Bayern 2 - Hörspiel


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Karl May Sitara - Land der Sternenblumen

4 Teile

Stand: 29.05.2017 | Archiv

Karl May Buchumschlag "Ardistan und Dschinnistan"Buchcover "Ardistan und Dschinnistan" | Bild: Karl May-Verlag, Bamberg

Arno Schmidt zählte Karl Mays Doppelroman Ardistan und Dschinnistan (1907/1909), wie überhaupt dessen späte Romane und dessen einziges Drama Babel und Bibel (1906), zu den „merkwürdigsten Werken deutscher Zunge“ und leitete aus ihm vielerlei und allerlei her. Seine Deutungen gipfelten in der grandios gescheiterten Studie Sitara und der Weg dorthin (1963). Wobei: auch Arno Schmidt kam vom Wege ab und verfehlte, ähnlich wie Karl May, sein selbst-gestecktes Ziel:

"Jedenfalls ist es bei diesem Ardistan & Dschinnistan so, daß man sich bis zur letzten Zeile immer noch in Ardistan befindet, das ‚& Dschinnistan‘ ist Programm geblieben; ja selbst das ‚hochinteressante‘ Zwischenland Märdistans mit der ‚Geisterschmiede‘ muß man sich aus Babel und Bibel hinzukonstruieren."

Arno Schmidt

Dieser Doppelroman – ein Bündel aus zahlreichen losen Handlungsfäden, die sich selbst auf über 1.200 Seiten nicht verknüpfen und am Ende „im Winde flattern“ – erzählt auf der Folie des Märchens von der Spiegelerde Sitara, das für Karl May den Beginn seines „eigentlichen“, allerdings nie vollendeten Werks darstellt, von der letzten Reise des Kara Ben Nemsi. Er unternimmt sie im Auftrag seiner Freundin Marah Durimeh, um den drohenden Krieg zwischen Ardistan und Dschinnistan zu verhindern. (Was ihm im Übrigen gelingt!) Seine Reise führt ihn an die Grenzen Dschinnistans, aber auch an die Grenzen seines Ichs. Jenseits davon, so heißt es, liegen die Pforten des Paradieses.

In diesen Jahren schrieb Karl May, das ist kein Zufall, zudem einen seiner aufregendsten Texte: die „psychologische Studie“ Frau Pollmer (1907) sowie seine Autobiographie Mein Leben und Sterben (1910), die nicht grundlos mit dem „Märchen von Sitara“ beginnt. Ardistan und Dschinnistan lässt sich denn auch ohne weiteres als symbolistisch überhöhte, psychologisch-theologisch aufgeladene Selbstvergewisserung eines Autors deuten, der sich seinen Jenseitsvorstellungen, sie in eindrückliche Bilder transformierend, rückhaltlos auslieferte.

Im Dschirbani, dem „Räudigen“, der Hauptfigur des zweiten Teils des Hörspiels, sieht Arno Schmidt – neben Kara Ben Nemsi – ein weiteres Alter Ego Karl Mays. Der Wissenschaft gegenüber aufgeschlossen öffnet er sich dem Spirituellen, dem Transzendenten, wie niemand sonst im Roman:

"Untersucht das Land, in dem wir wohnen! Was findet ihr weiter als Moder, Verwesung, Schimmel und Gestank! Und was findet ihr weiter als Leben, Schönheit, Kraft, Unsterblichkeit und Duft? Heut sage ich: Das Leben duftet, der Tod aber stinkt! Und morgen sage ich: Der Tod duftet, das Leben aber stinkt! …
Was von beiden ist richtig? … Ich sage, beides! Denn Leben und Tod sind eins. Man kann nicht leben, ohne immerfort zu sterben. Und man kann nicht sterben, ohne dabei das Leben zu erneuern. Merke dir das, o Hadschi Halef Omar, daß du nicht an deinem letzten, sondern an deinem ersten Atemzuge stirbst!
Du lebst, indem du ohne Unterlaß verwest. Aber du hast dafür zu sorgen, daß nicht etwa beide stinken, dein Leben sowohl wie dein Tod, sondern daß beide duften.

Schön war sie gewesen, diese einstige Hauptstadt und Residenz von Ardistan! Wenn ich mir die seltsam gestalteten Höhen, zwischen denen sie lag, bewaldet und mit grünenden, blühenden Gärten ausgestattet dachte, so fiel mir keine europäische Großstadt ein, von der ich hätte sagen mögen, daß sie mit ihr zu vergleichen sei. Nun lag sie da als Leiche! Es gab keine Spur von Pflanzengrün, von Tier- und Menschenleben. Und doch war der Ausdruck ‚Leiche‘ und ‚Tod‘ nicht ganz richtig. Es gibt überhaupt keine vollpassende, sprachliche Bezeichnung für das Gefühl, welches mich wie mit mächtigen, unwiderstehlichen Fäusten packte, als mein Blick auf dieses ungewöhnliche, starre, öde, leere Häusermeer fiel. Denn die Gebäude standen noch genau so da, wie sie vor Jahrhunderten gestanden hatten. Fast nichts war zerstört. Nur die weit draußen liegenden Hütten der Armut hatten sich in Trümmer, in formlose Haufen verwandelt."

aus: Karl May: Sitara

"Die fantastische Schilderung der ‚Totenstadt‘ ist ein wirkliches Meisterstück, das ein wirre Kette unvergeßlicher Bilder vorführt."

Arno Schmidt

Zweifelsohne, Marah Durimeh ist die geheimnisvollste Gestalt im Werk Karl Mays. Wie keine andere Figur durchgeistert sie sein Spätwerk …

Sie ist die Herrin von Sitara, dem in Europa „fast gänzlich unbekannten Land der Sternenblumen“ … Herrscherin aus uraltem Königsgeschlecht … ist alterslos und weise … voller Würde … oder, in den Worten Hadschi Halef Omars: „… kein gewöhnliches Weib; sie ist auch keine Königin. Sie ist ein Dschinni, eine Seele, ein Geist. Ja noch mehr: sie ist nicht nur Seele oder Geist, sondern sie ist die Herrin und die Gebieterin aller Seelen und aller Geister, die es gibt. Allah segne sie!“

Eigentlich hat mit ihr alles begonnen. Sie schickte Kara Ben Nemsi auf seine letzte Reise, auf jenem Segler namens „Wilahde“. Was nichts anderes heißt als Geburt. Und mit ihr wird alles enden, denn sie wird dort sein, wo er hinkommt. Weil der Anfang das Ende ist und das Ende der Anfang. Und sie wird es hören, wenn er aufsteht und sagt: „Hier. Hier bin ich.“

Karl May: Sitara – Land der Sternenblumen

Teil I: Lichte Höhen
Teil II: Insel der Heiden
Teil III: Stadt der Toten
Teil IV: Marah Durimeh


Musik: Franz Hautzinger
Bearbeitung und Regie: Michael Farin
BR 2017

Karl May (1842–1912) ist einer der meistgelesenen Schriftsteller deutscher Sprache und einer der am häufigsten übersetzten. Die weltweite Auflage seiner Werke beträgt weit über 200 Millionen Exemplare. Zahlreiche Verfilmungen und mehr als 300 Hörspiele lassen sich verzeichnen. Seine Abenteuerromane um Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar sowie um Old Shatterhand und Winnetou leben auch heute noch fort.


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