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Tierisch überlastet Wie der Freistaat Tierheime im Stich lässt

Die Ferienzeit ist die schlimmste Zeit – dann sind Tierheime voller denn je. Rund 50.000 Tiere werden jährlich in bayerischen Tierheimen abgeliefert. Und die Heime sind nicht nur überlastet, sondern auch noch finanziell am Limit. "Nichts geht mehr", beschreibt der Deutsche Tierschutzbund die derzeitige Lage. Doch seitens der Staatregierung fehle es an jeglicher Unterstützung.

Von: Inga Pflug und Anja Bühling

Stand: 09.09.2016

Tierheim Rosenheim

Hinter einem maroden Maschendrahtzaun liegen die Gebäude des Rosenheimer Tierheims. Dort finden herrenlose, misshandelte oder verlorengegangene Tiere Unterschlupf. Doch von moderner, artgerechter Haltung kann hier nicht die Rede sein. Die Zwinger der Hunde und die Zimmer für die Katzen entsprechen längst nicht mehr den heutigen Standards. Kleintiere sind in einer ehemaligen Dienstwohnung untergebracht.

"Das Kleintierhaus ist meines Erachtens nur ein Provisorium. Wir können auch in diesem Gebäude unsere Hasen und Meerschweinchen nur in Käfighaltung unterbringen, manchmal müssen wir stapeln oder die Kleintierpflegerin muss noch Tiere mit nach Hause nehmen. Es ist schon sehr extrem."

Andrea Thomas, Vorsitzende Tierschutzverein Rosenheim

Das Kleintierhaus Rosenheim – ehemals eine Dienstwohnung

Das Rosenheimer Tierheim ist nicht nur überfüllt, sondern auch baufällig. Die Renovierungskosten belaufen sich auf zweieinhalb bis drei Millionen Euro. Das kann sich das Tierheim nicht leisten. Es seien auch schon Trennwände zusammengebrochen, sagt Andrea Thomas, die Vorsitzende des Tierschutzvereins Rosenheim. Die Situation sei an der Grenze des Zumutbaren für Tiere und Mitarbeiter.

Illegale Welpen-Transporte

Doch nicht nur das Rosenheimer Tierheim kämpft ums Überleben. Bayernweit gibt es 88 Tierheime. Davon sei jedes Dritte von der Pleite bedroht, schätzen die tierschutzpolitischen Sprecher der SPD-Landtagsfraktion Herbert Woerlein und Susann Biedefeld. Sie fordern daher Investitionskostenzuschüsse für Tierheime.

Ein Hauptproblem ist, dass Tierheime neben ihren Kernaufgaben – nämlich der Aufnahme von herrenlosen, misshandelten, beschlagnahmten oder verlorengegangenen Tieren – neue Herausforderungen wahrnehmen müssen:

"Wir haben viel mehr Exoten – dadurch auch immer mehr beschlagnahmte Tiere. Und wir haben natürlich viele illegale Welpen-Transporte – und damit eine Kostenexplosion."

Dagmar Wöhrl, ehrenamtliche Präsidentin des Tierschutzvereins Nürnberg/Fürth und Umgebung

Insbesondere die illegalen Welpen-Transporte belasten die bayerischen Tierheime. Der Weg der Händler  führt oft durch den Freistaat. Von Osteuropa etwa Richtung Belgien – wo Hundewelpen wie Massenware zum Verkauf angeboten werden. Auf den Kosten für die Pflege der Welpen bleiben Tierheime oft jahrelang sitzen.

Ein Beispiel: Im Jahr 2013 wurden auf der A70 insgesamt 78 Welpen befreit, die illegal transportiert wurden. Die Behörden verteilten die Tiere auf sieben Tierheime in ganz Bayern. Dort mussten die kleinen Hunde aufgepäppelt, untersucht und geimpft werden. Noch diesen Sommer – drei Jahre später – waren dafür in den Tierheimen Schwebheim bei Schweinfurt und Feucht bei Nürnberg Rechnungen von rund 107.000 Euro offen.

Den Tierheimen entstehen Auslagen, die sie eigentlich von den kommunalen Behörden erstattet bekommen sollten. Die wiederum versuchen, das Geld vom Verursacher zu bekommen, etwa dem Welpen-Händler oder Transporteur. Sitzt der allerdings im Ausland, wird es richtig schwierig. Ihn zu belangen, ist fast unmöglich, denn die Verfolgung von Tierschutzverstößen ist laut EU-Recht nicht europaweit vorgesehen – wie es etwa bei der Verfolgung von Strafzetteln der Fall ist.

Klamme Kassen

Die finanzielle Unsicherheit belastet Bayerns Tierheime. Sie sind privatwirtschaftlich organisiert – das heißt die Finanzierung erfolgt in erster Linie durch Spenden, Erbschaften und Mitgliedsbeiträge. Doch die reichen nicht mehr. Laut Gesetz stehen die Kommunen in der Pflicht,  weil sie zuständig für die Unterbringung von Fundsachen sind. Darunter fallen auch Fundtiere.

"Die Kosten für die Unterbringung und Pflege von Fundtieren und gefährlichen Tieren sind grundsätzlich von den zuständigen Gemeinden zu tragen. (…)  Auch die Unterbringung von Welpen aus tierschutzwidrigen Transporten ist Aufgabe der örtlich zuständigen Kreisverwaltungsbehörden."

Bayerisches Umweltministerium  

Doch wie hoch die jeweiligen Zuschüsse am Ende ausfallen – das ist Verhandlungssache und von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich: Einige Kommunen lösen das über eine Pauschale – pro Einwohner gibt es jährlich einen bestimmten Cent-Betrag für das Tierheim.

Dagmar Wöhrl

"Wir haben Berechnungen – auch vom Tierschutzbund – wie man einigermaßen über die Runden kommen würde. Und zwar dann, wenn man einen Euro pro Einwohner bekommen würde."

Dagmar Wöhrl, ehrenamtliche Präsidentin des Tierschutzvereins Nürnberg/Fürth und Umgebung

In Rosenheim beispielsweise ist jedoch schon der Versuch gescheitert, eine Pauschale einzuführen. Das dortige Tierheim hat keinen Vertrag mit seiner Kommune abschließen können und muss deshalb jedes Fundtier einzeln abrechnen, das heißt Kostenbelege vorlegen und die Erstattung einfordern – ein enormer Aufwand.

Keine finanzielle Unterstützung vom Freistaat

Dass Tierheime um ihre Existenz kämpfen müssen, steht in einem krassen Widerspruch zum Verfassungsrang des Tierschutzes. Denn seit 1998 ist der als Staatsziel in der Bayerischen Verfassung festgeschrieben:

"Tiere werden als Lebewesen und Mitgeschöpfe geachtet und geschützt."

Bayerische Verfassung, Art. 141 Absatz 1 Satz 2

Allerdings hat die Staatsregierung schon im Jahr 1994 die direkte finanzielle Unterstützung der Tierheime eingestellt. Damals wurde der Förderbeitrag von 100.000 DM gestrichen, weil diese vergleichsweise geringe Summe zu viel Verwaltungsaufwand verursache.

Der Deutsche Tierschutzbund sieht den Freistaat aber weiterhin in der Pflicht: Verbandspräsident Thomas Schröder fordert einen Nothilfefonds, auf den Amtstierärzte und Kommunen bei Welpen-Transporten und anderen Notlagen zugreifen können.

"In Bayern ist das besonders dramatisch. Wir haben in vielen anderen Bundesländern Fördertöpfe. Ein Land wie Mecklenburg-Vorpommern, wirklich nur ein kleines Bundesland, schafft es, für Tierheime und deren Tierschutzarbeit eine Million Euro auf die Beine zu stellen. Die Landesregierung Bayern tut nichts."

Thomas Schröder, Präsident Deutscher Tierschutzbund

Thomas Schröder

Das zuständige Umweltministerium verweist auf Anfrage des Funkstreifzugs auf den Finanzausgleich, der den Kommunen zur Erfüllung ihrer Aufgaben zur Verfügung stehe sowie auf besondere Finanzzuweisungen an die Veterinärämter.

Der Tierschutzbund will aber keinen Tierschutz nach Kassenlage betreiben und hat daher eine bundesweite Petition angestrengt. Mehr als 42.000 Stimmen sind bis Ende August schon eingegangen – für eine faire Bezahlung der Tierheime. Noch im September sollen die Unterschriften an den Parlamentskreis Tierschutz im Bundestag übergeben werden.


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Tierfreund, Montag, 12.September, 06:07 Uhr

20. Modell peta

Die PETA, eine radikale Tieschutzorganisation, läßt überzählige Tiere einschläfern. Was spricht dagegen?

Iri Na, Sonntag, 11.September, 23:49 Uhr

19. Kastrations- und Kennzeichnuungspflicht

Es wäre ja schon ausgesprochen viel geholfen, wenn endlich eine Kastrations- und Kennzeichnungsflicht für alle Haustiere eingeführt würde, sowie Haltung und Handel von Exoten strikter geregelt würden. Auch für sog. Bauernhofkatzen, die sich oft unkontrolliert vermehren können und da ist Katzenelend vorprogrammiert. Das könnten die Landkreise selbst beschließen um die Tierheime langfristig zu entlasten. Auch die Latte für Züchter sollte höher gelegt werden, um unverantwortlichen "Züchtern" und sog. Hobbyzüchtern das Handwerk zu legen. Auf eine vernünftige Finanzierung seitens der Staatsregierung wird man wohl lange warten müssen, fürchte ich.

BK, Sonntag, 11.September, 21:37 Uhr

18. Überlastete Tierheime

Wir sind seit einigen Monaten auf der Suche nach einem Hund. In den Tierheimen tummeln sich neben wenigen Problemhunden inzwischen vor allem Hunde aus Süd- und Osteuropa. Keine Rassewelpen, sondern erwachsene Mischlinge, die mit Sicherheit nicht aus illegalen Welpentransporten stammen. Weshalb übernehmen unsere Tierheime Hunde aus dem Ausland, wenn sie ohnehin schon überlastet sind? Die Probleme in den Ursprungsländern lösen sie damit sicher nicht. Als unsere Katze mit 18 Jahren eingeschläfert werden musste, habe ich beim örtlichen Tierschutzverein wegen einer "Nachfolgerin" angefragt. Als die Leiterin des Katzenhauses hörte, dass das arme Tier in einen Haushalt mit drei Kindern kommen würde, erhielt ich sofort eine Absage. Eine Woche später war in der örtlichen Presse zu lesen, dass das Katzenhaus der Tierschutzorganisation völlig überfüllt sei und dringend um Spenden gebeten würde ... Mir scheint, ein Teil der Problem des Tierschutzes ist hausgemacht.

Gretchen, Sonntag, 11.September, 20:57 Uhr

17. Seltsame Überschrift

Ein richtiger Journalist würde schreiben: "Tierheime fühlen sich im Stich gelassen".

Bei BR kriegt man das anders serviert. Warum eigentlich?

Arbed, Sonntag, 11.September, 20:40 Uhr

16. Tierkauf, Tierfutter und Tierbehandlung besteuern

Tipp an den Tierschutzbund: weniger lamentieren, statt dessen Tierheimsteuer auf den Kauf von Tieren, Tierfutter und Tierbehandlung beim Tierarzt fordern. Bei soviel Tierliebe wie bei uns dürfte das kein Problem sein.

  • Antwort von i.scholz, Montag, 12.September, 15:30 Uhr

    das nützt ja nichts, wenn die Tiere im Internet und auf der Straße angeboten werden. Kürzlich beim Mainuferfest in Frankfurt hat ein bulgarischses Paar Welpen aus dem Koffer angeboten, die schon dehydriert und apathiisch waren. Zum Glück hat ein Besucher die Polizei gerufen. Ich darf gar nicht sagen, was ich mit solchen Menschen am liebsten machen würde. Es gibt ja überhaupt keine Kontrollen - das Geschäft mit den Tieren ist uferlos. Im Internet Tiere anzubieten müsste verboten sein. Aber wie gesagt, wenn keine Kontrolle da ist.