BR24

                       

Terror von rechts

Rechtsextreme Gewalt Terror von rechts

Stand: 12.01.2016

Im Zusammenhang mit den NSU-Morden wurde einmal mehr offenbar, dass rechte Gewalt immer wieder Todesopfer fordert. Allein in Bayern kamen durch Neonazi-Brutalität seit 1980 mehr als 20 Menschen um.

Von Ernst Eisenbichler

Rechte Gewalttaten in Bayern

Am 26. September 1980 wurde der schwerste Terrorakt der deutschen Nachkriegsgeschichte verübt: das Attentat auf das Münchner Oktoberfest. 13 Menschen starben, 211 wurden zum Teil schwer verletzt. Die Bombe hatte der Rechtsextremist Gundolf Köhler gezündet, der selbst bei dem Anschlag sein Leben verlor.

Oktoberfest-Attentäter Gundolf Köhler

Offizielle Version ist immer noch, dass Köhler Einzeltäter gewesen sei. Bis heute bestehen Zweifel, ob er das Attentat tatsächlich allein geplant und begangen hat. Es gibt auch die Vermutung, dass möglicherweise ein rechtsextremes Netzwerk dahinter stand.

Motiv: Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit, Homophobie

Köhler war Anhänger der "Wehrsportgruppe Hoffmann", einer rechtsradikalen Organisation mit Sitz in Mittelfranken. Ein Mitglied der im Januar 1980 verbotenen "Wehrsportgruppe" erschoss im Oktober desselben Jahres in Erlangen den Verleger Shlomo Lewin, den Ex-Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, und dessen Lebensgefährtin Frieda Poeschke.

Löscharbeiten nach dem Schwandorfer Anschlag

Antisemitismus oder Ausländerfeindlichkeit sind ständige Begleiter bei der Suche nach Motiven für rechtsextreme Gewalt. So steckte im Dezember 1988 im oberpfälzischen Schwandorf ein Neonazi ein Haus in Brand, das vor allem von Türken bewohnt war. Ein türkisches Ehepaar, sein elfjähriger Sohn und ein Deutscher kamen bei dem Anschlag ums Leben. Zwölf weitere Bewohner wurden zum Teil schwer verletzt. Auch dunkle Hautfarbe oder sexuelle Orientierung kann zum Verhängnis werden: 1995 wurde ein Homosexueller Opfer von rechten Skinheads, 1999 erschlug ein fremdenfeindlicher Deutscher im oberbayerischen Kolbermoor einen Mosambikaner. Auch Obdachlose werden häufig Opfer rechtsextremer Gewalt.

NSU-Mordserie

Das NSU-Trio Mundlos, Zschäpe, Böhnhardt

Fremdenfeindlichkeit war auch das Motiv für die neun Morde an Migranten, die der rechtsextremen Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) um Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zugeschrieben werden. Zwischen 2000 und 2006 soll der NSU acht Menschen mit türkischem und einen mit griechischem Hintergrund ermordet haben, drei von ihnen in Nürnberg und zwei in München. Seit Mai 2013 müssen sich deswegen Zschäpe und vier weitere Angeklagte vor dem Oberlandesgericht München verantworten.

Täglich zwei Opfer rechter Gewalt

Robert Andreasch vom Münchner antifaschistischen a.i.d.a.-Archiv warnte schon vor Jahren, dass es inzwischen eine "potenziell tödliche Bedrohung durch Neonazis" gebe. Rechtsradikale Gewalttaten werden laut Experten heutzutage nicht mehr nur spontan ausgeübt, sondern teilweise geplant, wobei Todesopfer bewusst in Kauf genommen würden. Das sei eine neue Qualität gegenüber früher, als etwa rechte Skinheads erst durch starken Alkoholkonsum aufgeputscht wurden, bevor sie Jagd auf Ausländer machten.

Laut Verfassungsschutzbericht liegt die Zahl der gewaltbereiten Rechtsextremisten bundesweit bei fast 10.000, in Bayern bei etwa 1.000. Und sie sind nicht nur bereit zum Zuschlagen, sie schlagen auch zu. Laut Opferverbänden werden durch rechtsextreme Gewalt in Deutschland jeden Tag mindestens zwei Menschen schwer verletzt.

Interview

Buchcover "Heimatschutz" von Stefan Aust und Dirk Laabs | Bild: Verlagsgruppe Random House GmbH, colourbox.com; Montage: BR zum Artikel Stefan Aust und Dirk Laabs Buch über die NSU-Mordserie

"Heimatschutz" - hinter diesem Titel verbirgt sich das Buch von Stefan Aust und Dirk Laabs. Es ist eine akribische Bestandsaufnahme der Geschehnisse um die rechtextremistische Terrorzelle NSU, die jahrelang ungehindert mordete. [mehr]

Statistik

Schriftzug "Rassismus mordet" auf einem T-Shirt  | Bild: picture-alliance/dpa zur Übersicht Rechtsextreme Gewalttaten Licht in die Dunkelziffern

Wie viele Verbrechen gehen wirklich auf das Konto von Neonazis? Seit dem Aufklärungsdebakel um den NSU-Terror wird genauer hingeschaut. Offenbar ist die Zahl der Delikte aus dem rechten Milieu deutlich höher als bisher ermittelt. [mehr]

Chronik

Brandanschlag von Neonazi Josef S. in Schwandorf 1988 | Bild: picture-alliance/dpa zur interaktiven Anwendung Zeitstrahl Rechte Gewalt in Bayern

Oktoberfest-Attentat, Brandanschläge und die Mordserie an Migranten - dies ist nur ein kleiner Teil der Gewalttaten, die Rechtsextremisten in Bayern verübt haben. Eine Chronologie. [mehr]

NSU

Symbolbild: Der Schriftzug "NSU" vor der Deckenkonstruktion des Prozesssaales | Bild: BR, picture-allliance/dpa, Montage: BR zur Übersicht Prozess in München Mammut-Verfahren nach Mordserie

Seit Mai 2013 müssen sich Beate Zschäpe und Co. vor dem OLG München verantworten. Ihnen wird vorgeworfen, an der Mordserie mit rechtsextremem Hintergrund beteiligt gewesen zu sein, bei der von 2000 bis 2007 zehn Menschen starben. [mehr]

Archiv

BR-Archiv | Bild: BR; Montage:BR zur Übersicht Rechtsextremismus in Bild und Ton Aus dem BR-Archiv

Wie einst die NPD aufstieg oder wie vor zehn Jahren über ein "Mein Kampf"-Verbot debattiert wurde - aus mehreren Jahrzehnten haben wir TV- und Hörfunk-Fundstücke aus dem BR-Archiv gesammelt. Die Liste wird ständig erweitert. [mehr]

Dossier

 Zwei rechtsradikale Männer mit Glatzen warten am 03.03.2001 auf den Beginn ihres Demonstrationszuges durch die Stadt Sonneberg. Einer von ihnen trägt einen Ohrring und die Tätowierung "Skinhead". | Bild: picture-alliance/dpa zur Übersicht BR24-Dossier #rechtsaussen

Das Thema Rechtsextremismus ist mit den mutmaßlichen Morden des NSU wieder in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Die Taten haben uns vor Augen geführt, dass das Potenzial rechtsextremer Gewalt groß ist. Mit diesem Dossier will der BR aufklären. [mehr]