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Mauerbau 1961 Ein Land sperrt seine Bürger ein

Der 13. August 1961 ist ein Staatsstreich gegen das eigene Volk. Aber Walter Ulbrichts Sommerüberraschung gelingt. Der Mauerbau läuft nach Plan. Kennedy bekommt kalte Füße, aus Furcht vor einem neuen Weltkrieg lässt er den DDR-Machthabern freie Bahn.

Von: Michael Kubitza

Stand: 13.08.2017 | Archiv

"Deshalb muss erreicht werden, dass der Pro-Kopf-Verbrauch der werktätigen Bevölkerung an allen wichtigen Lebensmitteln und Konsumgütern höher liegt als der Pro-Kopf-Verbrauch der Gesamtbevölkerung in Westdeutschland."

Entschließung des V. Parteitages, 15.7.1958, als Zielvorgabe für einen Siebenjahresplan

"Ja, mach nur einen Plan! Sei nur ein großes Licht! Und mach noch einen zweiten Plan - gehn tun sie beide nicht."

Bert Brecht, Ballade von der Unzulänglichkeit des menschlichen Planens

Bert Brecht - seit 1949 wichtigster Theatermann der jungen DDR - stirbt 1956. Den 13. August 1961 muss Brecht nicht mehr miterleben. Der erste Siebenjahresplan der DDR ist spätestens 1960 tot. Die Versorgungslage verschlechtert sich rapide, wieder müssen Lebensmittel rationiert werden. Jeden Monat fliehen mindestens zehntausend Menschen aus Berlin-Ost nach Berlin-West. Die Zahl steigt - wie die Nervosität der ostdeutschen Führung.

Am 6. Juli präsentiert die DDR-Volkskammer der Welt einen "Deutschen Friedensplan", der unter anderem die Umwandlung West-Berlins zur entmilitarisierten "Freien Stadt" vorsieht. Im Westen stößt er auf eine Wand des Schweigens. Am 3. Juli fassen die Staatschefs von DDR und UdSSR einen neuen Plan: Abriegelung der Staatsgrenze und Bau der Mauer.

Diesmal scheint der Plan im Sinne seiner Planer aufzugehen. Der 13. August 1961 verläuft - siehe Galerie oben - im Großen und Ganzen so, wie das Regime gehofft hat.

"Da schlossen wir die Grenzen, und keiner hat's gewußt. Klappe zu, Affe tot, endlich lacht das Morgenrot."

Zeilen aus dem Lied 'Im Sommer 61' des DDR-Dichters Heinz Kahlau, den der Berliner Rundfunk am 17. August 1961 spielte

1961: Grenzkontrollen an der Mauer

Der Westen reagiert unentschlossen - zu groß ist Kennedys Furcht, in Berlin einen neuen Weltkrieg zu zünden. Die Zahl der "Republikflüchtlinge", die kurz nach dem Mauerbau nochmal ansteigt, schrumpft später auf eine kalkulierbare Quote von rund zehntausend amtlich abgesegneten Auswanderern pro Jahr; dazu kommen politische Häftlinge, die die DDR bald gewinnbringend vom Westen freikaufen lässt.

Nicht zuletzt: Die DDR-Führung hat klargemacht, dass sie es ernst meint. Elf Tage nach dem Mauerbau springt der Schneider Günter Litfin von der Humboldhafenbrücke, um nach Westen zu schwimmen, und wird so der erste Mensch, den die Kugeln der Grenztruppen töten. Bis 1989 sind es vorsichtig geschätzt 138.

"Verhinderter Grenzdurchbruch an der Staatsgrenze unter Anwendung der Schusswaffe. Grenzverletzer wollte gegen 16.00 Uhr schwimmend in den Westen. Nachdem eine MPI-Salve von drei Schuss vor dem Grenzverletzer ins Wasser abgefeuert wurde und dieser nicht umkehrte, erfolgte die Abgabe von gezielten Schüssen, worauf der Grenzverletzer unterging."

Protokoll der DDR-Transportpolizei

Die Behördenprotokolle klingen zufrieden. Auch auf dem Bau selbst geht es voran. 1964 gibt es in Berlin schon 15 Kilometer neues Mauerwerk und 130 Kilometer schwer zu durchdringende Drahtsperren. In der letzten Ausbaustufe sind 156,4 Kilometer Berlin durchbetoniert; die gesamte innerdeutsche Grenze ist auf einer Länge von knapp 1.400 Kilometern unpassierbar. Die Mauer ist ein gewaltiges Beschäftigungsprogramm. Tausende Arbeiter graben und mauern für einen vergleichsweise hohen Stundenlohn von 1,28 Mark. Das Betonwerk Malchin steuert im Hochbetrieb die Betonfertigteile bei - eigentlich Seitenwände für Silos. 40.000 Soldaten überwachen das Ganze.

Die Berliner Mauer - Chronologie 1961 bis 1989

Eine Mauer fürs neue Jahrtausend

Paradox: Die Mauer gehört zu den wenigen technisch innovativen Produktionsbereichen der DDR, ihre drei Bauphasen liegen zudem voll im Plan - was anders als mancher nur vorgebliche Produktionsfortschritt aber kaum als Erfolgsmeldung taugt. Die zweite Bauphase - "Grenzmauer 75" benannt - ist drei Meter hoch und über einen Meter breit. Tief im Boden versenkt, können hier allenfalls Panzer durchbrechen. Drumherum: Signalzäune, Stolperdrähte, Selbstschussanlagen, "Kontrollsandstreifen" mit Flutlicht und Wachtürmen.

Berlin 1986

Die DDR in den Achtzigern: Die Versorgung der Bevölkerung mit Konsumprodukten hinkt hinterher, der Wohnungsbau stockt, Weiterentwicklungen in der Produktion von Trabbi & Co. liegen auf Eis. Für die Mauer immerhin ist Geld da. Die DDR experimentiert mit einer "High Tech Mauer" mit Elektronik und Sensoren.


Ein "Perspektivzeitraum 1991-1995/2000" betitelter Maßnahmenplan sieht eine zweite Mauer aus Infrarot- und Mikrowellenschranken vor - zugleich aber die Abschaltung der kostspieligen Grenzbeleuchtung. Der Staat muss sparen. Das Ende vom Lied ist bekannt.

Das Fressen, die Bilder und die Moral

Im Rückblick wird deutlich, warum auch dieser Plan scheiterte. Zehntausende "Mauer-Mitarbeiter" verursachen - wie NVA und Stasi - unproduktive Milliardenkosten, die den Lebensstandard senken und den Haushalt in Richtung Ruin treiben. Die Sehnsüchte und Gedanken der DDR-Bürger sind freier, als das Regime vermutet hat; auch die Fernsehbilder. Im Jahr des Mauerbaus gibt es in der DDR 300.000 Fernsehgeräte. 1989 hat fast jeder Haushalt eines. Geguckt wird West-TV. Pläne, den eigenen Staatsfunk zum Propagandainstrument auch für den Westen zu machen, sind technisch wie inhaltlich längst gescheitert. Wer Gedankenspiele mag, kann sich ausmalen, wie das just im Jahr des Mauerfalls entwickelte World Wide Web sich ausgewirkt hätte.

Ebenso wichtig: Die größte Freiheitsberaubung in der Geschichte Europas lässt selbst die ernstgemeinten Visionen vom Aufbau eines "besseren Deutschland" zu moralisch entleerten Propagandalügen verkommen. Der nach 1949 gar nicht seltene Zuzug linksidealistischer Denker und Macher aus dem Westen kommt praktisch zum Erliegen; allenfalls zieht es noch zur Fahndung ausgeschriebene RAF-Terroristen in die DDR.

Nach dem 17. Juni 1953 hat Bert Brecht die grimmige Frage gestellt, ob es nicht einfacher wäre, "die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes." 1961 entschloss sich die Regierung, das Volk lieber einzusperren - bis es 1989 seinen Staat auflöste.


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