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Atomruine Tschernobyl Neue Schutzhülle für zerstörten Reaktor

Mehr als 30 Jahre nach der verheerenden Explosion im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl ist heute ein neuer Stahlmantel für den 1986 zerstörten Reaktor übergeben worden. Er soll für die nächsten 100 Jahre einen Austritt von Strahlen verhindern.

Von: Margit Ehrlich

Stand: 29.11.2016

Außerdem soll die Schutzhülle den zerstörten Reaktor vor Umwelteinflüssen schützen. Die Konstruktion gilt als das größte bewegliche Bauwerk der Welt. Die bogenförmige Konstruktion war seit zwei Wochen mit Hilfe von Hydraulikhebern in Richtung des Reaktors bewegt worden und erreichte nun ihre endgültige Position. Es handelt sich um eines der komplexesten Bauprojekte der Welt.

Ein Hubschrauber kreist nach der Katastrophe vom 26. April 1986 (Archivbild)

Die Hülle soll einen Betonsarkophag ergänzen, der von der Sowjetunion nach der Kernschmelze von 1986 eilig errichtet worden war. An den Kosten von rund zwei Milliarden Euro beteiligten sich mehr als 40 Geberländer. Allen rund 400 Millionen Euro kommen von der EU, ein ähnlicher Betrag von den USA. Deutschland gab rund 100 Millionen Euro, Russland etwa 70 Millionen. Die Fäden des Projekts laufen bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) zusammen.

"Der 1986 havarierte Reaktor 4 enthält immer noch große Reste der Kernschmelze. Und der damals schnell errichtete Sarkophag ist mittlerweile selbst zu radioaktivem Abfall geworden. Aber würde er zerbrechen, könnte der neue Mantel die Strahlung am Austreten hindern."

Vince Novak, Direktor der Abteilung Nukleare Sicherheit der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung

Folgekosten soll die Ukraine tragen

Mit den Kosten von zwei Milliarden Euro ist es aber noch nicht getan. "Natürlich muss man mit Anschlusskosten rechnen", erklärt Novak. Mit am wichtigsten sei das Belüftungssystem, das verhindern soll, dass es innerhalb der Schutzhülle zur Korrosion kommt. Auch Wartung und Ausrüstung kosten Geld. Dieses Geld soll von der Ukraine kommen.

Das ehemalige Atomkraftwerk in Tschernobyl

Die Schutzhülle lässt den alten Reaktor völlig verschwinden. Das ist aber nur der Anfang. Die Seitenwände müssen noch abgedichtet und die Systeme geprüft werden. Erst in einem Jahr soll die Stahlhülle an die Ukraine übergeben werden. Für Tschernobyl sei das ein großer Schritt, sagt Balthasar Lindauer von der EBRD im BR-Interview.

"Insgesamt muss die Ukraine eine Strategie für radioaktive Abfälle entwickeln. Unter der Hülle ist noch viel zu tun. Als erstes soll der alte Sarkophag abgebaut werden. Als nächstes soll der Atommüll raus. Etwa 200 Tonnen – überwiegend Uran – sollen noch im alten Reaktor sein. Mittlerweile eine schlackenartige Lava. Roboterartige Maschinen sollen sie herausschaffen – wohin ist noch unklar, mit welchem Geld ebenfalls."

Balthasar Lindauer, Vizedirektor der Abteilung für nukleare Sicherheit, EBRD

Deutschland setzt auf schnellen Abriss der Meiler

Auch in Deutschland wurde überlegt, den Rückbau stillgelegter Atommeiler mit ähnlichen Schutzhüllen abzusichern. Für die deutschen Meiler gilt dies aber nicht als optimal. Bis vor kurzem stand die Möglichkeit eines "sicheren Einschlusses" für 30 Jahre als eine Lösung im Atomgesetz, mittlerweile gilt aber ein schneller Abriss der Atomkraftwerke als besserer Weg, wie die atompolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Sylvia Kotting-Uhl gegenüber dem Bayerischen Rundfunk erklärt. Nach dem GAU im japanischen Fukushima 2011 werden in Deutschland nach und nach Meiler abgeschaltet. Der letzte muss laut Gesetz in sechs Jahren vom Netz.

"Inzwischen ist man einhellig der Meinung – ich teile die auch absolut– dass man das Wissen der Menschen, die im Atomkraftwerk gearbeitet haben, während es in Betrieb war, unbedingt braucht beim Rückbau, und deshalb ist jetzt die einzige Möglichkeit für den Umgang nur noch der sofortige Rückbau."

Sylvia Kotting-Uhl, atompolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag.

Die Folgen des Super-GAUs

Am 26. April 1986 war ein Test in Tschernobyl außer Kontrolle geraten, Reaktor 4 explodierte. Die Detonation wirbelte radioaktive Teilchen in die Luft. Von der damaligen Sowjetrepublik breitete sich die abgeschwächte Wolke auch über Westeuropa und Deutschland aus. Ingesamt starben nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO rund 2.200 Arbeiter von Tschernobyl vorzeitig an Strahlenschäden. Seit 1990 wurden mehr als 6.000 Fälle von Schilddrüsenkrebs ein Weißrussland, Russland und der Ukraine gemeldet - eine weit höhere Zahl als statistisch zu erwarten. In Modellrechnungen geht die WHO nur unter den damals 600.000 Helfern vor Ort und den Bewohnern der am stärksten betroffenen Zonen von etwa 4.000 Todesfällen durch Strahlenschäden bis 2081 aus.

In Deutschland wurde bayerischer Boden am stärksten kontaminiert, vor allem im Bayerischen Wald, im Münchner Umland, in den Alpen und im Pfälzer Wald. Während im Mai 1986 in Norddeutschland meist nur 4.000 Becquerel (Bq) pro Quadratmeter gemessen wurden, waren es im Freistaat stellenweise bis zu 170.000. Die mittlere Kontamination in Bayern lag damals bei etwa 20.000 Bq pro Quadratmeter, heute beträgt sie immer noch mehr als 10.000.


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