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Rückgabe in München Der schwierige Umgang mit der NS-Raubkunst

So sieht das "Arbeitszimmer des Künstlers" aus, dessen Geschichte jetzt ein reichlich spätes Happy End findet: Heute wird das Aquarell zurückerstattet und bleibt der Öffentlichkeit doch erhalten. Die salomonische Lösung ist ein Ausnahmefall. Vier Jahre nach dem "Fall Gurlitt" ist der Umgang mit Raubkunst weiter umstritten. Von Mira Barthelmann und Michael Kubitza

Von: Mira Barthelmann und Michael Kubitza

Stand: 30.11.2016

Es war ein Jahrhundertfund: Am 28. Februar 2012 stoßen Steuerfahnder, die eigentlich ganz anderes gesucht hatten, auf eine beeindruckende Privatsammlung: 1.406 Meisterwerke von Dürer bis Chagall, oft eingerollt und dicht an dicht gebunkert in einer vollgestopften Wohnung in Schwabing. Hehlerware? NS-Raubkunst? Oder doch rechtmäßig erworben? Herr der Bilder ist Cornelius Gurlitt, betagter Privatier, Sohn und Erbe des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, welcher in der NS-Zeit blendende Geschäfte mit "entarteter" und anderer Kunst machte.

Rückblick: Gurlitt. Die Chronologie eines Kunst-Krimis

Politik und Justiz erwischt der Zufallsfund auf dem falschen Fuß. Bayern bastelt eilends eine "Lex Gurlitt", die bis heute nicht rechtsgültig ist, in Berlin macht sich eine 15-köpfige Taskforce an die Arbeit - und stellt vier Jahre später ihre recht bescheidenen Resultate vor: Nur fünf von 499 verdächtigen Werken können eindeutig als Raubkunst klassifiziert werden.

Woher stammt, was in unseren Museen hängt?

Doch es geht weiter. Der Zufallsfund hat weltweit Schlagzeilen gemacht und mehr als einen Stein ins Rollen gebracht. Denn Hildebrand Gurlitt war nur einer von vier Kunsthändlern, die vor (und teils auch nach) 1945 im großen Stil dubiose Geschäfte gemacht haben - gar nicht zu zählen die kleineren Fische. Und von 1965 bis 1998 durften Privatsammler, aber auch staatliche Museen fragwürdige Stücke ungeprüft weiterverkaufen - nach damals gültiger Rechtslage hatte 20 Jahre nach 1945 die Verjährung eingesetzt. Eine moralische Pflicht, genauer nachzuforschen, sahen wenige. Auch nach der "Washingtoner Erklärung" zur NS-Raubkunst von 1998 ließen sich viele Sammlungen noch sehr viel Zeit.

Erst seit dem Fall Gurlitt steigen Museumsmacher und Provenienzforscher überall in Deutschland in ihre Depots, um die Bestände entsprechend zu prüfen. Vielerorts werden sie fündig. Vom Braunschweiger Herzog-Anton-Ulrich-Museum bis zum Dombauverein Xanten werden Kunstwerke zurückerstattet. Und manchmal finden sich Lösungen wie heute in München: Die Pinakotheken geben ein von den Nationalsozialisten geraubtes Bild zurück - um es gleich wieder zu erhalten.

Symbolische Rückgabe: "Das Arbeitszimmer des Künstlers" bleibt in München

Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle, CSU (l.) mit der Familie Mautner

1912 - zum hundertsten Geburtstag des Malers Rudolf von Alt - war sein Aquarell "Das Arbeitszimmer des Künstlers" erstmals öffentlich zu sehen, nämlich in einer Gedächtnisausstellung der Wiener Secession. Eigentümer des kunsthistorisch bedeutsamen Werks: der Industriellensohn Stephan Mautner, ein Schüler des Künstlers.

In der NS-Zeit verschwand das "Arbeitszimmer", um schließlich in der Staatlichen Sammlung München wieder aufzutauchen. Heute hat Bayerns Kunstminister Ludwig Spaenle (CSU) das Werk in München an die rechtmäßigen Erben zurückgegeben. Dem Münchner Publikum verloren wird es dennoch nicht gehen: Die Familie Mautner hat sich bereiterklärt, das Aquarell der Ernst von Siemens Kunststiftung zu verkaufen, die es der Sammlung als Dauerleihgabe zur Verfügung stellt.

Dass die Geschichte des Aquarells geklärt werden konnte, liegt an einem Forschungsprojekt, das die Berliner Arbeitsstelle für Provenienzforschung finanziert, das Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München mit der Staatlichen Graphischen Sammlung durchgeführt hat. Die verantwortliche Forscherin, die sich insgesamt acht Jahre in historisch belastetete Münchner Bildwelten eingearbeitet hat, muss die Stadt wohl bald verlassen, weil sie trotz ihrer Verdienste keine feste Stelle bekommt. Dabei gäbe es noch viel Licht ins manchmal bräunliche Dunkel der Depots zu bringen. Die "Biografie" der Kunstwerke ist komplex, bisweilen bizarr.

Geschichte in Bildern: Göring, die Monuments Men und der Heilige Georg

Provenienzforscher: Die Jäger des verbotenen Schatzes

Gemessen an der Zahl vermuteter Raubstücke ist die erfolgreiche Aufarbeitung wie im Fall Rudolf von Alt noch immer selten - zu selten, findet die Opfervertretung Jewish Claims Conference.

"In der jüdischen Community im Ausland ist man mit den Bemühungen um die Provenienzforschung hierzulande nicht zufrieden. Dort wünscht man sich mehr Engagement und eine schnellere Umsetzung."

Rüdiger Mahlo, Jewish Claims Conference

Immerhin ist die Rechtslage inzwischen eindeutig, es wird auch fleißig geforscht.

  • Schon 1998 hat sich Deutschland wie 43 andere Staaten in der Washingtoner Erklärung verpflichtet, mögliche Raubkunst anzuzeigen (einsehbar auf der Website lostart.de) und gegebenenfalls zurückzugeben.
  • Seit 2003 berät die sogenannte Limbach-Kommission die Museen.
  • Seit 2015 bündelt das von Bund und Ländern gemeinsam getragene Deutsche Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg die Aktivitäten der Provenienzforscher.

"Wir bekommen für unsere Häuser jetzt eine fünfte Stelle. Und das ist auch richtig so. München hat aufgrund der Geschichte am meisten aufzuarbeiten. (...)
Was vor eineinhalb Jahrzehnten erforscht wurde, muss man zum Teil wiederholen. Denn es sind mittlerweile viele neue Täter und Opfer bekannt."

Bernhard Maaz, Generaldirektor Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Woran es noch hapert

Es ist nicht nur die Tücke der Objekte, die die Aufklärung schwierig macht. Der Münchner Provenienzforscher Stephan Klingen weist darauf hin, dass die finanzielle Ausstattung der Forschungsprojekte mit den hehren Ankündigungen der Politik nicht immer Schritt hält: Am Zentrum für Kulturgutverluste würden weit mehr Projekte beantragt als bewilligt.

Auch dass die Museen mehr oder weniger selbst für die Durchleuchtung ihrer Bestände zuständig sind, findet Klingen nicht optimal.

"In Österreich ist man das anders angegangen: Die Provenienzforschung ist nicht direkt bei den Bundesmuseen angesiedelt, sondern es gibt eine eigene Kommission beim Bundeskanzleramt, die dann entsprechend an die Museen entsandt wird. Das hat zwei Vorteile: Zum einen ist die Politik unmittelbar mit den Problemen betraut, und es schützt vor einer Betriebsblindheit an den Museen. Was die Kommission erarbeitet, ist deutlich besseren und effektiveren Kontrollen unterzogen."

Stephan Klingen, Zentralinstitut für Kunstgeschichte

Die Jewish Claims Conference treibt aber am meisten um, was in den Privatsammlungen schlummert. Dort gibt es keine rechtliche Handhabe, weil die Raubkunst längst an die Nachkommen vererbt ist. Hier wünscht sich die Conference, dass die Politik Anreize für Privatleute schafft, die Werke auf ihre Herkunft prüfen zu lassen und gegebenenfalls zu restituieren.


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