Bayern 2 - Hörspiel


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Wettbewerb für Hörspiel-Skripte und Ideen online und im Radio Public Workshop

Eine Kooperation von BR Hörspiel und Medienkunst mit PULS

Stand: 29.09.2016

Public Workshop: Wettbewerb für Hörspiel-Skripte und Ideen - Einsendeschluss: 20. Mai 2016   | Bild: BR

Die Gewinner des BR Wettbewerbs Public Workshop stehen fest

453 junge Autorinnen und Autoren haben ihre Ideen bei dem neuen Wettbewerb eingereicht, den die Redaktion Hörspiel und Medienkunst gemeinsam mit PULS, dem jungen Programm des BR, ausgeschrieben hat. Vielen Dank an alle Teilnehmer!
Die Gewinner sind:

  • Alexander Behrmann
  • Kai Bleifuß
  • Marie Luise Lehner
  • Katja Schraml
  • Christian Schulteisz
  • Peter Zemla

Herzlichen Glückwunsch!

"An jungen Hörspiel-Ideen herrscht kein Mangel. Dies zeigt der große Zulauf bei der ersten Ausgabe der neuen Wettbewerbsreihe Public Workshop, in der es um Nachwuchsförderung, aber auch um Austausch und Partizipation geht. Eine professionelle Umgebung für die jungen Hörspielmacher, neue Impulse für den Bayerischen Rundfunk."

Katarina Agathos, Chefdramaturgin BR Hörspiel und Medienkunst 

Qualität und Formenvielfalt

Insgesamt zeigte sich die Jury von der Qualität und der Formenvielfalt der eingereichten Exposés und Manuskripte beeindruckt. Ihre Auswahl begründet sie wie folgt: Alexander Behrmann schafft es mit Kann weg, stilsicher und ausdrucksstark über die Konstruktion und Dekonstruktion von Identität aus Erinnern und Vergessen zu erzählen. Kai Bleifuß ist mit der Sprachkomposition Pinball  ein formales Experiment und eine radiokünstlerische Herausforderung gelungen. Katja Schraml entfaltet mit ihrem inneren Monolog Es läuft sich gut hohes Tempo und Sogwirkung und besticht durch Witz und Lakonie. Mit Alles was, einem Auszug aus dem Manuskript-Triptychon Wer wie was wo wieso weshalb warum wir… oder: Hundert Titel sagen mehr als tausend Bücher von Christian Schulteisz wird die Kühnheit belohnt, sich bewusst für die Kleine Form, das kurze Stück zu entscheiden. Mein Bruder  von Peter Zemla überzeugt durch das augenzwinkernde Spiel mit Hörspieltraditionen. Marie Luise Lehner hat den Mumm und packt in ihrem Projekt Womit wir schlafen, oder wir ficken einen Staat  die dicken Bretter an: Für ihren Text hat sie im Netz Kontakt zu jungen, lesbischen Frauen in Bangladesch und im Iran aufgenommen und Interviews mit ihnen geführt.

Gewinner-Hörspiele im Radio und als Download

Die Gewinner-Hörspiele mit einer Länge von 5 bis maximal 20 Minuten Länge werden im Winter 2016 produziert und im Frühjahr 2017 im hör!spiel!art.mix auf Bayern 2 und im Radioprogramm von PULS gesendet. Im BR Hörspiel Pool stehen sie zum Download.

Jurybegründung "Kann weg" von Alexander Behrmann

Das Vergessen bezeichnet den Verlust von Erinnerung, die Verdrängung von Erlebtem oder die Verleugnung von Geschehenem. „Vergessen“ scheint per se ein durchweg negativ besetztes Wort zu sein. Dabei wäre es doch großartig, bewusst und mit gutem Gewissen zu vergessen. Dass das nicht so einfach ist, wusste schon Friedrich Nietzsche, der feststellte: “Man vergisst nicht, wenn man vergessen will“. Mit Hilfe von Alexander Behrmanns Kann weg scheint dies jedoch für einen kurzen Augenblick auf befreiende Weise ganz leicht. Eine Frau schließt einen Vertrag mit einer Firma und hat die Chance auszumisten: Weder Schriftsteller, Musiker, Filmemacher oder Ex-Freunde bleiben verschont und auch andere Erinnerungen nicht, die ihr aus heutiger Sicht unnütz erscheinen.  Was bleibt? Man könnte sagen: Das ganze Leben besteht aus Erinnern. Es macht uns zu dem, was wir sind, ruft magische Momente hervor und doch trügt es uns manchmal. Behrmann schafft es mit Kann weg, stilsicher und ausdrucksstark über diese Konstruktion und Dekonstruktion von Identität aus Erinnern und Vergessen zu erzählen. Oder wie es in einem Drama von Jean Anouilh heißt: "Würden sich die Menschen um das Vergessen nur halb so viel bemühen, wie um das Erinnern, dann wäre die Welt längst ein friedliches Paradies.“

Jurybegründung "Pinball" von Kai Bleifuß

Pinball ist eine Sprachkomposition, eine vielstimmige, spielerische und assoziative kollektive Großstadterzählung. Zunächst mutet das Manuskript wie das Ergebnis eines Kinderspiels an, bei dem jeder Mitspieler einen zweizeiligen Satz schreibt, das Papier so faltet, dass nur die zweite Zeile zu sehen ist und es weiter gibt. Auf diese Weise kommen mehr oder weniger interessante Erzählungen mit zufälligen Zusammenhängen und Brüchen zustande. Zufällig und zusammengewürfelt sind die Sätze im Hörspiel von Kai Bleifuß jedoch ganz und gar nicht. Der Autor hat an Syntax und Rhythmus überaus präzise gearbeitet, ein Netz an Bezügen gewoben. Jeder Satz gewährt Einblick in eine eigene Welt, binnen Sekunden entsteht aus den Gedanken- und Wortfetzen eine Miniatur, die sich auf die vorherige bezieht und kurz darauf von der nächsten abgelöst wird. Ein formales Experiment und eine radiokünstlerische Herausforderung.

Jurybegründung "Womit wir schlafen oder Wir ficken einen Staat" von Marie Luise Lehner

Respekt! Die Juroren machen Knicks und Verbeugung vor Marie Luise Lehner (21 Jahre jung!) und ihrem Projekt Womit wir schlafen, oder wir ficken einen Staat. Marie Luise Lehner hat den Mumm und packt gleich mal die dicken Bretter an, das beeindruckt. Für ihren Text hat sie im Netz Kontakt zu jungen, lesbischen Frauen in Bangladesch und im Iran aufgenommen und Interviews mit ihnen geführt. Was sie interessiert: wie ist es, in einem Land zu leben, in dem Du mit Deiner sexuellen Orientierung gegen das Gesetz verstößt und im schlimmsten Fall sogar die Todesstrafe fürchten musst. Rausgekommen ist eine spannende Collage aus sehr persönlichen Schilderungen, Chat-Protokollen und lyrischen Einschüben – auch formal ein spannendes Projekt!

Jurybegründung "Es läuft sich gut" von Katja Schraml

Im Bewußtsein einer Läuferin (oder eines Läufers): Sie (oder er) joggt durch einen Park, der sich in jedem Teil der Welt befinden kann. Es werden Außenreize wie Temperatur und Vogelgezwitscher registriert, daneben auch Begegnungen, die im Vorbeilaufen kaum wahrzunehmen sind und deshalb kleine Störungen verursachen:  die Gedanken bleiben daran hängen, gehen zurück, driften ab. Katja Schraml gelingt es mit ihrem inneren Monolog Es läuft sich gut hohes Tempo und Sogwirkung zu entfalten. Ein situativer, äußerst radiophoner Text, der durch Witz und Lakonie besticht und dabei nichts weniger als die Natur des Denkens und die Präsenz des Augenblicks reflektiert.

Jurybegründung "Alles was" von Christian Schulteisz

Mit Alles was, einem Auszug aus dem Manuskript-Triptychon Wer wie was wo wieso weshalb warum wir… oder: Hundert Titel sagen mehr als tausend Bücher von Christian Schulteisz wird die Kühnheit belohnt, sich bewusst für die Kleine Form, das kurze Stück zu entscheiden. Das Gewicht der Welt scheint immer nach einem Atlas zu verlangen, um es zu tragen. Doch manchmal erledigt auch ein Aphorismus, ein Aperçu, eine schlagfertige Antwort den Job und hilft der Welt, sich weiterzudrehen. Alles was setzt auf die Kraft der sinnfreien Reihung, die erhellende Wirkung des Zeigens: Wer zeigt, hat gesehen und gehört und ermöglicht es Dritten zu verstehen. Westentaschen-Aufklärung. Keine kleine Kunst.

Jurybegründung "Mein Bruder" von Peter Zemla

Jeder Mensch, der mit Hörspiel befasst ist, kennt die Situation, in der das Gegenüber euphorisch schwärmt von den gern erinnerten Stunden vor dem Radio oder dem Kassettenrekorder, in denen es mächtig aus den Lautsprechern quietschte und trampelte und trötete und röhrte und überhaupt die Welt Klang geworden war, möglichst authentischer Abklatsch-Klang einer Wirklichkeit, die mit Dieben, Monstern, Drachen und Untoten bevölkert sein kann, mit Prinzen und Zauberwesen. Mit 3 Fragezeichen. Das Knarren einer hölzernen Treppe, das Quietschen einer Türangel: Das war und ist das täglich‘ Brot der Hörspielkunst. Brot mag aus der Mode gekommen sein; man lädt sich vielleicht gerade lieber Sushi und glutenfreie Frühstückspampe runter. Aber Brot wird es noch geben, wenn auch die letzte Aceto Balsamico-Flasche aus den Supermarktregalen verschwunden ist. Mein Bruder von Peter Zemla ist Hörspiel-Brot. Unverwüstlich quäkt und trillert und tutet das Manuskript, damit wir es bloß nicht übersehen. Was hiermit nicht geschehen ist.

Die Mitglieder der Jury waren Katarina Agathos (Chefdramaturgin BR Hörspiel und Medienkunst), Christine Grimm (Lektorin BR Hörspiel und Medienkunst), Nadine Ulrich (Radiochefin PULS) und Karl Bruckmaier (Regisseur). 


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