum wahrzunehmen sind und deshalb kleine Störungen verursachen:  die Gedanken bleiben daran hängen, gehen zurück, driften ab. Katja Schraml gelingt es mit ihrem inneren Monolog Es läuft sich gut hohes Tempo und Sogwirkung zu entfalten. Ein situativer, äußerst radiophoner Text, der durch Witz und Lakonie besticht und dabei nichts weniger als die Natur des Denkens und die Präsenz des Augenblicks reflektiert."

Jurybegründung 'Es läuft sich gut' von Katja Schraml

Christian Schulteisz: Alles was

Christian Schulteisz | Bild: BR/Christian Lösch

Mit Alles was, einem Auszug aus dem Manuskript-Triptychon Wer wie was wo wieso weshalb warum wir… oder: Hundert Titel sagen mehr als tausend Bücher  wird die Kühnheit belohnt, sich bewusst für die kleine Form, das kurze Stück zu entscheiden.

Mit Georgia Stahl, Aurel Manthei, Julia Riedler, Sebastian Weber
Regie: Lorenz Schuster
BR 2017

Christian Schulteisz, geb. 1985 in Gelnhausen, Absolvent des Deutschen Literaturinstituts Leipzig. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, Anthologien und im Radio, u. a. Sprache im technischen Zeitalter, Edit, Deutschlandradio Kultur. Mehrere Preise und Stipendien, zuletzt das Residenzstipendium der Jürgen-Ponto-Stiftung im Herrenhaus Edenkoben.

"Mit Alles was, einem Auszug aus dem Manuskript-Triptychon Wer wie was wo wieso weshalb warum wir… oder: Hundert Titel sagen mehr als tausend Bücher von Christian Schulteisz wird die Kühnheit belohnt, sich bewusst für die Kleine Form, das kurze Stück zu entscheiden. Das Gewicht der Welt scheint immer nach einem Atlas zu verlangen, um es zu tragen. Doch manchmal erledigt auch ein Aphorismus, ein Aperçu, eine schlagfertige Antwort den Job und hilft der Welt, sich weiterzudrehen. Alles was setzt auf die Kraft der sinnfreien Reihung, die erhellende Wirkung des Zeigens: Wer zeigt, hat gesehen und gehört und ermöglicht es Dritten zu verstehen. Westentaschen-Aufklärung. Keine kleine Kunst."

Jurybegründung 'Alles was' von Christian Schulteisz

Peter Zemla: Mein Bruder

Peter Zemla | Bild: BR/Christian Lösch

Etwas, beziehungsweise der vermeintliche „Bruder“, befindet sich hinter einer Tür, Journalisten sind zu Besuch und warten aufgeregt darauf ihn zu interviewen.

Mit Ferdinand Schmidt-Modrow, Ercan Karacayli, Stefan Merki, Peter Veit
Regie: Stefanie Ramb
BR 2017

Peter Zemla, geb. 1964 in Bamberg. Studium der Germanistik und Philosophie in Erlangen. Ausbildung zum Journalisten. Redakteur u.a. bei ProSieben. Seit Ende der 90er Jahre freier Journalist und Texter. Lebt und schreibt in Eckental bei Nürnberg. Literarische Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien.

"Jeder Mensch, der mit Hörspiel befasst ist, kennt die Situation, in der das Gegenüber euphorisch schwärmt von den gern erinnerten Stunden vor dem Radio oder dem Kassettenrekorder, in denen es mächtig aus den Lautsprechern quietschte und trampelte und trötete und röhrte und überhaupt die Welt Klang geworden war, möglichst authentischer Abklatsch-Klang einer Wirklichkeit, die mit Dieben, Monstern, Drachen und Untoten bevölkert sein kann, mit Prinzen und Zauberwesen. Mit 3 Fragezeichen. Das Knarren einer hölzernen Treppe, das Quietschen einer Türangel: Das war und ist das täglich‘ Brot der Hörspielkunst. Brot mag aus der Mode gekommen sein; man lädt sich vielleicht gerade lieber Sushi und glutenfreie Frühstückspampe runter. Aber Brot wird es noch geben, wenn auch die letzte Aceto Balsamico-Flasche aus den Supermarktregalen verschwunden ist. Mein Bruder von Peter Zemla ist Hörspiel-Brot. Unverwüstlich quäkt und trillert und tutet das Manuskript, damit wir es bloß nicht übersehen. Was hiermit nicht geschehen ist."

Jurybegründung 'Mein Bruder' von Peter Zemla


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