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Trauer um Helmut Kohl Der Kanzler der Einheit ist tot

16 Jahre - länger als jeder andere Kanzler - hat er die Geschicke der Bundesrepublik geleitet. In dieser Zeit hat Helmut Kohl die Deutsche Einheit durchgesetzt und den Euro auf den Weg gebracht. Nun ist er mit 87 Jahren gestorben, wie die CDU bestätigte.

Von: Andreas Herz

Stand: 16.06.2017 | Archiv

Bereits seit Mitte Mai soll Helmut Kohl Medienberichten zufolge nach einer Darmoperation auf der Intensivstation des Uniklinikums Heidelberg gewesen sein. Aus dem Büro des Altkanzlers hatte es wenig später geheißen, es gehe ihm "den Umständen entsprechend gut." Er werde nach seiner Entlassung wegen einer neuen Hüfte in Reha gehen.

Kohl über Kohl

Helmut Kohl über seine Kindheit

"Ich komme aus einem Elternhaus, das man bei uns in der Pfalz oder im Süddeutschen als stockschwarz bezeichnet - ein katholisch-national geprägtes, sehr demokratisches Elternhaus. Wer wie ich in einer solchen Familie aufwächst, in einer Stadt mit absoluter SPD-Mehrheit, der ist [...] vom Virus des Sozialismus nicht befallen."

Helmut Kohl über seine Ehefrau Hannelore Kohl, geb. Renner

"Meine Frau ist meine Tanzstundendame. Sie war mit ihren Eltern in den Landkreis Ludwigshafen gekommen. Sie waren bettelarm. Sie hatten alles verloren. Meine Laufbahn - mein ganzes Leben - wäre ohne meine Frau [...] nicht denkbar gewesen. Ich wäre mit Sicherheit ohne meine Frau nicht Bundeskanzler geworden."

Helmut Kohl als junger Ministerpräsident über die Macht

"Ein Politiker, der nicht Macht haben will, ist entweder ein Heuchler oder ein Heiliger. Letzteren findet man relativ selten. Oder er hat die Qualifikation eines Jagdhunds, den Sie zur Jagd tragen müssen."

Helmut Kohl konnte anderen nicht einfach nur zuarbeiten

"Dies ist nicht meine große Stärke. Wenn ich etwas anpacke, dann will ich es selbst anpacken."

Helmut Kohl im Oktober 1982 nach seiner Wahl zum Bundeskanzler

"Wenn wir uns auf diese geistig-moralische Kraft besinnen, bin ich sicher, werden wir’s schaffen!"

Helmut Kohl am Tag nach dem Mauerfall, 1989, in Berlin

"Heute ist ein großer Tag in der Geschichte dieser Stadt. Und heute ist ein großer Tag in der deutschen Geschichte. Wir haben ihn herbeigesehnt!"

Helmut Kohl am 28. November 1989 im Bundestag

"Wie ein wiedervereinigtes Deutschland schließlich aussehen wird, das weiß heute niemand. Dass aber die Einheit kommen wird, wenn die Menschen in Deutschland sie wollen, dessen bin ich sicher!"

Helmut Kohl über Europa

"Wir lassen uns in unserem Einsatz für Europa nicht beirren. Deutschland ist und bleibt unser Vaterland. Und das vereinte Europa ist unsere gemeinsame Zukunft."

Helmut Kohl nach der verlorenen Bundestagswahl 1998

"Helmut Kohl wird bleiben wie er ist. Ich denke, er wird Ihnen noch eine Weile erhalten bleiben. Nicht indem er Memoiren schreibt, das überlasse ich anderen, sondern indem ich gelegentlich zur Verfügung stehe mit meinem ganzen unwiderstehlichen Charme, den Sie in den vielen Jahren erlebt haben."

Helmut Kohl zur CDU-Spendenaffäre, konkrete Namen nennt er nicht

"Ich habe damit gegen das Parteiengesetz verstoßen. Ich bedauere dies sehr, das war ein großer Fehler!"

Helmut Kohl fühlt sich in der Spendenaffäre von der CDU im Stich gelassen

"Wenn man oben ist - das gehört zur Macht - hat man ein bestimmtes Umfeld. Wenn man nicht mehr oben ist, dann gehen die Leute weg."

Helmut Kohl entwöhnt sich von der Macht

"Ich habe etwas gegen Denkmäler, wenn ich dabei in Erscheinung trete. Wenn das Denkmal eingeweiht ist und alle Ehrengäste verschwunde sind, dann kommen zuerst die Tauben und setzen sich auf den Kopf. Und dann kommen die Hunde. Was sie jeweils tun, ist bekannt."

Helmut Kohl 20 Jahre nach dem Mauerfall

"Ich hab' nichts Besseres als auf die deutsche Einheit stolz zu sein."

Bei einem schweren Sturz nach einer Knie-Operation 2008 hatte Kohl ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Seither war er auf den Rollstuhl angewiesen und konnte nur schwer sprechen. Bei seinen seltenen öffentlichen Auftritten danach war er schwer zu verstehen - wie zuletzt im November, als er in Frankfurt am Main mit Hilfe seiner Frau Maike Kohl-Richter sein Buch "Aus Sorge um Europa" vorgestellt hat. Seinen 85. Geburtstag am 3. April feierte Kohl in kleinem Kreis.

Im September 2012 hatte Helmut Kohl einen seiner letzten großen Auftritte. In Berlin wurde mit einem Festakt der Beginn seiner Kanzlerschaft 30 Jahre zuvor gefeiert. Im Rollstuhl wurde der große alte Mann der CDU auf das Rednerpodest geschoben. "Ich weiß nicht, was Gott mit mir vorhat", sagte er mit zitternder, schwer verständlicher Stimme. Eines wollte Kohl aber noch loswerden: "Europa darf nie wieder im Krieg versinken". Und deshalb wolle er weiter für das große Ziel Europa werben. Dies sei ihm Verpflichtung für jüngere Generationen.

Wegbegleiter über Kohl

Bernhard Vogel über Helmut Kohls Umgang mit Vertrauten

"Richtig ist, dass er Leuten sehr weitgehend vertraute. Wehe, wenn er enttäuscht wurde! Dann konnte das auch in sehr große Distanz umschlagen."

Kurt Biedenkopf über Kohls Führungsstil

"Er ist ein Politiker, der die Machtstrukturen, die ein Politiker braucht, sehr stark personal absichert. Der sich sehr stark auf seine Intuition verlässt. Dem strategisches Denken eher suspekt ist - weil er Strategien als Selbstbindung empfindet. Und der eine Situation, wenn sie eindeutig nach einer Klärung verlangt, klärt."

Heiner Geißler hält im September 1989 CDU-Chef Kohl für zu mächtig

"Wehe der CDU als Volkspartei, wenn die Vielfalt der Persönlichkeiten, ihres Könnens und ihrer Ideen in der Bevölkerung nicht mehr sichtbar werden würden."

Horst Teltschik, einst Kohls außenpolitischer Berater, über die Unterstützer der Wiedervereinigung

"Das war ja eine der größten Stärken von Bundeskanzler Helmut Kohl: sehr enge Beziehungen - und das weltweit - aufgebaut zu haben. Wir hatten das volle Vertrauen des amerikanischen Präsidenten und sind von Anfang an von Präsident Bush Vater rückhaltlos unterstützt worden. Und der zweite Vorteil war: Nach mehreren Gesprächen zwischen Bundeskanzler Kohl und Präsident Gorbatschow war auch da ein Vertrauensverhältnis."

Sprechchöre, die Helmut Kohl bei seinen Auftritten 1989/90 gefeiert haben

"Helmut, Helmut!"

Jean-Claude Juncker, einst Ministerpräsident von Luxemburg, über Kohls Europapolitik

"Ich habe ihn agil, träge, missmutig, grantig, fröhlich [...] erlebt - und habe immer wieder festgestellt: Wenn er sich entscheiden musste zwischen sofortigen nationalen Vorteilen und mittelfristigen gesamtkontinentalen Vorteilen - er hat immer auf die europäische Karte gesetzt. Auch wenn ihm dies oft innenpolitischen Ärger einbrachte."

Wolfgang Schäuble muss wegen der Spendenaffäre als CDU-Chef gehen und gibt Kohl die Schuld

"Vielleicht war es kein Machtkampf. Vielleicht ist es einfach nur eine Intrige. Es war schon eine ziemlich ordentliche Intrige. Ich sage mal, mit kriminellen Elementen."

Ein bekennender Europäer

"Das große Ziel Europa" - Zeit seiner Karriere war es ein leitender Gedanke für Kohl. Dabei nahm man den Mann aus der Pfalz zunächst als tumben Provinzling war - zumindest seine Kritiker und viele Journalisten aus der Hauptstadt Bonn und dem weltgewandten Hamburg. Als "Birne" wurde er schon bald verspottet.

Kohl ließ sich davon nicht beeindrucken. Erst in Mainz und später in Bonn begann er, sein Netz innerhalb der CDU zu spinnen. Sein kleines Adressbüchlein erreichte später Legenden-Status. Und so arbeitete sich Kohl nach oben: 1959 Abgeordneter in Rheinland-Pfalz, 1969 Ministerpräsident des Landes, 1973 CDU-Chef und schließlich 1982 die Kanzlerschaft. Selbst Franz-Josef Strauß ließ er am Wegesrand zurück.

Stationen seines Lebens

Zu Beginn seiner Kanzlerschaft hatte Kohl eine "geistig-moralische Wende" versprochen. Die Realität sah zunächst anders aus: Kontinuität war angesagt, vor allem in der Innenpolitik. Reformen in der Sozial- und Wirtschaftspolitik fielen behutsam aus. Manche in der Partei wollten mehr - allen voran Generalsekretär Heiner Geißler. Er wollte die Union modernisieren und sie für junge Menschen und Frauen öffnen - mit Lothar Späth an der Spitze. Doch Kohl konnte die Konkurrenz auf dem berühmten Parteitag 1989 in Bremen verhindern.

Der Kanzler der Einheit

Danach übernahm der Lauf der Geschichte die Regie. Die Bürger in der DDR wollten Freiheit, Mark und Marktwirtschaft und Helmut Kohl hatte das politische Gespür und Geschick, die Situation zu nutzen. Zusammen mit Außenminister Genscher und seinem Vertrauten Schäuble setzte er die Wiedervereinigung durch - gegen alle Widerstände aus dem In- und Ausland. Der Kanzler der Einheit war geboren - und die Wiederwahl gesichert.

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Genauso vehement wie die deutsche Einigung verfolgte Kohl die europäische Einigung. Der Euro sollte dabei helfen. 1998 beschlossen die Staats- und Regierungschefs die Einführung der gemeinsamen Währung. Ihre Einführung sollte Kohl jedoch nicht mehr als Kanzler erleben. Denn im selben Jahr verlor er die Wahl gegen Gerhard Schröder.

Ein geruhsames Leben als "Elder Statesman" war Kohl in der Folge jedoch nicht beschieden. Das System der schwarzen Kassen flog auf und stürzte Kohl und seine CDU in ihre wohl schwerste Krise. Nachdem sich Kohl weigerte, die Namen der Spender preiszugeben, wagte sein "Mädchen" schließlich den Bruch. In einem Artikel in der FAZ brach die neue Parteichefin Angela Merkel mit dem Patriarchen. Über Jahre hinweg war Kohl in der CDU persona non grata.

Was folgte, waren weitere Schicksalsschläge: 2001 bringt sich seine Frau Hannelore um. 2011 veröffentlich sein Sohn Walter ein Buch, in dem Kohl als kontrollsüchtiger Machtmensch charakterisiert wird. Halt schien Kohl in seinen letzten Jahren seine zweite Frau Maike gegeben haben. Einige Weggefährten des Altkanzlers kritisierten sie scharf: Sie habe Kohl isoliert und sei dafür verantwortlich, dass sich Kohl von früheren Freunden abgewandt hat.

Kondolenzblog


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