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Licht in die Dunkelziffern

Rechtsextreme Gewalttaten Licht in die Dunkelziffern

Stand: 12.01.2016

Schriftzug "Rassismus mordet" auf einem T-Shirt  | Bild: picture-alliance/dpa

Ihnen wurde Gewalt angetan oder sie wurden ermordet, weil sie Migranten, Linke, Muslime, Juden, Behinderte, Obdachlose oder Homosexuelle waren. Wie viele Verbrechen gehen wirklich auf das Konto von Neonazis und Rassisten? Seit dem Aufklärungsdebakel um die Terrorzelle NSU wird genauer hingeschaut. Offenbar ist die Zahl der Delikte aus dem rechten Milieu deutlich höher als bisher ermittelt oder zugegeben.

Von Ernst Eisenbichler und Jonas Miller

21. November 2011: Zwickauer Bürger gedenken bei einer Mahnwache den Opfern rechter Gewalt.

Das Bundeskriminalamt (BKA) überprüfte nach dem Auffliegen des NSU im Auftrag der Bundesregierung unaufgeklärte Gewaltfälle, die sich zwischen 1990 und 2011 ereigneten. Diese hatten mutmaßlich einen rassistischen, ausländerfeindlichen oder rechtsextremen Hintergrund. Besonders viele Fälle stammten aus Baden-Württemberg, das mehr als 200 ungeklärte Gewalt- und Tötungsdelikte einreichte. In Bayern waren es nach Angaben von Innenminister Joachim Herrmann (CSU) 45. Nach der Überprüfung kam das BKA zu dem Ergebnis, dass 15 Morde auf einen rechtsextremen Hintergrund schließen ließen.

Straße in Berlin, umbenannt nach Neonazi-Opfer: Der linke Silvio Meier wurde 1992 auf dem U-Bahnhof Samariterstraße von Rechtsextremen getötet.

Bislang verzeichnet die offizielle Polizeistatistik für Bayern neben den fünf NSU-Morden in Bayern - drei in Nürnberg und zwei in München - einen einzigen Toten durch rechte Gewalt seit der Wiedervereinigung: Carlos Fernando aus Mosambik, der am 15. August 1999 im oberbayerischen Kolbermoor von einem Rassisten erschlagen wurde. Welche Fälle nun konkret in Bayern geprüft werden, wollte das Landeskriminalamt (LKA) nicht mitteilen: "Wir machen ganz bewusst keine Angaben", sagte LKA-Sprecher Ludwig Waldinger. Doch auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion teilte die Bundesregierung mit, dass in Bayern einige Fälle erneut geprüft werden, bei denen zivilgesellschaftliche Organisationen und Fachjournalisten schon seit Jahren darauf hinweisen, dass es sich um rechte Gewalttaten handeln muss.

Tötungsdelikte in Bayern - offiziell nicht in Rechter-Gewalt-Statistik

Amberg, 1995

In der oberpfälzischen Stadt wurde in der Nacht zum 7. September 1995 der homosexuelle Klaus-Peter Beer ermordet. Zwei Skinheads traten den 48-Jährigen zusammen und warfen ihn in den Fluss Vils, in dem er ertrank. Das Landgericht Amberg verurteilte die beiden Rechtsradikalen später wegen Totschlags zu zwölf und acht Jahren Haft. Einer der Täter hielt nach Recherchen der "Welt am Sonntag" vom Gefängnis aus Briefkontakt zu einer Vertrauten der mutmaßlichen NSU-Terroristin Beate Zschäpe.

Bad Reichenhall, 1999

Am 1. November 1999 lief ein Jugendlicher in Bad Reichenhall Amok. Aus Fenstern eines Einfamilienhauses erschoss der 16-Jährige drei Passanten. Fünf weitere verletzte er, unter ihnen den Schauspieler Günter Lamprecht und dessen Lebensgefährtin. Dann tötete der 16-Jährige seine 18-jährige Schwester und nahm sich selbst das Leben. Die Ermittlungen ergaben, dass sich der Jugendliche kurz vor der Tat für die Neonazi-Szene zu interessieren begonnen hatte. In seinem Zimmer hing ein Hakenkreuz, er hörte Musik mit gewaltverherrlichenden Inhalten.

Plattling, 2006

Im niederbayerischen Plattling wurde im Mai 2006 ein 41-jähriger Mann von Rassisten zu Tode geprügelt.

Memmingen, 2008

Im April 2008 erstach im schwäbischen Memmingen ein 21-jähriger Neonazi seinen Nachbarn mit einem Bajonett. Der 40-Jährige hatte sich zuvor wiederholt über den lauten Rechtsrock aus der Nachbarwohnung beschwert. Die Ermittler gingen von einem eskalierten Nachbarschaftsstreit aus.

NSU-Sachverständige ermitteln

Wunsiedel: Holzkreuze, die an Opfer rechter Gewalt erinnern

Nach dem Auffliegen der Zwickauer Terrorzelle beschloss die Innenministerkonferenz im Mai 2012, alle ungeklärten - auch versuchten - Tötungsdelikte gemäß §§ 211, 212 StGB zwischen 1990 und 2011 noch einmal zu durchleuchten. Das BKA ließ daraufhin rund 3.300 Fälle auf mögliche rechtsextremistische Motive untersuchen und schickte dazu einen Fragenkatalog an die zuständigen Mordkommissionen in den Bundesländern. Mehr als 300 Fälle betrafen Bayern. Von diesen meldete 2013 das bayerische LKA 45 dem BKA zurück. Laut LKA werden die Fälle nun von Experten untersucht, die auch in Sachen NSU ermitteln - in einem Gemeinsamen Abwehrzentrum gegen Rechtsextremismus, das nach dem Bekanntwerden der NSU-Terrorgruppe gegründet wurde.

Die zehn dem NSU zugeschriebenen Morde

Kriterien auf dem Prüfstand

Gedenktafel für die NSU-Opfer in München

Als Richtschnur für die Überprüfung wurde gemeinsam mit polizeiinternen und externen Wissenschaftlern ein neuer, weitgefasster Indikatoren-Katalog entwickelt. Dieser besteht aus bestimmten Opferkriterien wie sexuelle Orientierung, Ethnie, Religion oder Obdachlosigkeit. Außerdem reichen nun einzelne dieser Kriterien aus, um die Tat als politisch motiviert einzustufen, bislang mussten es mehrere gleichzeitig sein.

Rechte Gewalttaten in Bayern

Von offiziellen und nichtoffiziellen Statistiken

Die Wochenzeitung "Die Zeit" hatte schon vor einigen Jahren intensiv recherchiert - und kam auf wesentlich mehr Todesopfer rechter Gewalt als in den offiziellen Statistiken verzeichnet war. Auch das Projekt "Mut gegen rechte Gewalt" des Magazins "stern" zählte mehr Opfer als die Bundesregierung.Woher kam diese erstaunliche Differenz? Aus diversen Gründen übersehen Ermittler beim einen oder anderen Delikt den rechtsextremen Hintergrund, im Protokoll steht dann etwa "gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge" - und die Statistiken erscheinen, aus gesellschaftspolitischer Sicht, harmloser.

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